Die Automobilindustrie kommt neuerdings zu dem Schluss, die geforderte CO2-Reduktion im kommenden Jahr nicht zu schaffen. Millionen Jobs seien in Gefahr, so der Tenor. Umweltschützer fragen sich nun, warum die Industrie erst jetzt aufwacht.
In der europäischen Automobilindustrie geht die Zukunftsangst um wegen der strengen CO2-Grenzwerte ab 2025. Oder hat die Branche schlicht Entwicklungen verschlafen?
(Bild: Volkswagen AG)
Angesichts der angespannten Lage der Autoindustrie warnt ein internes Papier aus der europäischen Autobranche vor dem Verlust von Millionen Jobs. Die Industrie sei nicht in der Lage, eine bevorstehende Verschärfung von EU-Klimavorgaben einzuhalten, heißt es in dem Schreiben, das der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel vorliegt. „Folglich wird die EU-Industrie mit Strafzahlungen in Milliardenhöhe konfrontiert.“ Wer Strafen entgehen wolle, habe „kaum eine andere Wahl, als die Produktion erheblich zu drosseln, was Millionen von Arbeitsplätzen in der EU bedroht“, heißt es.
Nach Branchenangaben arbeiten im europäischen Automobilsektor allein in der Herstellung knapp drei Millionen Menschen. Rechnet man alle Tätigkeiten aus dem Umfeld der Autobranche wie etwa den Verkauf von Fahrzeugen hinzu, sind es laut dem europäischen Herstellerverband Acea rund 13 Millionen Menschen.
Hintergrund sind die sogenannten Flottengrenzwerte. Diese legen einen Grenzwert für den CO2-Ausstoß von Autos fest. Im Durchschnitt aller in der EU in einem Jahr zugelassenen Fahrzeuge darf dieser nicht überschritten werden. Derzeit liegt dieser Wert bei 115,1 Gramm CO2 pro Kilometer, pro Fahrzeug – gemessen anhand des sogenannten WLTP-Testverfahrens. Er soll 2025 auf 93,6 Gramm und 2030 auf 49,5 Gramm sinken. Für zu viel ausgestoßenes CO2 müssen Hersteller Strafe zahlen.
Acea teilte auf Anfrage mit, das Papier sei dem Verband bekannt, betont aber zugleich, es sei kein offizielles Papier des Lobbyverbandes. Nach DPA-Informationen ist das Schreiben authentisch und kursiert innerhalb der europäischen Automobilbranche. Zuvor hatte auch der Finanzdienstleister Bloomberg über das interne Papier berichtet.
Der deutsche Branchenverband VDA fordert vor dem Hintergrund der grassierenden Unsicherheiten, dass die Europäische Kommission schneller überprüfen müsse, ob EU-Klimavorgaben für neu zugelassene Autos überhaupt machbar sind. Eine für 2026 geplante Überprüfung müsse auf kommendes Jahr vorgezogen werden, fordert der Lobbyverband VDA. Klimaschutz im Verkehr könne nur gelingen, wenn etwa auch die nötige Ladeinfrastruktur vorhanden sei, hieß es vom VDA. Dass die EU-Klimaziele voraussichtlich nicht erreicht werden, liegt unter anderem an der schwachen Nachfrage nach Elektromobilität in Europa.
Milliardenstrafen drohen
„Es gibt keine reinen Verbrennungsmotoren, die weniger als 95,6 g CO2/km ausstoßen“, heißt es darin. Auch kaum ein Hybrid schaffe es, den Grenzwert einzuhalten. Da aber ein Durchschnittswert gebildet wird, können Hersteller beispielsweise durch die Zulassung von Elektroautos theoretisch trotzdem unter dem Grenzwert bleiben.
In dem internen Dokument heißt es weiter, ein effizienter Verbrenner liege im Schnitt bei rund 120 Gramm CO2 pro Kilometer. Entsprechend müsste auf vier zugelassene Verbrenner ein Elektroauto zugelassen werden, um keine Strafe zahlen zu müssen. Der Anteil an zugelassenen Elektrowagen stagniert aber und liegt derzeit gesamteuropäisch weit unter dem benötigten Niveau.
Daher könnten Strafzahlungen in Höhe von 13 Milliarden Euro allein für den Verkauf von Pkw bevorstehen. Hinzu kämen drei Milliarden Euro Strafe für leichte Nutzfahrzeuge wie Transporter. Diese haben zwar andere Grenzwerte, fallen aber ebenfalls unter das Gesetz. Für die ohnehin schon angeschlagene Autoindustrie ist das eine weitere Belastung.
Bis zu acht Fabriken dicht machen
Das Papier nennt als Möglichkeit, den Strafen zu entgehen, die Produktion und der Verkauf von mehr als zwei Millionen Autos mit Verbrennungsmotoren könnte eingestellt werden. Das entspreche der Leistung von acht Fabriken. Damit verbunden wäre der Verlust von Millionen Arbeitsplätzen.
Damit es nicht so weit kommt, wird vorgeschlagen, einen Notfallartikel zu nutzen, der schon bei Corona zum Einsatz kam. Nach der im Papier vertretenen Auffassung könne die EU-Kommission so die Einführung schärferer Vorgaben um zwei Jahre verschieben. Jüngst hatte auch VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch eine Verschiebung gefordert. Der deutsche Auto-Lobbyverband VDA drängt darauf, dass früher als vorgesehen überprüft wird, ob die EU-Vorgaben machbar sind.
Umweltschützer sind empört
„Der Vorstoß ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten: Die Autohersteller haben in den letzten zwei Jahren über 130 Milliarden Euro Gewinn gemacht und hatten genügend Zeit, sich auf das seit 2019 bekannte CO2-Ziel vorzubereiten“, sagte Sebastian Bock, Geschäftsführer der Umweltorganisation Transport & Environment Deutschland. Jetzt forderten sie, dass ein Notstand ausgerufen werde, um weiterhin schmutzige Autos verkaufen können.
Stand: 08.12.2025
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Der in dem Papier bemühte Artikel sei für wirkliche Notfälle wie Corona oder den Ukraine-Krieg gedacht. „EU und Bundesregierung dürfen nicht zulassen, dass der Klimaschutz dem Managementversagen einiger Autokonzerne zum Opfer fällt“, so Bock.
Für Marion Tiemann von Greenpeace ist es „ein Armutszeugnis, wenn VWs Chefaufseher kurz vor knapp mehr Zeit beim Klimaschutz fordert.“ Die Flottengrenzwerte seien vor mehr als fünf Jahren beschlossen worden, der Konzern habe reichlich Zeit gehabt, sich anzupassen. „Das Jammern über angeblich zu strenge Grenzwerte kann die fehlende langfristige Strategie nicht verdecken.“
Deutsche Umweltverbände vor Verfassungsbeschwerde
Auch auf die deutsche Innenpolitik wird das Thema Auswirkungen haben. Die Umweltverbände Greenpeace und Germanwatch wollen eine neue Verfassungsbeschwerde wegen einer aus ihrer Sicht unzureichenden Klimapolitik der Bundesregierung einreichen. Eine Aufweichung der CO2-Ziele dürfte die Kritik der Verbände befeuern.
Die Umweltverbände verwiesen auch auf eine erfolgreiche Klage im Jahr 2021 vor dem Bundesverfassungsgericht. Das Gericht hatte im Kern festgestellt, dass die Politik deutlich mehr tun muss, damit Klimaziele erreicht werden. Sie darf vor allem nicht einschneidende Schritte zur Senkung von schädlichen Treibhausgasemissionen zulasten der jungen Generation auf die lange Bank schieben.