Dekra-Verkehrssicherheitsreport Studie deckt Schwachstellen bei Bedienkonzepten auf

Von Dipl.-Ing. (FH) Kfz-Technik Peter Diehl 3 min Lesedauer

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Erhöhen moderne Fahrzeugbedienkonzepte das Unfallrisiko im Straßenverkehr? Eine Studie der Dekra-Unfallforschung bejaht diese Frage. Nicht nur, aber insbesondere beim Fahrzeugwechsel, für ältere Menschen und für Träger von Lesebrillen.

Die Probanden der Dekra-Unfallforschung hatten zum Teil erhebliche Schwierigkeiten beim Umgang mit Bedienfunktionen in modernen Cockpits.(Bild:  Dekra)
Die Probanden der Dekra-Unfallforschung hatten zum Teil erhebliche Schwierigkeiten beim Umgang mit Bedienfunktionen in modernen Cockpits.
(Bild: Dekra)

Statt Schalter oder Drehregler zu betätigen, werden heute im Cockpit Displays oder Flächen berührt. Viele Fahrzeugfunktionen sind schwer erreichbar, weil in Bedienmenüs versteckt. Das Suchen, Auswählen, Aktivieren und Deaktivieren sorgt für Ablenkung, insbesondere in Fahrzeugen, mit denen der Fahrer nicht vertraut ist. Erhöht diese Entwicklung das Unfallrisiko im Straßenverkehr?

Mit dieser Frage beschäftigte man sich auch bei der Unfallforschung von Dekra. Um sie zu beantworten, stellte die Sachverständigenorganisation 80 Probanden vor sicherheitsrelevante Bedienaufgaben in zwei Fahrzeugen. Ausgewählt wurden hierfür zwei Generationen eines Modells mit hohen Verkaufszahlen in Deutschland, gebaut 2012 und 2022. Hintergrund: Die Probanden sollten nicht mit zwei gänzlich unterschiedlichen Bedienkonzepten konfrontiert werden.

Durchgeführt wurden die Versuche im Stand bei eingeschalteter Zündung, beispielsweise das Einschalten von Scheibenwischer, Frontscheibenbelüftung, Radio, Heckscheibenheizung, Abblendlicht oder der Nebelscheinwerfer. „Dabei zeigte sich, dass die Probanden im neueren Fahrzeug für alle gestellten Aufgaben im Durchschnitt viel mehr Zeit benötigten – teilweise sogar mehr als doppelt so lange. Konnte die jeweilige Bedienaufgabe nicht innerhalb von 30 Sekunden gelöst werden, erfolgte der Abbruch des Versuchs. Dies war bei deutlich mehr Probanden im neueren Fahrzeug der Fall“, beschreibt eine Mitteilung von Dekra das Verhalten der Probanden.

Fehlendes haptisches Feedback und unterschiedliche Menüstrukturen

Das Problem hat laut Dekra gleich zwei Ursachen: zum einen eine längere Blickzuwendung, also eine ebensolche Ablenkungszeit, weil haptisches Feedback fehlt. Zum anderen herstellerspezifische Benutzerführungen mit erheblichen Unterschieden bei Menüstruktur und Funktionsbenennung. „Werden Fahrzeuge unterschiedlicher Hersteller gefahren, wie etwa bei der Nutzung von Mietwagen oder beim Carsharing, sind Probleme vorprogrammiert“, erklärt der Dekra-Verkehrspsychologe Dr. Thomas Wagner.

Nach dessen Ansicht stehen Fahrzeugentwickler vor einer großen Herausforderung: „Auf der einen Seite soll die Bedienung so intuitiv wie möglich sein. Gleichzeitig müssen immer mehr Funktionen und Einstellmöglichkeiten im Bedienkonzept Platz finden.“ Dringend erforderlich sei deshalb eine herstellerunabhängige Standardisierung vor allem sicherheitsrelevanter Funktionen bezüglich Anordnung, Anbringung und Handhabung der Elemente im Cockpit. „Diese Funktionen müssen einfach mittels herkömmlicher Bedienelemente mit haptischem Feedback einstellbar sein – auch im Hinblick auf einen möglichen Ausfall des Touchscreens“, so Wagner.

Darüber hinaus erachtet der Verkehrspsychologe eine Art Gütesiegel für ablenkungsarme Gestaltungslösungen als überlegenswert. Auch die Weiterentwicklung sprachgesteuerter Funktionen böte in diesem Zusammenhang noch viel Potenzial.

Probleme insbesondere für Menschen mit Lesebrille

Zurück zur Probandenstudie. Vom Bedienkonzept des jüngeren Fahrzeugs war die Mehrheit der Probanden verwirrt. Zitat aus der Mitteilung der Sachverständigenorganisation: „Beklagt wurden die Reaktionszeit des Touchdisplays und der berührungssensitiven Schaltflächen ebenso wie das fehlende haptische Feedback, insbesondere der sensitiven Schaltflächen. Der Lernaufwand, den die neuen Bedienkonzepte von den Fahrern verlangen, wird von den Probanden als recht hoch eingeschätzt – insbesondere für ältere Menschen.“

Ein sicherheitsrelevantes Problem können moderne Bedienkonzepte auch für Menschen darstellen, die eine Lesebrille tragen: „Denn ohne diese Brille erkennen sie die Bedienelemente nicht. Mit dieser Brille können sie aber dem Verkehrsgeschehen nicht mehr folgen, weil sie auf größere Entfernungen praktisch nichts mehr sehen“, schätzt Dekra hierzu ein.

Weitere Details zum Thema sowie zum Spannungsfeld zwischen Technik und Mensch enthält der Verkehrssicherheitsreport 2023 der Sachverständigenorganisation. Fundstelle: www.dekra-roadsafety.com. 

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