Bedeutung des freien Teilehandels wächst
Fairer Wettbewerb im Teilehandel ist ohne die freien Anbieter nicht möglich, sagt GVA-Präsident Hartmut Röhl. Zudem traut er der Mehrmarkenstrategie der Fahrzeughersteller nicht.
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Redaktion: Die Umsätze im freien Teilehandel sind im ersten Halbjahr 2011 gestiegen. Worauf ist diese Entwicklung zurückzuführen?
Hartmut Röhl: Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Auslastung der Servicebetriebe, die die größte Kundengruppe des freien Kfz-Teilehandels darstellen, ist weiterhin ausgesprochen gut. Offensichtlich hat der wirtschaftliche Aufschwung in der Bundesrepublik dazu geführt, dass zuvor aufgeschobene Wartungs- und Reparaturarbeiten nachgeholt wurden. Zudem hat der Rekordwinter in Deutschland für einen guten Start ins Jahr gesorgt. Sowohl die Halter von privaten als auch die von gewerblich genutzten Pkw und Nkw waren in der ersten Jahreshälfte bereit und in der Lage, in ihre Fahrzeuge zu investieren.
Die Automobilhersteller kümmern sich immer intensiver um Freie Werkstätten. Teilweise haben sie dafür auch leistungsfähige Logistiknetze aufgebaut. Wird der freie Teilehandel mittel- oder langfristig dadurch überflüssig?
Das gestiegene Interesse der Fahrzeughersteller am Aftermarket-Geschäft im Allgemeinen und an den Mehrmarkenwerkstätten im Speziellen macht den freien Teilehandel nicht überflüssig. Ganz im Gegenteil: Der freie Teilehandel wird damit als Alternative zu den Teilevertriebsnetzen der verschiedenen Fahrzeughersteller noch wichtiger! Die Servicebetriebe und letztlich auch die Verbraucher müssen langfristig die Möglichkeit haben, zu wählen, von wem sie welche Ersatzteile beziehen. Ein Monopol der Fahrzeughersteller können sich weder die Teileindustrie noch die Werkstätten und schon gar nicht die Verbraucher wünschen. Denn nur ein fairer Wettbewerb garantiert kontrollierte Preise. Die Mehrmarken-Teilestrategie der Fahrzeughersteller ist im Übrigen völlig unglaubwürdig, postulieren doch gleichzeitig einzelne Hersteller, dass nur ihre Ersatzteile für ihre Fahrzeuge richtig sind. Darüber hinaus macht uns der Ausbau der Logistiknetze der Fahrzeughersteller keine Angst. Der freie Teilehandel ist für seine exzellente Logistik bekannt. Sollten unsere Wettbewerber bei sich selbst einen Nachholbedarf sehen, betrachten wir das als Auszeichnung unserer Arbeit.
Wie hoch ist der Anteil der Originalteile am Gesamtumsatz des Freien Teilehandels – rechnen Sie mit deutlichen Verschiebungen?
Etwas Grundsätzliches dazu: Ersatzteile sind Originalersatzteile, wenn sie den Spezifikationen und den Produktionsnormen entsprechen, die der Fahrzeughersteller für die Fertigung von Teilen für den Bau eines Fahrzeugs vorschreibt. Das legt die Aftermarket-GVO (EU) Nr. 461/2010 fest. Es ist also nicht entscheidend, wer diese Teile hergestellt hat – der Fahrzeughersteller oder die Teileindustrie. Ohne die namhaften Zulieferer, die fast ausnahmslos im GVA organisiert sind, würde kein Fahrzeug vom Band rollen, denn etwa 80 Prozent der Teile eines Neufahrzeugs stammen von Zulieferern. Kein Wunder also, dass es sich auch bei der Mehrzahl der Ersatzteile, die der freie Kfz-Teilehandel ausliefert, um Originalersatzteile im Sinne der Aftermarket-GVO handelt. Übrigens darf der Fahrzeughersteller seinen vertragsgebundenen Betrieben den Einsatz solcher Originalersatzteile nicht verbieten.
Gibt es da nicht Ausnahmen?
Ausnahmen sind in der Regel nur dann möglich, wenn die Arbeiten im Namen und auf Kosten des Fahrzeugherstellers durchgeführt werden, etwa bei Rückrufaktionen sowie bei für den Kunden kostenlosen Wartungs- oder Garantiearbeiten. Das gilt genauso auch für die sogenannten „qualitativ gleichwertigen Ersatzteile“. Für diese Komponenten hat die EU-Kommission als Qualitätsanforderung festgelegt, dass ihre Verwendung nicht den Ruf des autorisierten Reparaturnetzes gefährden darf. Wenn Sie unter „Originalteil“ aber das „Handelsmarkenteil des Fahrzeugherstellers“ verstehen, dann ist dieser Anteil am Gesamtumsatz des freien Teilehandels sehr gering. Das liegt daran, dass nur einige ganz wenige Teilegroßhändler Vertriebsverträge für Ersatzteile mit Fahrzeugherstellern haben. Es ist auch nicht besonders attraktiv, die Originalteile der Teilehersteller in der Verpackung der Automobilhersteller zu verkaufen.
Die Automobilhersteller verweisen immer wieder auf die Teilequalität ihrer Teile. Gibt es wirklich eine gleichwertige Alternative zum Originalteil?
Nicht nur den Fahrzeugherstellern ist die Teilequalität wichtig, sondern auch dem freien Teilehandel. Die Lieferung hochwertiger Produkte ist ein wesentlicher Baustein unseres Geschäftserfolgs. Denn sowohl die Werkstatt als auch der Verbraucher will eine Reparatur mit Komponenten, die ihm im Nachhinein keine Probleme bereiten und die sein Sicherheitsbedürfnis erfüllen. Viele Halter gerade älterer Fahrzeuge suchen aber auch nach Möglichkeiten, ihr Fahrzeug gemäß dessen Zeitwert reparieren zu lassen. Auch die Fahrzeughersteller haben diese Nachfrage erkannt und bieten verstärkt etwa Economy Lines an. Der freie Markt hat sich bereits frühzeitig mit dem Thema „zeitwertgerechte Reparatur“ auseinandergesetzt und entsprechende Angebote entwickelt. Übrigens ist der Begriff „qualitativ gleichwertiges Ersatzteil“ nicht per se auf die Qualität desjenigen Teils, das ursprünglich in das Fahrzeug eingebaut wurde, beschränkt. Er kann auch den Anforderungen solcher Economy Lines der Fahrzeughersteller entsprechen. Auch hier dürfen vertragsgebundene Servicebetriebe nicht daran gehindert werden, die Teile aus dem freien Markt zu beziehen.
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