Mensch Meyer!
Zum Jahresende verlässt ZDK-Geschäftsführer Ingo Meyer die Berufsbildungsbühne. Wir zeigen hier einen Rückblick auf sein Berufsleben.
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Zum Verband geholt hat ihn Fritz Haberl, ehemaliger Präsident des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes. Ingo Meyer, damals Trainee des VW-Werks, war in der Abteilung Kundendienst seinem Vorgesetzten Hermann Bruns aufgefallen, der ihn Fritz Haberl empfahl. Schon bei Volkswagen zeichnete sich Meyer durch unkonventionelles Engagement aus: Er war beauftragt, die Stundenverrechnungssätze der Werkstätten zu überprüfen und nach Schwierigkeitsgraden zu differenzieren. Dazu bezog er die Beteiligten aus der Praxis mit ein und heraus kam ein Drei-Sterne-Gewichtungssystem, das bei VW bis heute gilt.
Start mit Hindernissen
Ingo Meyers Eintritt in den Verband wäre um ein Haar danebengegangen, denn parallel zur Haberl‘schen Initiative hatte der damalige Geschäftsführer Rolf Binnenbrücker bereits jemanden für den Fachbereich Berufsbildung eingestellt: Werner Losensky. Eigentlich war kein Geld mehr da, um auch noch Meyer zu beschäftigen. Ein „verbandspolitischer Trick“ war nötig: Binnenbrücker schlug das Thema „Berufsbildung“ der „Gewerbeförderung“ zu, weil es nur dafür vom Minister Geld gab. Intensives Nachhaken bei den Sachbearbeitern des Ministeriums führte letztlich zum Erfolg. „Das war ein Glück für uns“, sagt Binnenbrücker noch heute. „Wenn ich ausschließlich solche Mitarbeiter gehabt hätte, hätten wir mit der Hälfte der Mannschaft das Doppelte bewirkt.“
Just als Ingo Meyer zum ZVK kam, der damals noch auf den sperrigen Namen „Zentralverband des Kraftfahrzeughandwerks und Fachverband des Kraftfahrzeughandwerks im Zentralverband des Kraftfahrzeuggewerbes“ hörte, wurde der »autoFACHMANN« ins Leben gerufen. Er entstand aus dem „Junghandwerker“, der seit 1960 im »kfz-betrieb« verlegt wurde und im August 1972 durch den „Vertrag über die Herausgabe der Berufsbildungszeitschrift »autoFACHMANN« und »Infos für Ausbilder« ersetzt wurde. Damit war der »autoFACHMANN« vom ersten Tag an ein wichtiges Ziehkind im Berufsleben des Ingo Meyer, sollte aber bei Weitem nicht das einzige bleiben. Meyer hat die Vogel Auto Medien, so Geschäftsführer Ernst Haack, in vielen Fragen zielführend beraten – zum beiderseitigen Nutzen.
Mit dem Zuschlag des damaligen Wirtschaftsministeriums konnte der Verband den Bereich „Marketing und Personalentwicklung“ gründen, in dem Meyer zunächst „Alleinunterhalter“ war. Sein erster Job: Eine „Sonderschau Kfz-Berufe“ auf der Automechanika konzipieren und durchführen. Das Ziel des damaligen ZDK-Auftritts: Eine „lebendige Werkstatt“ abbilden, um das berufliche Umfeld im Kraftfahrzeuggewerbe transparent zu machen und damit um Verständnis für die Branche zu werben. Gerade einmal drei Monate Zeit blieben für Konzept, Realisierung und Partnersuche. Um das Thema „Auto und Werkstatt“ so realitätsnah wie möglich zu präsentieren, ließ Meyer sogar den Hallenboden der Messe Frankfurt asphaltieren – heute kaum noch vorstellbar. Die Sonderschauen sollten ihn sein Berufsleben lang begleiten, denn jährlich wurden in diesem Rahmen Themen aufgelegt, die nicht nur die technische Entwicklung im Kraftfahrzeuggewerbe dokumentierten, sondern auch seine Berufe nahebrachten. Fritz Haberl: „Es war einer der herausragenden Verdienste von Ingo Meyer, die Kfz-Berufe modernen Notwendigkeiten anzupassen und von ihrem ‚Eisen-zu-Staub-Image’ wegzubringen.“ Die Sonderschauen sorgten gewerbe- und bildungspolitisch für die Umsetzung des Themas „Berufsbildung“ in der Kfz-Branche. Später wurden sie durch die mobile Ausstellung „Autoberufe – Chancen für Könner“ ergänzt.
Aus der Praxis
Ingo Meyer hat Kraftfahrzeugmechaniker gelernt. Seine beruflichen Wurzeln liegen in Wolfsburg und damit bei VW; Lehrherr war der dortige Großhändler Hotz. Schon während der Ausbildung arbeitete Meyer zusätzlich im Prototypenbau der technischen Entwicklung der Volkswagen AG. Kurz danach holte er im Abendgymnasium das Fachabitur nach und studierte Fahrzeugtechnik (Leichtbau) an der Fachhochschule in Hamburg, bevor er als Trainee beim Volkswagenwerk im Zentralbereich Kundendienst einstieg. Parallel dazu absolvierte er im Lehr- und Forschungsinstitut für industrielle Koordinierung der Körber-Stiftung in Hamburg ein Management-Studium.
Wenn man Weggefährten Meyers nach seinen zentralen Eigenschaften fragt, sind sie relativ schnell aufgezählt: „Strategisch und perspektivisch denkend, in der Sache klar, deutlich und manchmal hart“, erinnert sich der damalige Bundesinnungsmeister Walter Stoy. Rolf Binnenbrücker bezeichnet ihn als „vor allem vertrauensvoll, unkompliziert und effektiv.“ Stets im Fokus hatte Meyer die Grundlagenarbeit für die Berufsbilder im Kraftfahrzeuggewerbe: zunächst Kfz-Mechaniker und Kfz-Elektriker, später Kfz-Mechatroniker sowie die kaufmännischen Ausbildungsberufe Kaufmann im Groß- und Außenhandel, Bürokaufmann, Kaufmann im Einzelhandel und später Automobilkaufmann. Dadurch wollte er der Branche attraktive Berufsbilder und den Betrieben leistungsfähige Mitarbeiter verschaffen.
Fordern und Fördern
Ein besonderes Anliegen waren ihm stets die beruflichen Leistungswettbewerbe auf nationaler und internationaler Ebene. Die Förderung junger Talente im Rahmen industrieller Netzwerke brachte zwei Berufsweltmeister für das Deutsche Kraftfahrzeuggewerbe hervor: Rudolf Angerer und Jan Feustel. Dazu kam eine Vielzahl guter und sehr guter Platzierungen, die sorgten dafür, dass das Kfz-Gewerbe jungen Leuten jeglicher Herkunft attraktiv erschien. Die Zahl der Azubis mit mittlerem Bildungsabschluss verdoppelte sich im Lauf der letzten 20 Jahre.
Die Ausbildungsbetriebsquote im Kfz-Gewerbe ist mit 41,4 Prozent fast doppelt so hoch wie in der übrigen Wirtschaft. Nicht zuletzt diesem Umstand ist es zu verdanken, dass das Kraftfahrzeuggewerbe bislang kaum unter Nachwuchssorgen zu leiden hatte. Damit schon bei der Einstellung nichts schiefgeht, wurden unter Meyer‘scher Führung Leitfäden zur Bewerberauswahl entwickelt.
Die rund 100 000 Auszubildenden des Kfz-Gewerbes verteilen sich im Wesentlichen auf drei technische und zwei kaufmännische Berufe. Vor allem die Weiterbildung bietet ihnen jede Menge Chancen. Unter der Überschrift „Karriere mit Lehre“ wurden diverse Weiterbildungsstufen entwickelt und durchgesetzt. Zu den wichtigsten gehörten der „Kraftfahrzeug-Servicetechniker“, der „Geprüfte Automobilserviceberater“ und der „Geprüfte Automobilverkäufer“. Aber auch die Bundesfachschulen für das Kraftfahrzeuggewerbe in Calw und Northeim, in denen sich die Nachwuchskräfte des Gewerbes zum „Betriebswirt des Kraftfahrzeuggewerbes“ ausbilden lassen und an die sie eine universitäre Weiterbildung an der Northwood University in den Vereinigten Staaten anschließen können, gehören zu den Meyer‘schen Ziehkindern.
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