Ein Mädchen kann das auch

Redakteur: Johannes Büttner

Während im Verkauf und in der Verwaltung von Autohäusern häufig Frauen anzutreffen sind, bilden sie in den Werkstätten eine kleine Minderheit. Ulrike Seitz ist eine dieser Ausnahmeerscheinungen.

„Als ich gegen Ende der Realschule keine Vorstellung hatte, was ich später einmal machen möchte, habe ich ein Praktikum in der Kfz-Werkstatt gemacht.“ Eine Aussage, wie man sie wohl tausendfach in den Biografien von Kfz-Mechanikern, -Elektrikern und -Mechatronikern lesen kann. Schließlich ist Kraftfahrzeug-Mechatroniker der beliebteste Ausbildungsberuf in Deutschland – bei jungen Männern. Mädchen drängt es dagegen weit seltener in die technischen Berufe des Gewerbes, auch wenn sich der ZDK redlich darum bemüht, die Frauenquote anzuheben.

Als Schülerin absolvierte Ulrike Seitz in den Herbstferien ein Praktikum in der Mercedes-Benz-Niederlassung Ravensburg. Die Arbeit an den Autos machte ihr viel Spaß, und offensichtlich stellte sie sich geschickt an: Der Leiter der technischen Berufsausbildung in der Niederlassung, Franz Gessler, empfahl ihr, sich auf eine Ausbildungsstelle als Kfz-Elektrikerin zu bewerben. 1997 begann sie ihre dreieinhalbjährige Lehre in dem Beruf, der inzwischen im Kfz-Mechatroniker aufgegangen ist.

„Wir hatten zu Hause weder eine Kfz-Werkstatt noch einen Bauernhof, wo ich schon als Kind an den Fahrzeugen herumgeschraubt hätte“, weist Seitz die Vermutung zurück, die Liebe zum Auto sei ihr in die Wiege gelegt worden. Als Teenager entdeckte sie dann aber ein Hobby, das ihre Berufswahl entscheidend beeinflussen sollte: Stock-Car-Rennen.

Ein paar Kumpels waren in diesem Rennsport aktiv, und selbstverständlich legte auch das Mädchen in der Clique mit Hand an, wenn an den Autos herumgeschraubt wurde. Heute wäre die Hilfe der ausgebildeten Kraftfahrzeug-Elektrikerin im Team erst recht gefragt. Aber als Berufstätige hat sie nicht mehr viel Zeit für den Motorsport. Die alten Freunde mischen allerdings nach wie vor in der Stock-Car-Szene mit, über sie ist Ulrike Seitz der früheren Leidenschaft noch verbunden.

Die vielen Jungs unter ihren Jugendfreunden haben ihr auch geholfen, sich problemlos in die „Männerwelt“ einer Kfz-Werkstatt einzuleben. Am ersten Tag in der Berufsschule habe der eine oder andere Mitschüler noch gedacht, sie habe sich verlaufen, erinnert sie sich schmunzelnd.

Schnell aber war sie voll akzeptiert und niemand kam mehr auf die Idee, sie nach nebenan zu schicken, wo die angehenden Friseurinnen unterrichtet wurden. Im Betrieb war sie bereits die dritte technische Auszubildende in der Unternehmensgeschichte. Da war ohnehin von Anfang an klar, dass die junge Kollegin ein Azubi ist wie alle anderen.

Ein(e) Mitarbeiter(in) wie alle anderen

Darauf legte Ausbildungsmeister Gessler immer großen Wert. Wenn Kavaliere in der Belegschaft glaubten, die eine oder andere schwere Tätigkeit könne man einer Frau nicht zumuten, antwortete er: „Man kann sie das nicht nur machen lassen, man muss es sogar. Schließlich lernt sie diesen Beruf mit allem, was dazugehört.“ Genauso sah es die damalige Auszubildende.

Gerade die vielen unterschiedlichen Facetten ihrer Tätigkeit fand und findet sie spannend. „Das Praktikum hat Spaß gemacht, aber es vermittelt natürlich nur einen kleinen Einblick in die echte Arbeitswelt. Erst während der vielschichtigen Ausbildung habe ich festgestellt, dass der Beruf genau der richtige für mich ist.“

Deshalb nahm Ulrike Seitz nach Beendigung ihrer Lehrzeit gern das Angebot wahr, weiter in ihrem Ausbildungsbetrieb zu arbeiten. Zwischenzeitliche Überlegungen, vielleicht noch eine kaufmännische Ausbildung anzuhängen, hat die 26-Jährige beiseite gewischt. Auch eine Weiterqualifizierung steht – zumindest in nächster Zeit – nicht auf der Tagesordnung. „Ich bin glücklich und zufrieden mit dem, was ich im Moment tue“, sagt sie.

Zu diesen Tätigkeiten zählt alles, was für einen Kfz-Mechatroniker im Bereich Pkw anfällt: Vom Auslesen eines Diagnosegeräts mithilfe des Laptops über Sattlerarbeiten bis hin zum Reifenwechsel. Arbeiten, die Muskelkraft erfordern, genauso wie solche, bei denen es auf Fingerspitzengefühl und Köpfchen ankommt.

Selbstverständlich bereitet ihr die Arbeit nicht jeden Tag gleich viel Freude. Aber von echten Negativerlebnissen weiß Seitz nach zehn Jahren im Beruf nicht zu berichten. Auch nicht von unangenehmen Erfahrungen im Umgang mit Kunden – im Gegenteil: „Noch nie hat jemand gesagt, dass er keine Frau an sein Auto lässt.

Die meisten finden es sogar toll, dass nicht nur Männer in der Werkstatt arbeiten.“ Ihre Kollegen erkennen sie ohnehin als vollwertige Arbeitskraft an, eine mit ganz besonderen Stärken: „Es kommt schon vor, dass mich die anderen bitten, einen Stecker zu ziehen, weil ich mit meinen kleineren Frauenfingern besser hinkomme“, erzählt sie.

Die raue Werkstattwelt schreckte nicht ab

Als ganz normale Mitarbeiterin anerkannt zu sein, bedeutet aber auch, den manchmal etwas rauen Umgangston in einer Kfz-Werkstatt aushalten zu können. Für die junge Frau überhaupt kein Problem: Männliche Kumpels hatte sie schon seit der Grundschule, und im Stock-Car-Team ging es später auch nicht immer zimperlich zu. Da löst eine derbe Wortwahl am Arbeitsplatz keine Schockzustände mehr aus. „Es ist doch besser, es wird klar und deutlich geredet, als wenn jemand hintenrum Intrigen schmiedet“, findet Seitz.

Wer wie sie zufrieden in seinem Job ist und ihn jederzeit wieder ergreifen würde, kann auch anderen interessierten Mädchen eine Ausbildung als Kfz-Mechatronikerin nur empfehlen. Die Möglichkeit dazu besteht inzwischen in vielen Betrieben. Denn beinahe überall haben die Unternehmen erkannt, dass sie bei ihrer Suche nach erstklassigen Nachwuchskräften die weibliche Hälfte der Bevölkerung nicht vernachlässigen dürfen.

Auch bei Mercedes in Ravensburg sind Bewerberinnen nach wie vor willkommen. Gezielt umgarnen möchte Franz Gessler sie aber nicht. Seine Devise „Die Mädchen werden genauso behandelt wie die Jungs“ gilt nicht nur für die Arbeit, sondern ebenso auch für die Bewerberauswahl. Wer an einer Ausbildung ernsthaft interessiert sei, komme von allein und müsse nicht eigens umworben werden, findet er.

Tatsächlich bewerben sich alljährlich einige junge Frauen bei ihm. Es sind aber immer noch deutlich weniger als Männer. Die Mädchen jedoch, die sich bewerben, haben sich im Vorfeld schon genauer über den Beruf informiert als die meisten Jungs und bringen viel Interesse mit. Gut möglich also, dass Ulrike Seitz irgendwann einen Mechatronikerinnen-Stammtisch in Ravensburg eröffnen kann.

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