Billigteile müssen nicht schlechter sein

Autor / Redakteur: Konrad Wenz / Dipl. Ing. (FH) Konrad Wenz

Es gibt sie – die Billigteile aus Fernost. Aber obwohl die meist aus chinesischer Produktion stammeneden Teile qualitativ nicht unbedingt schlechter sind, überschwemmen sie nicht den europäischen Markt.

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Fernöstliche Teilehersteller setzen moderne Maschinen ein. Die europäischen Kunden überwachen die Einhaltung der Qualität.
Fernöstliche Teilehersteller setzen moderne Maschinen ein. Die europäischen Kunden überwachen die Einhaltung der Qualität.
( Archiv: Vogel Business Media )

„Geht es auch billiger?“ — Nur zaghaft fragt der Autofahrer in seiner Werkstatt nach einem Reparaturpreis, der eher in sein Budget passt. Schnell hat ihm der versierte Serviceberater erklärt, dass die Kostensituation in der Werkstatt keinen Nachlass auf den Stundenverrechnungssatz zulasse. Der Autofahrer bleibt hartnäckig und fragt nach dem Teilepreis. Auch hier befindet sich das Autohaus in einer komfortablen Lage: Dem Kunden fehlen die Vergleichsmöglichkeiten. Daher ist es relativ einfach, dem Rabattwunsch nicht zu entsprechen.

Für den Verbraucher ist dies eine eher unbefriedigende Situation — im Gegensatz zu den Werkstätten. Doch der Servicemarkt befindet sich (mal wieder) im Wandel. Der Druck auf die Reparaturpreise und damit auf die Ersatzteilpreise steigt beständig. Angesichts eines immer geringeren verfügbaren Durchschnittseinkommens in Deutschland fehlt dem Verbraucher schlichtweg das Geld, um teure Reparaturen durchführen zu lassen. Die Werkstätten müssen den Autofahrern entsprechende Angebote machen, wenn sie künftig nicht mit leeren Händen ausgehen wollen. Der Ruf nach preiswerteren Ersatzteilen wird lauter.

Nicht nur wegen der Olympiade in Peking ist China derzeit in aller Munde. Das fernöstliche Land ist eine neue Wirtschaftsmacht im globalen Wettbewerb. Dieser wird vom Preis bestimmt — und derzeit scheinen die Chinesen wirklich alles billiger herstellen zu können als der Rest der Welt.

Dass diese Einschätzung richtig ist, zeigte die HK Auto Parts in Hong Kong im April dieses Jahres eindrucksvoll. Ganz besonders elektronisches Zubehör konnte dort zu Preisen eingekauft werden, von denen die Verbraucher hierzulande nur träumen können. Klar, die chinesischen Einkaufspreise sind keine Verbraucherverkaufspreise. Aber die Preisdifferenz von teilweise mehreren Hundert Prozent zeigt deutlich, mit welcher Spannweite im Teile- und Zubehörgeschäft gearbeitet werden kann.

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Qualität und Preis

Und die europäischen Automobil- sowie Teilehersteller nutzen diese Margen. Häufig traf man in Hong Kong auf amerikanische und europäische Einkäufer, beispielsweise Valeos Sourcing Manager in China, David Pelletier. Er verfolgt das Ziel, mindestens einen neuen chinesischen Lieferanten pro Jahr für sein Unternehmen zu finden. Dabei zählt für ihn der Preis genauso wie die Qualität der Teile.

Viele der europäischen Markenhersteller verarbeiten in ihren Produkten Teile aus den Fertigungsstätten in Fernost. „Wenn auf einer Verpackung zu lesen ist: ‚Made for Bosch’, kann man davon ausgehen, dass dieses Teil nicht aus einer schwäbischen Fertigung stammt“, bestätigt GVA-Präsident Hartmut Röhl. Auch die Original-Ersatzteile der Fahrzeughersteller würden häufig aus den „Billigland“-Zuliefererwerken der Kfz-Hersteller stammen. Allerdings sei dies unerheblich, denn sobald ein Unternehmen mit seinem renommierten Namen für dieses Teil einstehe, müsse es den Qualitätsansprüchen des Herstellers genügen. „Als global agierendes Unternehmen im Verbund mit GM haben wir die Möglichkeit, auch global einzukaufen – dadurch können wir auch Ressourcen im asiatischen Raum nutzen“, sagt Todd Gaffner, Direktor Service bei Opel. Es gebe im asiatischen Raum Unternehmen, die für die Opel-Produktion Teile herstellten. „Dadurch kann ich auch Originalteile preislich attraktiv positionieren, ohne auf die hohe Qualität zu verzichten“, erläutert Gaffner.

Die meisten Marktteilnehmer hierzulande assoziieren mit dem Wort „billig“ das Wort „schlecht“. Deshalb will niemand Billigteile im Angebot haben, obwohl die Branche häufig versucht, sich über den Preis vom Wettbewerb zu differenzieren. „In unserer Organisation gibt es keine Billigteile. Wenn das Teil in Niedriglohnländern für uns produziert wird, unterliegt es unseren strengen Qualitätsmaßstäben“, sagt Gaffner. Immerhin garantiere sein Unternehmen die Produktqualität für Original-Opel- und -Saabteile. GVA-Präsident Röhl bezeichnet diese im Ausland produzierten Teile als Originalteile mit Migrationshintergrund (siehe hierzu „Im Gespräch“, Seite 20). Der Opel-Manager Gaffner warnt die Werkstätten ausdrücklich davor, sich auf eigenen Einkaufswegen ein Billigteil zu besorgen. „Für den Händler bedeutet der Ausfall eines Billigteils nicht nur, dass er die Kosten tragen muss, sondern er hat auch einen unzufriedenen Kunden“, sagt Gaffner.

„Billigteile kann es eigentlich nur dann geben, wenn die Teile unter Qualitätsaspekten minderwertig sind“, konstatiert Detlev Seeliger, geschäftsführender Gesellschafter der Mapco Autotechnik GmbH. Chinesische Hersteller, die für sein Unternehmen Teile fertigen, seien an die Mapco-Qualitätsnormen gebunden. „Ein Team von Qualitätsingenieuren sorgt dafür, dass die Chinesen unsere Normen einhalten“, führt Seeliger aus. Alle Zulieferer würden ständig kontrolliert.

Regionale Produktion

In diesem Zusammenhang erklärt Seeliger, dass es allein für die 3.500 Mapco-Referenzen bei Lenkungsteilen etwa 20 verschiedene Hersteller gibt. Die große Auswahl an qualifizierten Herstellern in China würde seinem Unternehmen eine kontinuierlich hohe Qualität und Lieferbereitschaft sichern. Zudem seien fast alle Mapco-Lieferanten durch den TÜV Rheinland zertifiziert. Seeliger ist überzeugt, dass es sich für die Werkstätten und die Kunden lohnt, Ersatzteile auf dem chinesischen Markt einzukaufen.

Arno Kalmbach, Leiter Volkswagen Service Deutschland, sieht das eher kritisch: „Bei Volkswagen gibt es viele Sorten eines Teils für ein Modell – da lohnt sich eine Produktion in China betriebswirtschaftlich kaum. Deshalb gehen wir in vielen Bereichen in eine regionale Produktion – und das wird meiner Meinung nach auch langfristig in Europa sein.“ Teile aus China spielten derzeit in seiner Organisation keine große Rolle, gleich, wie hoch der Preisunterschied sei. „Der deutsche Kunde ist enorm qualitätsbewusst – zum Glück für uns. Es gibt auch Teile, die wir sehr preisgünstig beziehen, beispielsweise den Verbandskasten oder das Warndreieck. Diese Produkte geben wir aber auch sehr günstig an unsere Kunden weiter“, führt Kalmbach aus.

Ansonsten scheint „Billig einkaufen — teuer verkaufen“ die Devise der Schnäppchenjäger auf dem chinesischen Ersatzteile- und Zubehörmarkt zu sein. Denn es sei nicht sichergestellt, dass ein billig eingekauftes Teil auch billig weiterverkauft wird, erklärt Röhl. Der Verbraucher bekomme eventuell das Billigteil zum Preis des Originalteils. Für die Fahrzeug- und Teilehersteller ginge es um die Gewinnmaximierung — für den Handel und die Werkstätten ums Überleben. Der GVA-Präsident mahnt, dass dies nicht die endgültige Lösung in der hiesigen Preisstruktur sein könne, auch wenn er Verständnis dafür habe. Denn „die Renditen sinken auf allen Handelsstufen und aufgrund der steigenden Anforderungen des Marktes müssen die Betriebe Erträge erwirtschaften“, sagt Röhl.

Preise unter Druck

Obwohl die Preise mehr und mehr unter Druck geraten, scheint in Deutschland niemand eine Billigteilschwemme aus Fernost zu befürchten. Das hat gleich mehrere Gründe: Zum einen nutzen die großen Hersteller ihr globales Sourcing, um preiswert einzukaufen. Zum anderen sind alle Marktbeteiligten davon überzeugt, dass die Qualität der Teile eine bedeutende Rolle spielt. „Wenn sich jemand entscheidet, für die Reparatur seines Fahrzeugs Geld auszugeben, dann erwartet er eine qualitativ hochwertige Arbeit“, sagt Opels Servicedirektor Gaffner. Der Autofahrer würde für sein Geld keinerlei Abweichung akzeptieren, von dem was er erwarte, ist Gaffner überzeugt.

Zudem glaubt Röhl, dass auch das Preisniveau der Original- oder qualitätsgleichen Teile inzwischen auf einem Stand sei, den der Verbraucher akzeptiere. Aber mit sinkender Kaufkraft und steigender Belastung des Mobilitätsbudgets des Autofahrers würden auch geringere Qualitäten und zeitwertgerechte Teile ihren Markt finden.

Das sieht auch der VW-Manager Kalmbach so. Allerdings habe sein Unternehmen für ältere Fahrzeuge, bei denen es um die zeitwertgerechte Reparatur gehe, eigene Konzepte entwickelt. „Wir bieten für ältere Fahrzeuge zeitwertgerechte Reparaturen in Volkswagen-Qualität an und kommen den Kunden und ihren Bedürfnissen so entgegen“, erklärt Kalmbach.

Keine Kompromisse

VW würde gerade bei sicherheits- und umweltrelevanten Teilen niemals Kompromisse machen: „Wir bieten nicht bei allen Teilen andere Qualitäten an. Bei Bremsen und Dieselpartikelfiltern lassen wir nicht mit uns reden – da haben wir einen sehr hohen Qualitätsanspruch. Davon rücken wir nicht ab, obwohl wir wissen, dass wir uns da über dem Preisniveau von Billiganbietern bewegen“, erklärt Kalmbach.

Eine Umfrage, die »kfz-betrieb« und die Bank Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe bei der BBE Unternehmensberatung in Auftrag gegeben hat, zeigt, dass die meisten Werkstätten, die schon einmal ein Billigteil verbaut haben, mit diesem Teil unzufrieden waren. „Das größte Risiko bei der Verwendung von Billigteilen ist, dass dem Kunden nicht klar ist, welche Risiken er damit eingeht“, warnt Kalmbach.

Der Verbraucher entscheide sich schon beim Kauf seines Automobils für eine bestimmte Serviceklasse, glaubt GVA-Präsident Röhl. Allerdings vermutet er, dass die Nachfrage nach Billigteilen stark steigen werde, wenn das Fahrzeug selbst zum Billigauto werde. Als Extrembeispiel nennt er den Tata Nano. Das indische Fahrzeug wurde dem Verbraucher mit einem Verkaufspreis von unter 2.000 Euro in Aussicht gestellt. „Wenn dieses Auto nach vier Jahren eine neue Abgasanlage braucht, muss man sich fragen, was die dann noch kosten darf“, führt Röhl aus. Billigteile würden so eine wirkliche Chance auf dem Markt haben. Allerdings bliebe die Frage, wie billig das Teil eigentlich sein könne. „Die Ersatzteilverkaufspreise werden sich dann den Einkaufspreisen der Kfz-Hersteller für Teile annähern. Aber das ist heute noch nicht vorhersehbar“, resümiert Röhl. ?

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