Zulieferer Recaro meldet Insolvenz an

Quelle: dpa 3 min Lesedauer

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Das schwäbische Traditionsunternehmen ist zahlungsunfähig. Ob der gerichtlich bestellte vorläufige Sachwalter die Arbeitsplätze erhalten kann, ist fraglich.

Porsche und Recaro werden bis heute nicht ohne Grund in einem Atemzug genannt. Schließlich war der Sitz- und einstige Karosseriebauer jahrzehntelanger Lieferant für den Sportwagenbauer. Nun ist dieser offenbar Geschichte.(Bild:  Recaro)
Porsche und Recaro werden bis heute nicht ohne Grund in einem Atemzug genannt. Schließlich war der Sitz- und einstige Karosseriebauer jahrzehntelanger Lieferant für den Sportwagenbauer. Nun ist dieser offenbar Geschichte.
(Bild: Recaro)

Der traditionsreiche Autositz-Hersteller Recaro in Kirchheim unter Teck hat Insolvenz angemeldet. Das Amtsgericht Esslingen ordnete am Montag vorläufige Eigenverwaltung an und ernannte den Stuttgarter Rechtsanwalt Holger Blümle zum vorläufigen Sachwalter. Er soll die wirtschaftliche Lage der Recaro Automotive GmbH prüfen und die Geschäftsführung überwachen. Die IG Metall zeigte sich von dem Insolvenzantrag überrumpelt. „Was das nun für die 215 Beschäftigten der Recaro Automotive GmbH in Kirchheim bedeutet, ist unklar“, teilte die Gewerkschaft mit.

Über mehrere Jahre hinweg habe die Belegschaft durch Verzicht und Verschiebung von Entgelten dazu beigetragen, das Unternehmen wirtschaftlich stabil zu halten. „Wir sind enttäuscht und fühlen uns vom Management im Stich gelassen“, sagte Betriebsratschef Frank Bokowits. „Unsere Kolleginnen und Kollegen haben große Opfer gebracht, um das Unternehmen zu unterstützen.“ Die IG Metall fordert einen transparenten Dialog mit der Geschäftsführung und dem Sachwalter. „Wir erwarten, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um Arbeitsplätze zu sichern und eine nachhaltige Lösung zu finden“, sagte der Esslinger IG-Metall-Chef Alessandro Lieb. Ein Treffen mit den Belegschaftsvertretern sei in den kommenden Tagen geplant, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Zu Beginn des Jahres 2020 hatte Adient seinen damalige Geschäftsbereich Recaro Automotive Seating abgestoßen. Der Bereich ging an Raven Acquisition LLC, einer Investmentgesellschaft im Privatbesitz aus Detroit.

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118 Jahre am Markt

Gegründet wurde Recaro bzw. die „Stuttgarter Carosserie- u. Radfabrik“ am 1. Oktober 1906 vom Sattlermeister Wilhelm Reutter in der Augustenstraße in Stuttgart. Am 24. Juli 1909 meldet er das Patent für ein „Klappverdeck mit Vordach, insbesondere für Motorfahrzeuge“ an. Diese sogenannte „Reformkarosserie“ war ein konstruktiver Vorläufer des Cabriolets. Es entstehen Aufbauten inklusive Innenausstattung für nahezu alle namhaften Hersteller, insbesondere Daimler-Benz (und Vorgänger) sowie die Chemnitzer Wanderer-Werke. 1930 geht Reutter eine Partnerschaft mit dem Konstruktionsbüro Porsche ein und fertigt ab 1931 erste Aufbauten für die Porsche-Typen 7, 8, 9, 12 und 32 an. Nachdem die Kapazitätsgrenze des Stammwerks in der Augustenstraße erreicht war, entsteht ein zweites Werk in Zuffenhausen, wo unter anderem die Prototyp-Vorserie VW 303 des Kdf- bzw. Volkswagen. Ebenso die 30 Prototypen des Porsche Typ 60, dem endgültigen „Käfer“. Vier Jahre nach Kriegsende bekommt das Unternehmen einen Großauftrag zur Fertigung von 500 Karosserien inklusive der kompletten Innenausstattung für den Porsche 356. Fortan fertigen die Zuffenhausener für die Zuffenhausener die Karosserie und Sitze dieses Typs bis 1963. Da verkauft Reutter im Dezember das Karosseriewerk mitsamt 950 Mitarbeitern an Porsche.

Die Sitzfertigung wird davon ausgenommen. Das Unternehmen firmiert in die Recaro GmbH (REutter-CAROsserie) um und produziert mit einer Belegschaft von 250 Mitarbeitern nunmehr Fahrzeugsitze für Porsche, aber auch für andere Hersteller zur Nachrüstung. 1965 Recaro stellt den ersten Recaro-Sportsitz auf der Automobilausstellung in Frankfurt vor. Zwei Jahre später veräußert die Familie Reutter ihr Werk an die drei Unternehmen Keiper, Huber & Wagner und Metzeler. Etwa zeitgleich startet die Vorbereitung zur Fertigung von Flugzeugsitzen. 1974 bringt man mit dem Recaro Profi-Vollschalensitz der erste Motorsportsitz auf den Markt. 1983 Die Firma Keiper übernimmt alle Recaro-Anteile. Im gleichen Jahr errichtet die Keiper Recaro GmbH & Co. das erste europäische Just-in-time-Werk zur Fertigung der Sitze des Mercedes-Benz 190 in Bremen. 1997 Im Zuge einer Umstrukturierung wird Recaro wieder zu einem eigenständigen Unternehmen. Hieraus entstehen vier rechtlich und wirtschaftlich unabhängige Unternehmen. 2016: Recaro Automotive Seating gehört nach dessen Abspaltung von Johnson Controls zum Automobilzulieferer Adient. Die Recaro Group tritt weiterhin als Lizenzgeber auf. Die Marke ist seit einiger Zeit im deutschen Profifussball präsent. Dort sitzen einige Trainer und Spieler auf Recaro-Sitzen am Spielfeldrand. Für zuhause oder das Büro bietet das Unternehmen mittlerweile Drehstühle im typischen Sportsitz-Design an.

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