1901 wechselte Wilhelm Baier vom Leder zum Metall. Sein Unternehmen folgte diesem Prinzip: vom Draht zum Stahl, vom Stoff zum Glas, vom Kraftstoff zum Strom. Das Unternehmen feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Ein Rückblick auf eine Firmengeschichte.
Auch die Borgward Isabella hatte optional ein Stahlschiebedach von Webasto.
(Bild: Webasto)
Vor über 90 Jahren brachte Webasto mit dem ersten Faltdach Licht in dunkle Autokabinen und bewahrte Fahrer mit der „Flüstertüte“ vor abgefrorenen Zehen. Heute baut das Unternehmen smarte Panoramadächer und heizt E-Autos. Zum 125. Jubiläum blickt Webasto auf eine Firmengeschichte zurück, die vor allem eines beweist: Manchmal muss man das Material wechseln.
Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis ins Jahr 1901 zurück. Wilhelm Baier wagte damals mit 54 Jahren einen Neuanfang – und legte damit den Grundstein für ein Familienunternehmen. Der gelernte Handschuhmacher gründete am 7. März 1901 in Esslingen eine Draht- und Eisenwarenfabrik. Statt feines Leder zu bearbeiten, stanzte, schnitt und bog er nun Metall. Die ersten Jahre waren bescheiden. Baier stellte her, was der Markt brauchte: Teile für Mausefallen, Werkzeuge für die Landwirtschaft, Komponenten für Fahrräder. Alles, was sich aus Draht und Blech formen ließ, gehörte zum Sortiment.
Sieben Jahre später, 1908, packte er seine Maschinen und zog nach Stockdorf. Diese Entscheidung war mehr als nur ein Umzug – sie war der Beginn der Marke Webasto. Aus seinen Initialen Wilhelm Baier und dem neuen Standort Stockdorf formte der Gründer einen Namen, der bis heute Bestand hat. Der neue Standort bot entscheidende Vorteile: Die Wasserkraft der Würm trieb nun die Maschinen an. Noch wichtiger aber war die geografische Lage. Über München und den Brenner erreichten die Waren deutlich schneller die Industriezentren in Norditalien.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte die Fahrradindustrie ihren ersten großen Boom. Fahrräder wurden nicht nur zum beliebten Fortbewegungsmittel, sondern auch zunehmend erschwinglich. Webasto erkannte das Potenzial dieses wachsenden Marktes früh und fokussierte sich auf Fahrradzubehör: Felgen, Spritzschutz und Kettenschutz wurden zu gefragten Produkten. Das Geschäft lief gut – doch nicht dauerhaft. In der Nachkriegszeit verschob sich die individuelle Mobilität auf motorisierte Fahrzeuge. Das Fahrradgeschäft wurde unrentabel, 1955 stellte Webasto es ein. Die Zukunft lag nun bei Motorrädern und dem rasant wachsenden Pkw-Markt.
Vom Zweirad zum Vierrad
In den 1930er-Jahren veränderten Autos die Welt, doch ihre Kabinen waren dunkel. Webasto getrieben von dem Drang, Dinge komfortabler zu machen, konstruierte 1932 das erste Automobil-Faltdach, das Autofahrer mit wenigen Handgriffen öffnen und schließen konnten. Jeder Wagen konnte schon Mitte der Dreißigerjahre zur Sonnen-Limousine umgebaut werden. Diese Neuheit legte den Grundstein für das spätere Kerngeschäft. Auf Initiative von Werner Baier wurde das Konzept weiterverfolgt. Vor 85 Jahren verbaute Mercedes das Faltschiebedach erstmals in Serie im Modell V170. Kurze Zeit später setzten auch US-Hersteller wie Ford die Webasto-Dächer ein.
Mit der Geschwindigkeit der Autos wuchsen auch die Ansprüche an die Technik. Die Dächer sollten leiser sein und besser schließen. Webasto entwickelte daraufhin Stahlschiebedächer, deren erstes Exemplar 1956 an Daimler-Benz geliefert wurde. 1972 folgte mit dem Schiebe-Hebedach für den Ford Granada GLX die nächste Entwicklungsstufe, die kurz darauf auch von BMW und weiteren Herstellern adaptiert wurde. 1974 kam im Ford Fiesta das erste Glasdach auf den Markt.
In den folgenden Jahrzehnten veränderten sich die Dachkomponenten hin zu komplexeren Baugruppen: 1989 stellte Webasto im Audi 80 Coupé ein Schiebedach mit integrierten Solarzellen für die Parklüftung vor. 1995 folgte im Porsche Targa eine vollverglaste Dachkomponente, 2002 wurde im Mercedes Sport Coupé erstmals ein Panorama-Glasdach eingesetzt.
Seitdem entwickelte sich das Dach zur Technologie-Plattform. Heute bietet Webasto Panoramadächer, die sich auf Knopfdruck abdimmen, im Ambiente-Licht leuchten oder mit Solarzellen Sonnenenergie einfangen. Für viele Autofahrer bleibt das Öffnen des Dachs ein besonderes Erlebnis: frische Luft und das Gefühl von Freiheit.
Vom „Megaphon“ zum Hochvoltheizer
Neben den Dachsystemen baute Webasto ab 1935 ein zweites Geschäftsfeld auf. Das Unternehmen entwickelte eine „Fahrzeug-Frischluftheizung“ für wassergekühlte Motoren, die im Volksmund „Flüstertüte“ oder „Megaphon“ genannt wurde. Nach dem Krieg ging die Entwicklungsarbeit weiter. 1950 baute Webasto die ersten Heizungen, die unabhängig vom Motor liefen – die Standheizungen. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals technische Innovation: ein vorgewärmtes Fahrzeug, ohne den Motor laufen lassen zu müssen. 1961 folgte die Bestätigung durch die Industrie: Mercedes stattete den 300 SE erstmals serienmäßig mit einer Webasto-Standheizung aus.
Stand: 08.12.2025
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Doch dann kam Mitte der 2010er-Jahre der nächste große Umbruch. Die Autoindustrie schwenkte auf Elektromobilität um. Zu öffnende Dächer bleiben zwar gefragt. Aber Standheizungen für Verbrennermotoren? Die brauchen Elektroautos nicht mehr – zumindest nicht in der klassischen Form. Aus dieser Herausforderung entwickelte sich ein weiteres Geschäftsfeld. Webasto spielt hier seine jahrzehntelange Erfahrung mit Heizungssystemen aus und überträgt dieses Wissen auf elektrische Antriebe. Da E-Autos keine Motorabwärme mehr produzieren, die den Innenraum heizen könnte, entwickelte Webasto elektrische Hochvoltheizer. Sie wärmen heute nicht nur die frierenden Passagiere, sondern temperieren auch die Batteriezellen.
Darüber hinaus fertigt Webasto mittlerweile eigene Hochvoltbatterien. Das Unternehmen produziert unter anderem seit 2022 Batterien für Modelle der Hyundai-Kia-Gruppe. Die Fertigung erfolgt in Schierling (Deutschland), Dangjin (Südkorea) und Lozorno (Slowakei). Zusätzlich bietet Webasto standardisierte, modular aufgebaute Batteriesysteme an, die in elektrischen Bussen, Transportern und Spezialfahrzeugen verbaut werden.