ATU: Service-Wachstum mit stabilem Filialnetz
Vor gut einem Jahr stand ATU kurz vor der Insolvenz, nun hat sich die Werkstattkette unter dem neuen Eigner Mobivia stabilisiert. Welche Schwerpunkte das Unternehmen nun setzt, skizziert Geschäftsführer Jörn Werner.

Redaktion: Nach drohender Insolvenz und der Übernahme durch Mobivia ist ATU aus den Schlagzeilen gefallen. Wie ist das Geschäftsjahr 2016/17 letztlich verlaufen?
Jörn Werner: Wir konnten im Geschäftsjahr 2016/17 erstmals seit Jahren ein leichtes Umsatzwachstum erreichen. Gerade angesichts der schwierigen Phase Ende 2016 war dies ein großer Erfolg für das Unternehmen. Die erfolgreiche Restrukturierung der Mieten führte zudem zu einer deutlichen Entlastung. Mit Unterstützung unseres neuen Gesellschafters Mobivia ist nun der Weg frei für eine Fortsetzung unseres Wachstumskurses, zum Beispiel durch den Ausbau unseres Produktangebots im Shop.
Die Zahl der Mitarbeiter wie der Filialen war in der Vergangenheit rückläufig. Wird ATU nun wieder expandieren?
Unser Filialnetz hat meiner Ansicht nach eine passende Größe. Einzelne Standortveränderungen gibt es bei 608 Filialen natürlich immer. Zum Beispiel haben wir im vergangenen Jahr neue Standorte in Dortmund und Neumarkt eröffnet. Die Zahl der Mitarbeiter in den Filialen wollen wir in den nächsten Jahren allerdings erhöhen, um mit den bestehenden Filialen noch mehr Kunden bedienen zu können. Dieser Aufbau an Mitarbeitern hat bereits begonnen.
In den letzten Jahren hatte ATU immer wieder neue Wachstumsfelder benannt, mal das Zubehör-, mal das Online-Geschäft. Welchen Schwerpunkt setzt die aktuelle Führung?
Im Werkstattbereich wollen wir vorwiegend in unserem heutigen Serviceportfolio wachsen. Gerade in den Segmenten Glas und Smart Repair liegt noch viel Potenzial. Den Shop werden wir mit neuen Produkten und Marken ausbauen. Darüber hinaus sehen wir ein starkes digitales Wachstum. Das findet weniger im klassischen E-Commerce statt, als vielmehr in der Vorbereitung und Vereinbarung von Werkstattterminen über digitale Kanäle. Diese einfachen und bequemen Lösungen schätzen unsere Kunde sehr!
Die Digitalisierung hat also auch ATU erreicht …
Ja. Kundenseitig konzentrieren wir uns dabei auf die Digitalisierung von Prozessen und Informationsflüssen. Wir arbeiten beispielsweise daran, unseren Kunden den Auftragsstatus digital bereitzustellen und auf Wunsch weitere Leistungen direkt zu beauftragen. In der Werkstatt selbst experimentieren wir derzeit mit verschiedenen Möglichkeiten, die Auftragsbearbeitung beispielsweise durch Tablets zu unterstützen.
Auf dem Kölner Aftersales Forum der BBE hat ATU-Geschäftsführer Andreas Schmidt im Sommer erklärt, Werbeaussagen, dass ATU 30 Prozent günstiger sei als eine Vertragswerkstatt, werde es nicht mehr geben. Mit welchen Werten will ATU künftig bei den Kunden punkten, wenn nicht mit dem Günstig-Image?
Die Positionierung von ATU ist und bleibt die des markenunabhängigen und flächendeckend präsenten Preis-Leistungs-Führers. Das beinhaltet sicher auch weiterhin eine Preispositionierung unterhalb der meisten Vertragswerkstätten. Viel wichtiger als der absolute Preis sind unseren Kunden jedoch ohnehin hohe Qualität, Transparenz und Fairness. Diese Kernwerten sind die Grundlage für hohe Kundenzufriedenheit.
Tatsächlich hat ATU zuletzt in Qualitätstests und -umfragen gut abgeschnitten. Ist das nun eine Image-Frage oder das Ergebnis von intensiven Mitarbeiter-Schulungen?
Beides ist wichtig. Natürlich spielt das Image eine bedeutende Rolle. Es wird allerdings geprägt von konkreten Kundenerfahrungen, die maßgeblich von der Motivation und Qualifikation unserer Mitarbeiter abhängen. Gerade in der Qualifikation haben wir viel unternommen und hatten im letzten Jahr mehr als 22.000 Teilnehmertage bei Schulungen durch die ATU Academy.
Mit dem VW Economy Service oder Euro Repar der PSA-Gruppe wollen die Hersteller ältere Fahrzeuge zurückgewinnen. Sehen Sie darin ein Problem für ATU?
Wir beobachten diese Vorgänge sehr genau. Sie sind aber auch nicht neu. Fakt ist jedoch, dass diese Angebote der Hersteller von den Kunden nicht immer nachvollzogen werden können. Je nach Fahrzeugalter zahlen die Kunden plötzlich für das gleiche Fahrzeugmodell ganz verschiedene Preise für identische Teile. Dazu kommt: Die Hersteller können nicht mit zwei wesentlichen ATU-Vorteilen mithalten: mit unserer Markenunabhängigkeit und unserem Komplettangebot aus Produkten und Dienstleistungen.
Ist die Unabhängigkeit so wichtig?
Nun, unter anderem hat die durch den Dieselskandal ausgelöste Vertrauenskrise zu einer grundsätzlich eher skeptischen Haltung gegenüber den Herstellern beigetragen. Sie dürfen auch nicht vergessen: ATU muss keine Autos verkaufen und kann damit völlig unabhängig von den Interessen und den Absatzvorgaben eines Herstellers den Kunden neutral im Sinne eines „best advice“ bedienen und beraten. Auch darin liegt ein großer Vorteil!
Borgward bringt für den Service seiner Fahrzeuge immer wieder ATU ins Spiel. Wie stehen Sie zur möglichen Kooperation bzw. steht die Kooperation inzwischen?
Borgward und ATU befinden sich in intensiven und konstruktiven Gesprächen über Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Wir informieren über die Ergebnisse der Gespräche, sobald diese fest stehen.
Vor kurzem hat ATU eine Schnellladestation in Verden eröffnet. In diesem Zuge war vom „Rundum-Service für Elektrofahrzeuge“ die Rede. Sieht ATU darin langfristig einen Tätigkeitsschwerpunkt?
Für uns ist klar, dass die E-Mobilität mit Blick auf die Zukunft ein nicht zu vernachlässigendes Thema sein wird. Wann und in welchem Umfang die E-Mobilität bedeutende Marktanteile erreichen wird, ist heute nur schwer vorauszusehen. Wir wollen ATU aber auf verschiedene Szenarien vorbereiten und einstellen.
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