Start ohne roten Teppich
Jochen Schandert, Skoda-Händler aus Lutherstadt Wittenberg, ist Sieger des diesjährigen »kfz-betrieb«-Junior Award.
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Schon als Kind wusste Jochen Schandert, dass er beruflich mal etwas mit Autos zu tun haben wollte. Als Elfjähriger wusch er nach der Schule mit dem Gartenschlauch die Autos im neugegründeten Skoda-Autohaus seines Vaters. Mit 15 Jahren verkaufte er sein erstes Auto. „Ich hatte immer das Gefühl, die Leute kommen gern zu uns, weil wir ihnen helfen“, erklärt er seinen Wunsch von damals.
An diesem Wunsch änderte sich auch nichts, als er zwischen seinem 15. und 18. Lebensjahr jeden Nachmittag auf dem Bagger saß und half, das neu erworbene Geschäftsgrundstück seines Vaters von Altlasten zu befreien. Fast 400.000 Mark sparten die Schanderts mit der Eigeninitiative. Heute schmunzelt der 30-Jährige: „Ich habe in der Zeit viel Geld verdient. Leider hatte ich überhaupt keine Freizeit mehr und damit keine Gelegenheit, es auszugeben.“
Serviceorientierte Ausbildung war nützlich
Nach Abitur und Wehrdienst begann Jochen Schandert eine Ausbildung zum Automobilkaufmann. Die dauerte nur zwei Monate, dann war sein Ausbildungsbetrieb pleite. Das vermeintliche Unglück erwies sich im Nachhinein als großes Glück: Das VW/Audi-Autohaus Pattusch in Dresden ermöglichte ihm ein duales Studium an der Berufsakademie in Glauchau. „Bei Pattusch habe ich eine sehr serviceorientierte Ausbildung genossen und eine Menge von dem gelernt, was mir heute als Chef nützt“, lobt Schandert. Und er ergänzt: „Mit 20 sucht man sich ja auch Vorbilder. Pattusch und die beiden Kundendienstleiter sind solche Vorbilder für mich.“
Nach dem Studium, das Jochen Schandert mit einem Durchschnitt von 1,5 abschloss, entschied er sich, nach Hause zu gehen. Obwohl er sowohl von Pattusch als auch von VW in Wolfsburg, wo er seine Diplomarbeit geschrieben hat, interessante Angebote bekam. „In Wolfsburg hätte ich gutes Geld verdient und garantiert keine Probleme gehabt. Aber ich hätte am Ende eines Arbeitstages kein konkretes Ergebnis gesehen. Das ist nichts für mich“, sagt Schandert.
Als Verkäufer Respekt verdient
Im väterlichen Betrieb in der Lutherstadt Wittenberg rollten sie ihm allerdings keinen roten Teppich aus. Dabei hatte der frischgebackene Absolvent keine hochtrabenden Wünsche: „Mir war es nie wichtig, eine Leitungsfunktion zu haben oder gar als Assistent des Geschäftsführers zu starten. Ich wollte ganz ‚normal’ als Verkäufer anfangen und mir den Respekt der Mitarbeiter erarbeiten, die mich schließlich schon als Kind kannten“, blickt der junge Mann zurück. Aber es waren schon drei Verkäufer da. „Vater hat mich glattweg abgeschoben in den Betrieb meines Bruders“, erinnert sich Jochen Schandert ohne Groll. Seinem Elan tat das keinen Abbruch. Nachdem zwei Verkäufer den Betrieb verlassen hatten, kam er doch noch zum Zug und schaffte es schnell, 250 bis 300 Fahrzeuge pro Jahr zu verkaufen. Das brachte ihm große Anerkennung bei den Mitarbeitern ein: Die erkannten, dass da einer mit ganzer Kraft dabei war und „etwas auf dem Kasten hatte“.
Im Jahr 2003 machte ihn sein Vater – vorerst aus steuerlichen Gründen – zum zweiten Geschäftsführer. Um diese Aufgabe wirklich ausfüllen zu können, verschaffte sich der Juniorchef zunächst einen Überblick über das Unternehmen. „Wir hatten inzwischen unseren Marktanteil von 5,5 auf 11 Prozent gesteigert. Aber irgendwie ging es trotzdem nicht weiter bei uns“, erinnert sich Schandert.
Er musste feststellen, dass seine Eltern im Laufe der Jahre vollkommen den Überblick über alle ihre Verbindlichkeiten und Altlasten verloren hatten. Die Kredite waren überbesichert, das private Vermögen unglücklich verflochten. Es ging um fast zwei Millionen Mark, die teilweise aus Krediten von 1994 stammten.
Fünfjährige Entschuldungsphase
Fünf Jahre lang hat Jochen Schandert daran gearbeitet, die Dinge in Ordnung zu bringen. Er hat unzählige Gespräche mit alten und neuen Banken geführt, die Buchhaltung weg vom Steuerberater hinein in den Betrieb verlagert. So hat er die Grundlagen für ein eigenes Controlling geschaffen. Am 1. Januar 2009 werden seine Eltern schuldenfrei sein. Die GmbH hat dann nur noch Verbindlichkeiten aus dem Jahr 2007, als das Unternehmen etwa eine Million Euro in ein eigenes Gebrauchtwagenkonzept und eine neue Filiale in Dessau investiert hat.
So schlimm diese Entschuldungsphase auch war, sie hat dem jungen Geschäftsführer die Möglichkeit gegeben, alle wesentlichen Dinge der Unternehmensführung nicht nur kennenzulernen, sondern auch gleich praktisch auszuprobieren. Und sie hat ihm die Augen geöffnet über die Arbeitsweise von Banken: „Banken sind gnadenlos. Die haben Schindluder getrieben mit meinen Eltern.“
Seit 2007 ist der Junior alleiniger Geschäftsführer. Seit Beginn des Jahres 2008 gehören ihm 75 Prozent des Unternehmens.
Die „Mühen der Gebirge“ hat der zielstrebige junge Mann nun hinter sich. Die „Mühen der Ebenen“ hat er bereits fest im Blick. Er ist überzeugt: „In den nächsten zwei Jahren entscheidet sich die Zukunft unseres Unternehmens.“ Dafür will er gewappnet sein. Ein erster Schritt dorthin ist das eigene Gebrauchtwagenkonzept, mit dem er im März 2008 gestartet ist.
Weitere Schritte werden eine intensivere Marktbearbeitung und mehr Aufmerksamkeit für die Mitarbeiter sein. „Unsere Mitarbeiter tun ihre Pflicht. Aber wir brauchen die Kür, wenn wir auf Dauer erfolgreich sein wollen“, erläutert Schandert.
Dafür will er eine zweite Führungsebene im Autohaus schaffen. Verkaufsleiter Neuwagen, Verkaufsleiter Gebrauchtwagen, Serviceleiter und kaufmännischer Leiter sollen ihren Chef künftig im Tagesgeschäft unterstützen.
Jochen Schandert ist sich seiner Verantwortung bewusst: „Wenn ich nicht erfolgreich bin, dann gibt es unseren Betrieb in zehn Jahren nicht mehr.“
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