Mercedes Guard: S-Klasse in der Schusslinie

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In der Manufaktur, in der Mercedes auch den Maybach gebaut hat, werden binnen drei Monaten bereits im Rohbau der Karosserie weitgehend von Hand rund 500 zum Teil Zentimeter dicke Stahlplatten eingeschweißt und geschraubt, die aus der Fahrgastzelle einen nahezu hermetisch abgeriegelten Sicherheitskäfig machen. „Der ist so hart, dass selbst Hochgeschwindigkeitsgeschosse aus einem militärischen Gewehr daran förmlich pulverisiert werden“, sagt Nast und zieht zum Beweis ein gerade beschossene Stahlplatte hervor, die man nur abstauben und neu lackieren müsste, bevor man sie wieder einsetzt.

Dazwischen kleiden sie die Karosserie mit speziellen Aramid-Matten aus, aus denen auch die Schusssicheren Westen der Polizei gemacht werden. Und statt der konventionellen Scheiben setzten sie eben jenes Panzerglas ein, das zuvor im Schusskanal getestet wurde. Die ist dann nicht mehr einen, sondern zehn Zentimeter dick und die Frontscheibe wiegt bald drei Zentner. Kein Wunder, dass zum Beispiel in den Türen hydraulische Fensterheber benötigt werden, weil die normalen E-Motoren dieses Gewicht gar nichtstemmen könnten.

Mit herkömmlichen Waffen nicht zu knacken

Aber die Mühe lohnt sich. Denn so entsteht eine Schutzzone, die mit herkömmlichen Waffen nicht zu knacken ist“, sagt Nast. Wer ihm das nicht glaubt, dem zeigt er gerne eine Urkunde des Beschussamtes in Ulm. Diese Behörde ist eine Art staatlicher TÜV für alle Themen rund um Waffen und hat die Guard-Modelle während der Entwicklung auf Herz und Nieren getestet: Zwischen 400 und 500 Schüsse haben die Beamten auf die Limousine abgegeben und dabei vor allem auf vermeintlich neuralgische Punkte wie den Übergang von Tür und Karosserie gezielt. Zwar sah das Auto danach aus wie ein Schweizer Käse, doch sind weder Projektile noch Splitter in den Innenraum gedrungen. Danach haben die Mercedes-Entwickler noch je zwei Handgranaten auf dem Dach und unter dem Boden gezündet und zudem noch eine Sprengladung aktiviert, während so genannte Dummies im Wagen saßen. Ergebnis der Messung: Hätten statt der Puppen echte Politiker im Auto gesessen, wären sie mit dem Schrecken davon gekommen.

Man muss nicht König, Kaiser oder Kanzler sein, um einen Guard zu fahren. „Denn im Prinzip kann diese Autos bei uns jeder bestellen“, sagt Produktmanager Nast. Aber nicht jeder wird auch einen bekommen. Nicht nur, weil die Produktionskapazitäten limitiert sind. Sondern auch, weil der Hersteller seine Kunden auf einen einwandfreien Leumund hin überprüft.

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Gepanzerte Geländewagen zum Beispiel fallen teilweise unter das Kriegswaffenkontrollgesetz und benötigen deshalb eine spezielle Ausfuhrgenehmigung. Und bei allen anderen Guard-Modellen gibt es in den jeweiligen Ländern eine gründliche Prüfung durch die Vertriebsorganisation, sagt Nast. Ob gut oder böse oder wenigstens politisch korrekt, diese Entscheidung kann und soll ein Autohändler nicht beantworten. Doch zumindest werden Guard-Modelle nicht an Kriminelle oder über schwarze Kassen verkauft.

Immer mal wieder kommen Nast da auch ungewöhnliche Wünsche unter. Zwar baut seine Mannschaft schon jetzt auch Frischluftanlagen ein, die vor Giftgas-Angriffen schützen, installiert automatische Feuerlöschsysteme, schusssichere Tanks und Reifen mit Notlaufeigenschaften. Wer die nötigen Genehmigungen vorlegt, bekommt auch versteckte Blink- oder Blaulichter, Sirenen oder Lautsprecher, und aus der Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt weiß Nast von ein paar speziellen aber leider streng geheimen Extras zum Beispiel für die verschlüsselte Datenkommunikation der Regierung.

„Wir sind hier nicht bei James Bond“

Doch Systeme zur aktiven Gegenwehr gibt es in den Guard-Modellen genau so wenig, wie Türgriffe, die man unter Strom setzen kann, Nebelwerfer oder Ölkanonen, mit denen man Verfolger abschüttelt oder Krähenfüße, die man aus dem Fahrzeugheck fallen lässt, winkt Nast kategorisch ab: „Wir sind hier schließlich bei Mercedes-Benz, nicht bei James Bond.“

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