80 Jahre Mercedes-Benz 170: Urvater der E-Klasse

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Den Zweiten Weltkrieg hatte die bis dahin meistgebaute Mercedes-Reihe aller Zeiten jedoch nicht unbeschadet überstanden. Die Daimler-Benz-Werke lagen ebenso in Trümmern wie der Rest des Landes. Vorbei war die Zeit unüberschaubar vielfältiger Karosserievarianten beim 170 V, die neben geschlossenen Limousinen, Cabriolets, Roadstern und Nutzfahrzeugen sogar geländetaugliche Allradler- und Jagdwagen mit Vierradlenkung umfassten. Was blieb, waren die Fahrgestelle, deren Fertigung schon 1946 mit Pritschen-, Kasten- und Krankenwagenaufbauten für Behörden anlief.

Ein Jahr später folgte die Limousine und später offene Tourenwagen, für die Privatleute noch Anfang der 1950er Jahre Lieferzeiten von 18 Monaten auf sich nahmen. Das war der beste Beweis dafür, wie begehrt der optisch zum Oldie gereifte Benz blieb. Und das in der neuen Welt des Pontondesigns von Borgward Hansa oder Alfa Romeo 1900. Sanfte Kosmetik genügte, um den Wagen mit steilem Stern auf der Haube à jour zu halten.

Schien die Karosserie des 170 V manchen Designkritikern nichtsdestotrotz muffig-restaurativ, lieferte die Baureihe W 136 unter dem Blech eine zukunftsweisende Neuheit: den sparsamen Diesel für alle. Der intern Ölmotor genannte, 28 kW/38 PS abgebende Selbstzünder wurde nach der Währungsreform im Jahr 1949 eingeführt und entwickelte sich auf Anhieb zum Bestseller, da vorläufig nur Dieselkraftstoff ohne Engpässe lieferbar war.

Auslöser des Diesel-Hypes

Aber auch danach hielt der Diesel-Hype an, zumal Mercedes schon 1950 die Leistung auf 29 kW/40 PS steigerte. Stolz wie sonst allenfalls V12-Insignien prangte ein chromglänzender Diesel-Schriftzug am Kühlergrill des 170 D, der übrigens auf dem Kurbelgehäuse des 170-Benziners aufbaute und identische Zylinderabmessungen besaß.

Zeitgenössische Testfahrer bescheinigten dem unter Last schwarze Rußwolken ausstoßenden 170 D fast sportliche Fahrleistungen, die kaum hinter dem Benziner zurückblieben. In Zahlen bedeutete das eine Maximalgeschwindigkeit von 105 bis 108 km/h und eine runde Gedenk-Minute für den „Sprint“ von Null auf Tempo 100. Der eigentliche Vorteil für den, im Vergleich zum 170 V mehr als 1.000 Mark teureren Diesel lag natürlich in seinem knausrigen Kraftstoffkonsum. Die Presse ermittelte sechs bis sieben Liter pro 100 Kilometer und damit 40 Prozent weniger als der Benziner benötigte.

Abgesehen von der rauen Laufkultur und dem langen Vorglühvorgang (im Winter bisweilen bis zu einer Minute) konnte dieser erste schnelllaufende Großserien-Diesel schon mit dem Talent aufwarten, das Selbstzünder so erst wieder in den 1980er Jahren entdeckten: Eine flotte Fortbewegung, die nicht hinter der eines Benziner zurückblieb.

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Die Stunde des Abschieds kam für die Mercedes 170 V und 170 D im Jahr 1953, denn in jenem Jahr kam das neue Pontonmodell 180 (W 120) ohne Trittbretter und ohne separate Kotflügel in den Handel. Groß war anfänglich das Gezeter der Traditionalisten, denen der moderne Mercedes 180 zu wenig repräsentativ erschien. Ein Abschiedsschmerz, den die Baureihe W 136 durch ihre Langzeitqualitäten milderte, denn noch in den 1960er Jahren waren die 170er im Straßenbild gegenwärtig.

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