Daimler-Reifenentwicklung: „Wir prüfen über 25 Kriterien“

Autor / Redakteur: Klaus Peter Backfisch / Dipl.-Ing. (FH) Jan Rosenow

Dr.-Ing. Frank R. Klempau ist leitender Mitarbeiter der Abteilung Serienentwicklung und -freigabe von Reifen der Daimler AG. Sein Team passt die Produkte der Reifenindustrie an die Daimler-Anforderungen an – mit großem Aufwand.

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Redaktion: Sie betreiben einen großen Aufwand, um die technischen Eigenschaften von Reifen zu prüfen und für Mercedes-Fahrzeuge anzupassen. Warum nehmen Sie nicht einfach Serienprodukte?

Dr. Frank R. Klempau: Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen: Die Bedeutung des Reifens für die Charakteristik eines Fahrwerks und damit des Fahrzeugs ist enorm. Somit hat die Abstimmung des Reifens auf die Fahrwerkskinematik und die Feder-Dämpfer-Eigenschaften einen sehr hohen Stellenwert. Hierbei gilt, die Schwerpunkte festzulegen, etwa höchstmöglichen Komfort oder betonte Fahrdynamik, große Robustheit gegenüber Fahrbahnstörungen oder feinfühliges Ansprechverhalten. Dies bedeutet auch, dass wir Kriterien wie die Seitenkraftcharakteristik und das Ansprechverhalten, die dynamischen Steifigkeiten und auch die Rundlaufqualität auf das Zielfahrzeug hin entwickeln müssen. Des Weiteren hängt die Auslegung eines Reifens auch davon ab, ob es sich um ein front- oder heckgetriebenes Fahrzeug handelt.

Können Sie Ihren Testaufwand kurz beschreiben?

Die Hardware-Entwicklung der MO-Reifen (Mercedes Original) dauert zirka zwei Jahre. Während dieser Zeit passen wir den Reifen in verschiedenen Iterationsschleifen an das Zielfahrzeug an. Die Erprobung umfasst Indoor- und Outdooruntersuchungen sowie subjektive und objektive Beurteilungen der Reifeneigenschaften.

Wie viele Kriterien prüfen Sie insgesamt?

Wir prüfen über 25 Kriterien, beispielsweise auch die Montierbarkeit der Reifen, die Abwurfsicherheit bei Minderluftdruck und das Ablaufverhalten der Reifen.

Welche Prioritäten setzen Sie bei den technischen Eigenschaften?

Oberste Priorität liegt auf den sicherheitsrelevanten Eigenschaften Schnelllauffestigkeit, Nassgriff, Längs- und Queraquaplaning und dem Bremsweg. Im Rahmen von Handling- und Stabilitätsuntersuchungen fahren wir auch Extremmanöver. Ziel ist, ein stets beherrschbares Fahrverhalten zu gewährleisten. Als nächstes wären die komfortrelevanten Eigenschaften zu nennen, wie die Rundlaufqualität, das Abtast- und Abrollverhalten und das Reifengeräusch. Letzteres bewerten wir sowohl im Fahrzeug als auch in Form des Vorbeifahrgeräuschs. Und schließlich gibt es noch die ökonomischen Eigenschaften des Reifens, deren Bedeutung stark zunimmt. So ist die Reduzierung des Rollwiderstands wichtig, um den Kraftstoffverbrauch des Fahrzeugs zu verringern. Ebenfalls von Bedeutung für die Kundenzufriedenheit ist die Laufleistung der Reifen.

Bietet Mercedes-Benz weiterhin Runflat-Reifen mit Notlaufeigenschaften an?

Zurzeit bieten wir die MO-Extended-Reifen noch als Option an. Bei den kommenden Baureihen werden wir das Angebot an Reifen mit Notlaufeigenschaften ausweiten, möglicherweise bis zum serienmäßigen Einsatz in verschiedenen Märkten.

Sehen Sie in absehbarer Zeit eine neue Runflat-Generation kommen, die Ihre Vorgaben deutlich besser erfüllt als bisher?

Die MO-Extended-Reifen, die wir aktuell mit unseren Reifen-Entwicklungspartnern erproben und die teilweise bereits freigegeben sind, erfüllen unsere Komfortansprüche in einem weit höheren Maße als die Reifen der ersten Generation. Ein Kunde wird hinsichtlich Abrollkomfort bei der aktuellen MO-Extended-Generation keinen Unterschied zu einem Standardreifen feststellen können.

Welche Verbesserungen beim Rollwiderstand sind in naher Zukunft realisierbar?

Da die neuesten Technologien für Laufstreifenmischungen, Aufbau und Kontur bereits bei den aktuellen Reifen berücksichtigt wurden, besitzen sie gegenüber der Vorgänger-Reifengeneration um bis zu 15 Prozent weniger Rollwiderstand. Innerhalb der nächsten fünf Jahre sind weitere zehn Prozent Absenkung, bezogen auf das aktuelle Niveau, zu erwarten.

Bei welchen Kriterien halten Sie Abstriche für vertretbar, um den Rollwiderstand zu optimieren?

Eine Rollwiderstandsoptimierung zulasten anderer Reifeneigenschaften entspricht nicht der Mercedes-Philosophie. Würde man sich einseitig auf die Verbesserung des Rollwiderstands konzentrieren, so hätte dies im „magischen Reifendreieck“ die Folge, dass Nassgriff und Reifenverschleiß sich deutlich verschlechtern würden. Daher ist es wichtig, einen sauberen Kompromiss zu finden und gezielt neue Technologien, wie beispielsweise spezielle Silane, Polymere und Ruße einzusetzen.

Muss sich möglicherweise unser bisheriges Reifenkonzept konstruktiv ändern, um den Rollwiderstand signifikant zu vermindern (schmalere Versionen, größere Durchmesser)?

Die Reifendimension richtet sich zurzeit primär nach dem Fahrzeuggewicht, der Maximalgeschwindigkeit und nach den fahrdynamischen Eigenschaften. Diese Abhängigkeiten, denen physikalische Eigenschaften zu Grunde liegen, lassen sich nicht ohne Weiteres aufheben. Allerdings ist es richtig, dass schmalere Reifen weniger Roll- und Luftwiderstand verursachen, sofern die Auslastung des Reifens nicht über ein optimales Maß zunimmt. Zu bedenken ist allerdings, dass eine Vergrößerung des Reifendurchmessers in der Regel auch den Radstand, die Fahrzeugausmaße und damit das Fahrzeuggewichts vergrößert.

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