Testen bis die Fetzen fliegen
Billige Bremsbeläge verursachen unterm Strich mehr Kosten und sind zudem gefährlich. Ein Test auf einem Prüfstand von Honeywell zeigt deutlich die Unterscheide zwischen „gut“ und „böse“.
Anbieter zum Thema
Fährt ein Autofahrer eine Bergstraße hinunter und sieht im Rückspiegel einen 20-Tonner nahen, beschleicht ihn meist ein ungutes Gefühl und er hofft, dass der Brummi gute Bremsen hat.
Damit Lkw-Fahrer immer ausreichend verzögern können und sicher zum Stehen kommen, investiert der Bremsenhersteller Honeywell viel Know-how, Zeit und Geld in die Entwicklung und Produktion von Lkw-Bremsbelägen.
Aufgrund des steigenden Kostendrucks im Transportwesen greifen Fuhrunternehmer laut Honeywell immer häufiger auf preiswerte Beläge zurück, die im Aftermarket angeboten werden. Aber haben diese Produkte die gleichen Leistungsmerkmale wie Beläge in OE-Qualität?
Um diese Frage zu klären, unterzog Honeywell die verschiedenen Beläge einem Test: Das Unternehmen simulierte auf einem Prüfstand die Abfahrt vom Roßfeld – einem Berg beim Garmisch-Partenkirchen. Die 16 Kilometer lange Panoramastraße mit zahlreichen Kehren hat eine Steigung von 11 bis 16 Prozent und ist mit maximal 1.560 Meter über dem Meeresspiegel die höchste durchgehende Straße Deutschlands.
Die Scheiben glühen
Stephan Ernesti, Projektmanager bei Honeywell, erklärt: „Die simulierte und die reale Abfahrt stellen die gleiche Belastung dar und führen zu identischen Ergebnissen. Das haben wir ermittelt, indem wir mit einem Lkw die Passstraße hinuntergefahren sind und die Testergebnisse mit den simulierten verglichen haben. Jetzt brauchen wir nicht jedes Mal in die Berge zu fahren, sondern können hier im norddeutschen Glinde die Beläge auf ihre Standfestigkeit untersuchen. Die Ergebnisse fließen dann in die Entwicklung der Bremsbeläge ein.“
Der Prüfstand besteht aus einer halben Lkw-Achse mit Bremsscheibe, die ein kräftiger Elektromotor antreibt. Die Beläge werden in den Original-Bremssattel eingebaut, der über eine Steuerung hydraulisch betätigt wird. Die „Testfahrt“ überträgt eine Kamera in ein Büro, wo sie die Honeywell-Entwickler beobachten und aufzeichnen.
Zuerst müssen Billigbeläge ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Zu Beginn passiert kaum etwas; dann beginnt die Bremsscheibe warm zu werden und verändert ihre Farbe. Nach einer Weile hat sie etwa 950 bis 1.000 C erreicht und glüht rot-weiß.
Ist die Abfahrt vorbei, beschleunigt der Prüfstand auf 60 km/h und macht eine Vollbremsung – und das zwei Mal. Beim letzten Bremsversuch passiert es: Funken sprühen, eine dichte Rauchwolke vernebelt die Sicht auf das Testbremssystem, die Bremskraft sinkt gen null und glühende Brocken zischen wie Kometen durch den Prüfstand.
Nachdem das System abgekühlt ist, kann man das Ausmaß klar sehen: Die beiden Bremsklötze haben sich quasi in ihre Bestandteile aufgelöst. Das, was von dem Reibbelag noch übrig war, ist in der Mitte durchgebrochen und hat sich von der Trägerplatte abgelöst.
Fazit des Tests: Wenn ein Brummi mit diesen Belägen nach einer Bergtour eine Vollbremsung machen muss, erfolgt keine Verzögerung mehr und er überrollt den vor ihm fahrenden Pkw!
150.000 Lkw-Unfälle
Nachdem der Schock verdaut ist und die Gänsehaut sich wieder gelegt hat, müssen nun die Jurid-Beläge von Honeywell ihre Fähigkeiten zeigen. Der Testablauf ist identisch – nur das Ergebnis ist anders: Die Bremsbeläge bestehen den Test mit Bravour und bringen auch nach der Abfahrt den Truck souverän zum Stehen. Das Fazit hier: In diesem Fall hätte für vorausfahrende Autos keine Gefahr bestanden.
Willi Mohler, zuständig für den Aftermarket bei Honeywell, erklärt den Hintergrund für das erste Bremsendesaster: „Die Hersteller von Billigprodukten verwenden für Lkw-Beläge die gleichen Materialien wie für Pkw-Beläge. Da Nfz-Bremsen viel stärker belastet werden als ihre Auto-Kollegen, kann das nicht funktionieren. Der Kollaps ist hier programmiert.“
Der Bremsenhersteller Honeywell verwendet bei seinen Marken Bendix (Pkw, Lkw) und Jurid (Lkw) jeweils die Materialien, die für den Einsatzzweck nötig sind. Zudem entwickelt das Unternehmen alles selbst – sei es die Trägerplatte, den Reibbelag oder die Verbindungsart, mit der die beiden Komponenten zusammengefügt werden.
Laut Mohler gibt es in Europa pro Jahr zirka 150.000 Nfz-Unfälle mit 17.000 Verletzten. Die Mehrzahl der Unfälle passiert aufgrund schlechter Bremsbeläge und -scheiben.
Das Argument Preis entkräftet Mohler mit einem Vergleich für einen Bremsbelagwechsel an der Vorderachse, bei einer Fahrstrecke von 1.000.000 Kilometer (siehe Kasten). Da billige Bremsbeläge zirka 300.000 Kilometer halten, muss man sie bei einer Million Kilometer zweimal wechseln. Plus vier Bremsscheiben und zwei Montagen – das Fahrzeug steht also zweimal in der Werkstatt, was Ausfallzeit bedeutet.
Die Jurid-Beläge halten 500.000 Kilometer. Das heißt, es fallen ein Belagsatz und nur zwei Bremsscheiben an sowie ein Werkstattaufenthalt mit einer Montage.
Unterm Strich verliert der Fahrzeugbesitzer, der mit den billigen Belägen herumfährt, nicht nur 990 Euro und wertvolle Zeit, sondern setzt auch noch das Leben der anderen Verkehrsteilnehmer aufs Spiel.
(ID:264792)