Automobilkaufleute sind Rohdiamanten
Arbeitgeber schätzen die Fähigkeiten und Kenntnisse von Automobilkaufleuten. Deshalb wollen sie weiter in dem Beruf ausbilden, auch wenn die Zahl der Bewerber zurückgeht.
„Ist mein Job auch in Zukunft noch sicher? Und bietet mir meine Ausbildung genügend Möglichkeiten, mich weiterzuentwickeln – auch, wenn ich später einmal den Arbeitgeber oder sogar die Branche wechsle?“ Diese zwei Fragen stehen für junge Menschen bei der Wahl des Berufs ganz weit oben. Eltern und Umfeld bestärken sie meist noch in diesen Überlegungen: „Lern lieber etwas sicheres“, bekommen die Jugendlichen oft als Ratschlag zu hören.
Der Automobilkaufmann kann in dieser Hinsicht punkten: Kaufmännische Ausbildungen genießen ein hohes Ansehen, der Dienstleistungssektor bietet nach wie vor Wachstumspotenzial. Und das Kfz-Gewerbe hat als einer der größten Ausbilder des Handwerks ebenfalls einen guten Ruf.
Dennoch bestehen Vorbehalte gegen die Ausbildung zur Automobilkauffrau oder zum Automobilkaufmann. Dahinter steht die Überlegung: Legt man sich denn nicht viel zu früh auf eine ganz bestimmte Branche, vielleicht sogar eine Marke oder einen Betrieb fest?
„Auf keinen Fall“, erwidert Peter Sobe, Geschäftsführer des Autohauses Lueg in Zwickau. Sein Betrieb hat in den letzten Jahren über den eigenen Bedarf hinaus ausgebildet, konnte demzufolge nicht alle Azubis übernehmen.
Alle haben einen guten Job gefunden
„Aber auch die anderen haben auf dem Arbeitsmarkt gute Karten.“ Natürlich pflegt nicht jeder noch einen engen Kontakt zu seinem Ausbildungsbetrieb, nachdem er das Unternehmen verlassen hat. Doch soweit Sobe es beurteilen kann, haben „seine“ Azubis alle einen ordentlichen Job gefunden.
Monika Anske, die seit über zehn Jahren bei AVS Scholz in Jena Automobilkaufleute ausbildet, kann diese Einschätzung nur bestätigen: „Alle, die nicht bei uns geblieben sind, haben woanders etwas Gutes gefunden.“ Der Arbeitsmarkt honoriere die praxisnahe Ausbildung. Auch Vertreter anderer Branchen wüssten inzwischen, dass Automobilkaufleute über mindestens genauso viel theoretisches Wissen verfügen wie Absolventen anderer kaufmännischer Ausbildungen. Darüber hinaus bringen sie stets viel praktisches Know-how mit, an dem es anderen Kandidaten oft fehle.
Die Zeiten, in denen sie über den Eigenbedarf hinaus ausbilden, dürften für Lueg und AVS Scholz allerdings bald vorbei sein. Nicht, weil sie es nicht mehr wollen, sondern weil es immer weniger geeignete Bewerber für einen Ausbildungsplatz gibt. Der demografische Wandel führt vor allem im Osten Deutschlands dazu, dass Lehrstellen unbesetzt bleiben. Monika Anske hat diese Erfahrung bislang zwar noch nicht gemacht, weiß aber: „Wir werden wohl die Anforderungen an unsere Bewerber herunterschrauben müssen. Im Moment verlangen wir zum Beispiel noch Abitur, das dürfte sich bald ändern.“
Sonst droht hausgemachter Fachkräftemangel
Die Zahl der Schulabgänger geht nicht nur in den neuen Bundesländern zurück. Auch tief im Westen der Republik spürt man den Wandel: „Wir bekommen weniger Bewerbungen und können deshalb die Messlatte nicht mehr so hoch legen wie in der Vergangenheit“, berichtet der Geschäftsführer des Autohauses Wicke in Bochum, Uwe Gehrmann. Er weiß auch von Kollegen, die weniger Jugendliche ausbilden als früher, hält das aber für den falschen Weg. „Dann ist der Fachkräftemangel in der Zukunft hausgemacht“, findet Gehrmann.
Er will weiterhin Jahr für Jahr Automobilkaufleute ausbilden, „denn auf diese Weise finden wir regelmäßig die Rohdiamanten, die wir zu Juwelen schleifen können“. Das Berufsbild sei für die kaufmännischen Mitarbeiter eines Autohauses geradezu ideal geeignet; Bewerber mit einer anderen Ausbildung hätten demgegenüber Nachteile.
Ein wichtiger Grundstein für die hohe fachliche Kompetenz der Automobilkaufleute wird in den Berufsschulen gelegt. Die Azubis werden in eigenen Fachklassen unterrichtet, wo sie mit ihresgleichen unter sich sind. In anderen kaufmännischen Berufen tummeln sich dagegen Auszubildende aus Super-, Bau- und Elektromärkten gemeinsam im Klassenzimmer. Klar, dass die Lehrer dann kaum spezielles Branchenwissen vermitteln können.
Qualitätsfaktor Fachklassen in der Berufsschule
Bei den Automobilkaufleuten hätten dagegen „alle in der Klasse ein großes gemeinsames Interesse“, so Angelika Witoch. Die Fachlehrerin am Friedrich-List-Berufskolleg in Solingen musste auch schon feststellen, dass die Zahl neuer Azubis kleiner geworden ist. Die Ursachen sind die gleichen wie überall: „Es wird schwieriger, gute Leute zu finden“, berichtet ihr früherer Schüler Sebastian Schwarz, der heute für die kaufmännische Ausbildung im Autohaus Nouvertné verantwortlich ist.
Doch auch einige Autohäuser wären nach Witochs Ansicht mitverantwortlich, wenn es in Zukunft weniger Automobilkaufleute geben sollte. Sie bilden lieber Bürokaufleute aus, obwohl bei diesen einige wichtige Themenfelder im Berufsschulunterricht komplett fehlen.
„Der Automobilkaufmann ist und bleibt der maßgeschneiderte Ausbildungsberuf für die Branche“, ist Witoch überzeugt. Die Azubis würden dennoch nicht zu einseitig auf das Autohaus als einzig möglichen Arbeitgeber festgelegt, urteilt die Lehrerin, die auch die Lehrpläne anderer Berufe kennt. „Die kaufmännische Grundbildung ist für andere Branchen genauso gültig, die juristischen Themen sind zum Beispiel eins zu eins übertragbar. Unsere Azubis sollten zwar eine Affinität zu Autos mitbringen, aber sie können später auch in anderen Branchen erfolgreich arbeiten.“
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