Women‘s Award 2009: Oberstudienrätin wird Autohausmanagerin

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Schwere Gewissensfrage

Ende der neunziger Jahre stand sie dann jedoch vor einer Entscheidung, die ihr Leben wesentlich veränderte. „Das waren die schlimmsten Tage und die schwerste Entscheidung meines Lebens“, erinnert sich Schnierle. „Bleibe ich Lehrerin, die ich gerne war, oder führe ich das Familienunternehmen weiter?“

Sie griff ihrer Mutter bereits damals immer mehr unter die Arme. Die Freistunden nutzte sie für Telefonate und koordinierte einzelne Aufgaben für den Betrieb. „Lange wäre das parallel nicht gutgegangen“, ist sich Schnierle sicher. Ein Jahr hat sie mit sich gerungen, viele Gespräche mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen geführt. Jeden Tag wurde klarer, dass ihr Herz an ihrem Lehrerberuf hing – aber eben auch am Betrieb.

Respekt vor Leistung

Schnierle hätte einfach sagen können, es gibt keinen Nachfolger für den Familienbetrieb Jesinger – „das war’s.“ Der Respekt vor der Leistung ihrer Großeltern und ihrer Mutter war jedoch groß. „Kann ich es verantworten, all das, wofür sich meine Großeltern und meine Mutter aufgeopfert haben, einfach so aufzugeben?“ Dieses Recht nahm sich Elli Schnierle persönlich nicht heraus.

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Sie wagte den Schritt und hängte 1998 ihre Lehrerposition an den Nagel. Ihr war bewusst, dass die Verantwortung eine andere Dimension haben würde als vorher: Verantwortung für ein komplettes Unternehmen, für die Mitarbeiter und ihre Familien.

Immer einen Tick besser sein

Sie kämpfte aber auch gegen die Vorbehalte vieler Kollegen. „Das Lehrerimage loszuwerden, war hart. Lehrerin und Frau, da wanderte man gleich in eine bestimmte Schublade“, erzählt Schnierle. Mit schwäbischem Arbeitseifer, Beharrlichkeit und Realitätssinn erkämpfte sie sich ihren Platz: „Du musst halt immer einen Tick besser sein“, weiß sie. Gemeinsam mit ihrer Mutter führte sie damals den 25-köpfigen Betrieb: „Ich war zunächst der Außenminister und zuständig für das Marketing und die Kontaktpflege zur Stadt und zum Hersteller.“ Im Jahr 2000 übernahm die damals 50-Jährige dann die Geschäftsleitung. „Bereut habe ich meine Entscheidung an keinem Tag, auch wenn es heute ein völlig anderes Leben ist“, sagt sie aus voller Überzeugung.

Viel bewegt

Seit Elli Schnierle vor zehn Jahren ihr anderes Leben begann, hat sie viel bewegt und einschneidende Projekte auf den Weg gebracht. Die Vertriebsnetzstraffung durch Mercedes-Benz hatte Ende der neunziger Jahre im Autohaus Jesinger tiefe Spuren hinterlassen. Im Jahr 2004 kaufte Schnierle daher den konkurrierenden Mercedes-Benz-Servicebetrieb in der Fritz-Müller-Straße – heute ist das der Hauptsitz des Betriebs.

Der Erwerb stellte einen Quantensprung dar in der Mitarbeiterzahl, im Umsatz und in der Verantwortung: Rund 110 Mitarbeiter arbeiten heute im Unternehmen und erwirtschaften einen Umsatz von gut 12,5 Millionen Euro.

Neubau und Sanierung mussten folgen, „denn der gekaufte Betrieb hatte seit Langem keinen Eimer Farbe gesehen“, bestätigt Schnierle. Investitionen von rund zwölf Millionen Euro plante sie deshalb. Diesen Dimensionen hielt ihre Mutter nicht mehr Stand. Mehrere schwere Schlaganfälle waren die Folge, bis sie im selben Jahr starb.

Umbau bei laufendem Betrieb

Die schwierigste Phase war die Bauzeit bei laufendem Betrieb, beschreibt Schnierle: „Das war wie Räder wechseln während der Fahrt.“ Alle sind dabei an ihre Grenzen gestoßen. Profitiert hat sie gerade in dieser Zeit von ihren pädagogischen Kenntnissen. Die Zusammenführung der Mitarbeiter aus unterschiedlichen Unternehmenskulturen verlangte besonderes Fingerspitzengefühl. Viele Gespräche waren notwendig, um die Mannschaft zu motivieren.

Rückhalt fand und findet sie bei ihrem Mann. Er arbeitet nicht im Betrieb: „Mit ihm kann ich auf Augenhöhe diskutieren und die Dinge aus einer weniger emotionalen Sicht beleuchten.“

Die Entwicklung des Betriebs ging stetig weiter: 2006 bekam die Karosserieabteilung einen Neubau. 2007 stattete Schnierle die Nutzfahrzeughalle mit der neuesten Technik aus: von der Viersäulenstempelhebebühne bis zur Ölmanagementanlage.

Spitze im Service

Des Weiteren nimmt das Unternehmen an einem Projekt des Herstellers zur Optimierung der Werkstatt- und Lagerlogistikprozesse teil. Die Erfolge Schnierles unermüdlichen Engagements sprechen für sich: 2008 erreichte der Betrieb den zweiten Platz beim CSI-Award auf europäischer Ebene und denselben Rang beim »kfz-betrieb«-Service-Award. Und in diesem Sommer bestand das Unternehmen das Audit zum Nutzfahrzeugzentrum „TruckWorks“.

Aktuell wird schon wieder gebaut – ein neues Lager mit komplett neuer Logistik. Und für 2010 rückt sie den Werkstattprozess für Nutzfahrzeuge in den Fokus. Und das alles ist noch nicht genug.

Geordnete Übergabe

Schnierle kämpft nicht nur für sich und ihr Unternehmen. Sie macht sich auch für die Region stark. Sie weiß, dass gutes Standortmarketing zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren jedes Unternehmens gehört. Aktuellstes Beispiel ist die Standortinitiative „Neue Neckarwiesen“. Ziel ist es, das Gebiet, in dem auch die Wilhelm Jesinger KG ihren Sitz hat, in der Öffentlichkeit attraktiver und bekannter zu machen. Rund 30 Mitstreiter hat sie bereits aktiviert. Das Projekt ist einzigartig in Deutschland, denn der Bund finanziert dem Verein für zwei Jahre die Stelle eines Gebietsmarketingmanagers: „Wenn ich überzeugt bin von einer Idee, dann will ich sie umsetzen und Begeisterung dafür entfachen.“

Die Ideen werden der 59-Jährigen sicher auch in Zukunft nicht ausgehen. Elli Schnierles persönliches Ziel ist, dass die Übergabe des Betriebs an den älteren Sohn im Lauf der kommenden zehn Jahre in geordneten und positiven Bahnen verläuft. Eines ist sicher: Die leidenschaftliche Autohausmanagerin wird auch diese Aufgabe mit Herz und Verstand lösen.

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