Bugatti Typ 35: Ein Renner mit 88 Jahren

Autor / Redakteur: sp-x / Dipl.-Päd. Gerd Steiler

Wenn der Achtzylinder im Bugatti T35 loswummert, geht so manchem das Herz auf. Seinen Erfolg verdankt die Rennikone mutigen Männern, die sich hinter das Steuer trauten.

Bugatti T35: Dieser himmelblauen Zweisitzer mit dem hufeisenförmigen Kühlergrill war einer der erfolgreichsten Rennwagen der 1920er Jahre.
Bugatti T35: Dieser himmelblauen Zweisitzer mit dem hufeisenförmigen Kühlergrill war einer der erfolgreichsten Rennwagen der 1920er Jahre.
(Foto: Bugatti)

Wer meint, ein fast 90 Jahre alter Bugatti müsse im Museum stehen und mit Samthandschuhen angefasst werden, der liegt falsch. Wobei Lederhandschuhe gut vor den Schwielen schützen, die man bekommt, wenn man am großen Holzlenkrad kurbelt. Grand-Prix-Bugattis sind Fahrautos, das war in den 1920er Jahren so und das ist auch heute noch so.

„Bis auf die absoluten Ausnahme-Fahrzeuge werden fast alle bewegt“, sagt Julius Kruta, Bugatti-Traditionsexperte. Der Grund: „Weil sie Spaß machen.“ Dafür schuf sie der exzentrische Ettore Bugatti, als Spielzeuge für reiche Automobilisten: Schnelle, leichte Zweisitzer, mit denen man selbst – nur so zum Spaß – von A nach A fahren konnte. Ganz neu für diese Zeit: Im richtigen Leben ließen sich die Adeligen und Industriellen natürlich von A nach B chauffieren.

Bugatti Typ 35: Mit 88 im Herzen ein Renner
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Als Hobby kauerten sich die Privatpiloten aber im Rennoverall zum Schutz gegen Dreck und Öl, mit dicker Brille zum Schutz gegen Steine und Fliegen, hinter das mit Holz beschlagene Steuer des offenen Typ 35. Peilten durch die winzigen Windschutzscheiben die nächste Kurve im Straßenrennen an – Targa Florio, Mille Miglia oder einer der vielen Grands Prix, die in den 1920er Jahren veranstaltet wurden. Mehr als 2.000-mal stand ein T35-Pilot auf dem Siegertreppchen.

Renner vom Jahrgang 1926

Wie viel Handarbeit das Autofahren damals noch war, wird dem Fahrer im engen Cockpit des kleinen Bugatti Jahrgang 1926 auch heute noch bewusst: Kurbeln, um den 2,3-Liter-Benziner in Gang anzuwerfen, muss man heute nicht mehr, der T35 hat den Luxus einer Starterbatterie. Benzinhahn öffnen, mittels Handpumpe Druck im Tank aufbauen. Die Zündung auf „früh“ stellen und dann nicht erschrecken, wenn sich nach dem Druck auf den Anlasserknopf der Achtzylinder brüllend zum Dienst meldet.

Hinter das Lenkrad gekauert, mit Rennoverall und dicker Brille, stellt man fest, dass die winzige Windschutzscheibe ihrem Wortsinn nur wenig nachkommen kann. Der Fahrtwind braust einem um die Ohren, aber von vorn wärmt der Achtzylinder. Und auch wenn die Versuchung im engen Cockpit groß ist – wer über 1,80 Meter groß ist, dürfte seine Beine nicht mehr unterbringen können -, das Anlehnen an den Getriebetunnel unterlässt man schnell wieder, wenn das heiße Blech durch Overall und Jeans die Wade gegart hat.

Das hat aber schon in den 1920ern niemanden davon abgehalten, Ettore Bugatti den T35 aus den Händen zu reißen. Die privaten Rennfahrer mit ihrem Bugatti verhalfen dem Patron zu goldenen Zeiten, mehrten sie doch mit ihren Siegen den Ruhm seines Autos. Nach erfolgreichen Rennwochenenden konnte er seine Ikonen direkt an wohlhabende Kunden verkaufen.

Harte Arbeit am Volant

Die Begeisterung der frühen Rennfahrer teilt, wer einmal am Steuer des blauen Renners gesessen hat. Denn auch mit knapp 90 Jahren kann der Typ 35, wenn der Fahrer will. Vehement katapultiert der Achtzylinder in Action den nur 750 Kilogramm leichten T35 nach vorn, etwa 88 kW/120 PS leistet das Aggregat. Dank seiner Gewichtsverteilung von 50:50 stürzt sich der Bugatti-Blaue in jede Kurve, dass es eine Freude ist.

So mühelos das Auto die Anstrengung nimmt, so hart müssen die Insassen ackern. Der Fahrer kämpft in den Kurven am Lenkrad, gibt beim Schalten Zwischengas, um dem unsynchronisierten Getriebe die richtige Drehzahl anzubieten. Der Beifahrer versteift sich in schnellen Kurven, um nicht aus dem Auto zu fallen: Türen, Sportsitze, Sicherheitsgurte – alles Erfindungen der Neuzeit. Aber kaum merkt man nach einigen hundert Kilometern noch Krach, Hitze und Enge. Regelmäßig siegen die Bugattis heute noch bei Oldtimer-Rallyes wie der Mille Miglia.

Historie und Spaßfaktor macht die Oldtimer heute zu begehrten Sammlerstücken. Auf Auktionen werden sie im sechsstelligen Bereich bis über eine Million Euro gehandelt. Vor dem Kauf eines T35 sollte man sich in gut unterrichteten Kreisen erkundigen, bei wem man kaufen kann. Bugatti empfiehlt auf Anfrage Spezialisten in England und Frankreich. Zur Probefahrt sollte man die Lederhandschuhe nicht vergessen.

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