Der Oldtimer ist ein Kulturgut
Rund zwei Millionen aller in Europa zugelassener Fahrzeuge verdienen das Prädikat historisches Fahrzeug. Die Überwachungsorganisationen können Oldtimer begutachten und den Weg zum begehrten H-Kennzeichen freimachen.
Was vor einigen Jahren noch als „Hobby der Reichen“ galt, gehört heute schon fast zum täglichen Straßenbild: Young- und Oldtimer. Die Liebhaberei von einst ist inzwischen erschwinglich, weil das Angebot an adäquaten Fahrzeugen seit Jahren stetig steigt.
In der Tat werden die Autos auf Deutschlands Straßen immer älter. Im Jahr 2006 vermeldete das KBA in Flensburg, dass ihr Durchschnittsalter bei über sieben Jahren liegt. Insgesamt beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung unserer Fahrzeuge derzeit knapp zwölf Jahre. Danach werden die Autos laut KBA endgültig aus dem Verkehr gezogen. Etliche Fahrzeuge überschreiten jedoch relativ unbeschadet diesen kritischen Punkt und sind dadurch auf dem besten Weg, ein so genannter Youngtimer zu werden. Dieses – vornehmlich deutsche – Prädikat steht den Automobilen nach 20 Jahren zu, bevor sie dann nach 30 Jahren tatsächlich zum Oldtimer werden.
Laut dem europäischen Oldtimer-Dachverband FIVA (Fédération Internationale des Véhicules Anciens / www.fiva.org) verdienen etwa 0,8 Prozent aller in Europa zugelassenen Fahrzeuge (255 Mio.) die Bezeichnung historisches Fahrzeug (rund 2 Mio.).
Großer Oldtimer-Bestand
Eine aktuelle Untersuchung des Dachverbandes hat gezeigt, dass nicht nur der Bestand an Oldtimern zunimmt. Auch das Geschäft mit und rund um die Restaurierung von Oldtimern hat sich zu einem Milliardenmarkt entwickelt. Demnach gibt es in Europa etwa 9 000 Unternehmen, die mit Oldtimern ihr Geld verdienen: Deutlich über 16 Milliarden Euro werden jährlich mit den alten Automobilen umgesetzt. In Deutschland sind es rund fünf Milliarden Euro.
Es sind heute hauptsächlich die Freien Werkstätten, die auf diesem Gebiet tätig sind. Der wachsende Bestand an Oldtimern lässt erwarten, dass künftig der Bedarf an Werkstattleistungen ebenfalls steigt. Das bedeutet für Werkstätten und Autohäuser neue Marktchancen. Allerdings erwarten die Kunden ein spezielles Know-how. Ohne profunde Kenntnisse über alte Technik und alte Fahrzeuge wird es nicht gehen.
Derzeit umfasst der Bestand an Oldtimern hierzulande etwa eine Million Fahrzeuge. Davon besitzen rund 560 000 eine reguläre Zulassung und sind älter als 25 Jahre. Etwa 200 000 Automobile sind älter als 30 Jahre und rund 170 000 (laut KBA) von ihnen verfügen über das 1997 in Deutschland eingeführte historische Kennzeichen (H-Kennzeichen). Der Wert von 78 Prozent der Oldtimer beträgt weniger als 15 000 Euro und ihre jährliche Fahrleistung beträgt weniger als 1 500 km.
Längst wird die Szene nicht mehr von den mehr oder weniger berühmten Automobilen der fünfziger Jahre oder noch früher beherrscht. Heute sind es Fahrzeuge, die einige von uns noch aus ihrer Jugend kennen, beispielsweise den Opel Kadett A. Opels Muttergesellschaft General Motors gab den „perfekten Anti-VW“ 1957 in Auftrag. 1962 war es dann soweit: Der erste Kadett A rollte vom Bochumer Produktionsband. Bis 1965 sollten noch fast 650 000 folgen. Doch während der damalige Hauptkonkurrent von Volkswagen, der Käfer, „lief und lief und lief“, war der Kadett A schon Mitte der siebziger Jahre fast aus dem Straßenbild verschwunden.
Oldtimer-Enthusiasten werden einige Probleme damit haben, einen Kadett als Oldtimer zu bezeichnen. Noch schwerer fällt ihnen das wahrscheinlich bei einem Golf.
Doch die ersten Golf I überschritten schon im Jahr 2004 die 30-Jahre-Grenze. Exemplare der ersten Stunde, die es weitestgehend im Originalzustand in die heutige Zeit geschafft haben, steht die Zulassung als Oldtimer mit H-Kennzeichen zu. Denn die am 1. März 2007 in Kraft getretene Fahrzeugzulassungsverordnung sagt: „Fahrzeuge, die vor mindestens 30 Jahren erstmals in den Verkehr gekommen sind, weitestgehend dem Originalzustand entsprechen, in einem guten Erhaltungszustand sind und zur Pflege des kraftfahrzeugtechnischen Kulturgutes dienen, gelten als Oldtimer.“
„Generation Golf“
Strittig wäre also bei einem Golf einzig die Frage nach dem kraftfahrzeugtechnischen Kulturgut. Doch glaubt man dem Hersteller Volkswagen, dann hat der Golf ganze Generationen von Autofahrern geprägt und somit auch die Kultur beeinflusst. Ein Beweis dafür ist Florian Illies Bestseller „Generation Golf“.
Unsere Zeit ist schnelllebig geworden – an unseren Automobilen erkennen wir das. Und was heute noch im Alltagsgebrauch ist und vielleicht gerade auf dem besten Weg zum Youngtimer ist, kann morgen schon ein Oldtimer sein. Kommenden Generationen werden den Golf wahrscheinlich aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Die Generation Golf wird einmal über dieses Auto sagen: „Das war vor 30 Jahren.“
Konrad Wenz
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