Mercedes-Benz Eine Standuhr, die fliegt

Von Steffen Dominsky 3 min Lesedauer

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Gottlieb Daimler hatte eine Vision: die Motor-Mobilität zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Vor 135 Jahren lernte sein Motor, genannt „die Standuhr“, das Fliegen und trieb das Wölfertsche Motor-Luftschiff an.

Vor 135 Jahren gelingt mit dem Wölfertschen Motor-Luftschiff am 10. August 1888 die erste von einem Verbrennungsmotor angetriebene Luftfahrt der Welt – angetrieben von Daimlers und Maybachs „Standuhr“.(Bild:  Mercedes-Benz)
Vor 135 Jahren gelingt mit dem Wölfertschen Motor-Luftschiff am 10. August 1888 die erste von einem Verbrennungsmotor angetriebene Luftfahrt der Welt – angetrieben von Daimlers und Maybachs „Standuhr“.
(Bild: Mercedes-Benz)

Universelle Einsetzbarkeit, konsequenter Leichtbau und hohe Leistungsdichte: Anforderungen, die nicht erst seit Kurzem an den Motorenbau gestellt werden – im Gegenteil. Bereits vor mehr als 130 Jahren hatten sich ein gewisser Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach genau diese Vorgaben in ihr selbst auferlegtes Lastenheft für einen schnell laufenden Verbrennungsmotor geschrieben. Heraus kam dabei „die Standuhr“, ein stehender Einzylinder-Viertaktmotor, für den Daimler am 3. April 1885 ein Patent erhielt. Das gute Stück – das an eine Pendeluhr erinnernde Aussehen gab diesem seinen Spitznamen – verfügte über ein Schnüffelventil und einen Oberflächenvergaser und leistete etwa 1 PS (0,735 kW) bei 600 min−1 und einem Hubraum von 462 cm3.

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Zur gleichen Zeit beschäftigte sich der Leipziger Buchhändler und studierte Theologe Dr. Friedrich Hermann Wölfert mit der (Weiter-)Entwicklung von Luftschiffen. Zusammen mit seinem Entwicklungspartner Georg Baumgarten erprobte der technikbegeisterte Buchhändler ab 1880 verschiedene Verfahren für den Antrieb und die Höhensteuerung seiner Luftschiffe. Unter anderem kam auch ein Federwerkmotor zum Einsatz, umgangssprachlich wegen seiner Verwendung in Uhren auch „Uhrwerkmotor“ genannt. Später hat Wölfert auch Elektromotoren im Blick. Doch das Gesamtgewicht von Motor und Energiespeicher war zu groß. Erst der schnell laufende Viertakt-Verbrennungsmotor brachte die gewünschte Kombination aus leichtem Gewicht (84 Kilogramm) und hoher Leistung mit sich. Und hier kam Daimlers Einzylinder ins Spiel.

Die erste von einem Verbrennungsmotor angetriebene Luftfahrt der Welt

Gottlieb Daimler ist der perfekte Kooperationspartner Wölferts, denn Überzeugungsarbeit muss der Luftfahrtpionier nicht leisten. Schließlich ist der Schwabe schon länger davon überzeugt, dass sein gemeinsam mit Maybach konstruierter, schnell laufender Viertakt-Verbrennungsmotor eine ganzheitliche Mobilität zu Lande, zu Wasser und in der Luft ermöglichen wird. Bis heute erinnert die dreizackige Form des Mercedes-Sterns als Markenzeichen an diese Vision. Und so kommt es, dass am 10. August 1888 um 9 Uhr morgens das Wölfertsche Luftschiff, angetrieben von einer Daimler-/Maybach-Motor, auf dem Fabrikhof von Daimler in Cannstatt zur Jungfernfahrt startet. Am Steuer saß nicht Dr. Wölfert selbst. Denn der etwa zwei Meter große Buchhändler wiegt rund 100 Kilogramm. Das wäre zu viel Ballast für das Fluggerät mit seinem mit Wasserstoffgas gefüllten Auftriebskörper, an dem die Gondel angehängt ist. Es ist die erste von einem Verbrennungsmotor angetriebene Luftfahrt der Welt.

In bester Technologiepartnerschaft springt damals Daimler-Mitarbeiter Gotthilf Wirsum ein, der etwa 30 Kilogramm leichter ist als der Erfinder der Flugmaschine. Er steuerte das Luftschiff erfolgreich in Richtung Kornwestheim und landete auf dem Aldinger Exerzierplatz – neugierig bestaunt von den dort tätigen Offizieren. Zwei Tage später unternahm Wirsum eine weitere Fahrt über eine Distanz von rund vier Kilometern. Die erste Motorluftfahrt vor 135 Jahren war der Beginn einer erfolgreichen Historie. Daimler, Benz & Cie., die 1890 gegründete Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) und nach der Fusion 1926 die damalige Daimler-Benz AG bauen Motoren für Luftschiffe und Flugzeuge. Unter anderem wurden Luftschiffe des Grafen Zeppelin von Daimler-Motoren angetrieben, vom LZ 1 des Jahres 1900 bis zum LZ 130 von 1938. Dr. Friedrich Hermann Wölfert erlebte diesen Siegeszug der Luftschiffe nicht mehr. 1888 unternahm er eine dritte Fahrt vom Cannstatter Wasen aus und präsentiert 1889 sein neues, ebenfalls von einem Daimler-Motor angetriebenes Luftschiff in Ulm. Mit seinem Luftschiff „Deutschland“ stürzte er 1897 in Berlin ab und kam dabei ums Leben.

Mit gerade einmal 2 PS ging’s in die Luft

Dünn wirken die Holzleisten des Gestells, in dessen Mitte gut sichtbar der Daimler-Einzylindermotor aufragt – so präsentiert sich heutzutage ein Nachbau der Gondel des Wölfertschen Luftschiffs, der im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart bewundert werden kann. Fast schon filigran erscheinen die an diesen Latten befestigten Schnüre. Doch die Konstruktion ist Programm. Schließlich ist diese Gondel Teil eines frühen Flugapparats – und für die Luftfahrtpioniere der 1880er-Jahre hat Leichtbau oberste Priorität. Auch die mit Stoff bespannten Luftschrauben sind deshalb auf ein geringes Gewicht hin optimiert. Der 2 PS (1,5 kW) starke Motor mit 603 Kubikzentimetern Hubraum ist ohne Gehäuse auf einem stabilen Holzfundament in der Gondel montiert. Seine Komponenten aus schwarz lackiertem Guss und poliertem Messing sind entsprechend gut zu sehen. Sie heben sich klar von der Grundkonstruktion der Gondel aus Holz, Schnüren und Textil ab. Der Motor wirkt mit bis zu 720 Umdrehungen je Minute auf eine horizontale und eine vertikale Luftschraube, beide jeweils dreiflügelig ausgeführt und auf einer Welle aus Metallrohr befestigt. Die horizontale Schraube unter der Gondel dient zur Veränderung der Fahrthöhe. Die vertikale Schraube im Heck übernimmt den Vortrieb. Gelenkt wird mit einem vorn montierten Segel. 

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