Emotionaler Autokauf
Unter dem Begriff „Youngtimer“ hat sich in den vergangenen Jahren ein regelrechter Kult um die Alltagsautos aus den 70er und 80er Jahren entwickelt.
Die Faszination von Oldtimern ist nicht neu. Edelfahrzeuge vom Schlage eines Mercedes-Benz Flügeltürers aus den 50er Jahren ziehen in den Museen oder auf Messen immer wieder die Blicke auf sich. Bei den „normalen“ Autos, die in die Jahre gekommen sind, scheiden sich hingegen die Geister. Für die einen sind sie einfach nur alte Gebrauchtwagen. Für die anderen sind sie wertvolle Liebhaberfahrzeuge. Unter dem Begriff „Youngtimer“ hat sich in den vergangenen Jahren ein regelrechter Kult um die Alltagsautos aus den 70er und 80er Jahren entwickelt. Während die einen viele dieser Fahrzeuge am liebsten auf dem Schrottplatz sehen würden, sind die anderen bereit, viel Geld für den Kauf sowie anschließende Reparaturen und Renovierungen zu investieren.
Der Bestand an älteren Fahrzeugen ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Die Gesamtzahl der zugelassenen Autos, Motorräder und Lastwagen beträgt mittlerweile etwa 1,3 Millionen. Den Großteil machen naturgemäß die Pkw aus. Rund 920 000 aller in Deutschland zugelassenen Autos waren zum Stichtag 1. Januar 2006 älter als 20 Jahre. Das Wachstum ist beträchtlich: Ein Jahr zuvor lag diese Zahl noch bei 788 000 Pkw. Etwa 446 000 Autos sind älter als 25 Jahre.
In keiner Statistik
Diese statistischen Zahlen darf man allerdings nicht falsch verstehen. Die Summe aller in Deutschland existierenden Altautos liegt noch deutlich höher. Viele Fahrzeuge schlummern in Garagen und Museen oder werden mit einem roten 07er-Kennzeichen bewegt. Gerade die 07er Nummer ist die große Unbekannte im Zahlenspiel. Sie gilt nicht als reguläre Zulassung, jeder Halter darf mit ihr mehrere Fahrzeuge bewegen. Er ist zwar verpflichtet, jede mit ihr betriebene Neuanschaffung in sein Fahrzeugscheinheft eintragen zu lassen, die Zahl dieser Eintragungen wird aber von den örtlichen Zulassungsbehörden nicht an das KBA in Flensburg weitergemeldet, was eine statistische Erfassung unmöglich macht. Experten schätzen die Zahl der real existierenden Oldtimer daher dreimal so hoch wie die der angemeldeten.
Auch das Deutsche Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) hebt die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung der Klassiker für die Branche hervor. Derzeit gebe es in Deutschland etwa 1 500 Kfz-Meisterwerkstätten für Oldtimer. Mittelfristig könnte sich die Zahl auf rund 2 500 Fachbetriebe mit etwa 20 000 Beschäftigten erhöhen, die mit der Restaurierung von Oldtimern beschäftigen. Der Verband hat bereits eine Arbeitsgruppe gebildet, um dem drohenden Fachkräftemangel in dem stetig wachsenden Markt entgegen zu wirken. Geplant sei sogar, einen speziellen Beruf für die Fahrzeug-Restaurierung zu entwickeln.
Wie viel Umsatz im Geschäft rund um alte Fahrzeuge tatsächlich gemacht wird, wurde lange Zeit nicht exakt erfasst und konnte nur geschätzt werden. In einer groß angelegten Studie hat der Oldtimer-Weltverband FIVA mittlerweile für Klarheit gesorgt. Demnach werden in Deutschland etwa fünf Milliarden Euro rund um die alten Fahrzeuge umgesetzt. Diese Zahl bezieht sich nur auf Fahrzeuge, die älter als 25 Jahre sind.
Noch im Alltagsbetrieb
Die Fahrleistung der Freunde des über 20 Jahre alten Blechs liegt laut einer von der Bundesanstalt für Straßenwesen im Jahr 2002 in Auftrag gegebenen Erhebung bei jährlich etwa 6 600 km. Gerade unter jüngeren Autofahrern ist es weit verbreitet, einen Youngtimer im ganz normalen Alltagsbetrieb einzusetzen. Bei den Oldtimern über 30 Jahre dürfte der Durchschnittswert hingegen nur bei 1 500 km liegen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche jährliche Fahrleistung aller Personenkraftwagen und Kombi-Fahrzeuge beträgt 12 700 km.
Gerade mittelständische Kfz-Unternehmen profitieren von dem Boom der Young- und Oldtimer. Die Befragten der FIVA-Studie gaben an, pro Jahr im Schnitt 760 Euro für Zubehör und fast 2 500 Euro für Wartung, Teile und Restaurierung ihrer automobilen Lieblinge auszugeben. Die Fachzeitschrift „Oldtimer-Markt“ hat ausgerechnet, dass allein die 200 000 Inhaber von H-Kennzeichen und 07er-Nummern den Werkstätten und Teilehändlern ein Umsatzvolumen von einer halben Milliarde Euro bescheren würden – die Ausgaben der Motorrad- und Youngtimerbesitzer nicht mitgerechnet.
Noch mehr Geld geben die Deutschen für die Fahrzeuge selbst aus. Laut FIVA beträgt der Jahresumsatz im Handel mit Klassikern rund eine Milliarde Euro. Alles zusammengerechnet hat der Verband für den gewerblichen Bereich ein Umsatzvolumen von 3,5 Milliarden Euro errechnet. So verwundert es nicht, dass 40% der im Oldtimergeschäft aktiven Unternehmen zusätzliches Personal einstellen wollen.
Experte für Mercedes-Benz
Es verwundert ebenfalls nicht, dass zahlreiche Firmen neu gegründet wurden, die sich das Geschäft mit alten Fahrzeugen explizit auf die Fahnen geschrieben haben. Ein typischer Vertreter dieser Gruppe ist Jens Schiwy. Der studierte Betriebswirt machte vor drei Jahren aus einem Hobby seinen Beruf und gründete zusammen mit seinem Kompagnon Markus Alder in Grasberg bei Bremen die Firma „Kultmobile“. Da sich die beiden auf den Handel mit Fahrzeugen der Marke Mercedes-Benz aus den letzten drei Jahrzehnten spezialisiert haben, kam später der Zusatz „mit Stern“ hinzu. Angeboten wurden die Old- und Youngtimer zunächst vor allem über das Internet. Mitte 2006 hat Schiwy das Gebäude eines ehemaligen VW-Händlers im benachbarten Lilienthal angemietet. Die Ausstellungshalle ist 600 m² groß. Das reicht aus, um 18 Fahrzeuge komfortabel präsentieren zu können.
Die Grundlage für das Geschäft sieht Schiwy in der hohen Fachkompetenz bei den Produkten. „Da man kaum Experte für Fahrzeuge aller Marken sein kann, haben wir uns auf Mercedes-Benz spezialisiert.“ Das betrifft jedoch nur den Ankauf von Fahrzeugen. Einen wachsenden Anteil am Geschäft habe die Kommissionsware. Mit der steigenden Bekanntheit des jungen Unternehmens würden sich zunehmend Kunden melden, die den Verkauf ihres Oldtimers gegen Gebühr in fremde Hände geben möchten. „In diesen Fällen nehmen wir auch Exoten in unser Modellangebot mit auf, da wir kein Risiko in Sachen Gewährleistung eingehen“, erklärt Schiwy. Trotzdem gilt auch auch bei diesen Geschäften: Die Qualität der Fahrzeuge genießt eine hohe Bedeutung. Angeboten werden fast ausschließlich Fahrzeuge in einem sehr guten oder zumindest guten Zustand mit geringer Laufleistung und einwandfreier Historie
Jedes Auto wird bei der Hereinnahme umfassend geprüft. Soweit notwendig, nimmt Firmenmitbegründer Markus Alder in einer eigenen Werkstatt kleinere Aufbereitungsarbeiten selbst vor. Eventuell notwendige Lackierungen übergibt er an einen Fachbetrieb. Um in Sachen Qualität und vor allem in Sachen Gewährleistung auf Nummer sicher zu gehen, wird vor dem Verkauf eines Fahrzeugs an eine Privatperson ein Gebrauchtwagen-Gutachten erstellt. Selbstverständlich ist es auch, dass jedes Fahrzeug nur mit frischer Haupt- und Abgasuntersuchung verkauft wird.
Dank dieser Vorkehrungen habe es bislang keine größeren Probleme mit der Gewährleistung gegeben, betont Schiwy. Die einfacheren Modelle aus der 123-Baureihe seien sehr zuverlässig. Bei den den großen S-Klassen müsse man vorsichtig sein, zumal der Prüfung der aufwändigen Technik Grenzen gesetzt seien. Um keine bösen Überraschungen zu erleben, kalkuliert Schiwy beim Verkauf dieser Modelle einen entsprechenden Zuschlag mit ein.
Die Kunden von „Kultmobile mit Stern“ kommen mittlerweile aus ganz Deutschland. Der regionale Anteil am Geschäft ist eher gering. „Der typische Käufer eines Youngtimers informiert sich genau über das Fahrzeug. Wenn sein Interesse aber erst einmal geweckt ist, akzeptiert er auch eine weite Anfahrt“, berichtet der Jungunternehmer. Deshalb sei es sehr wichtig, die Fahrzeuge exakt zu beschreiben. „Als Verkäufer hat man den Vorteil, dass die Kunden, die eine aufwändige Anreise hatten, zumeist ein echtes Kaufinteresse haben.“
Das Internet sei bei dieser Form des Fahrzeugverkauf die mit Abstand wichtigste Plattform, um bei den potenziellen Kunden auf sich aufmerksam zu machen. Schiwy schätzt, dass mindestens 90% der überregionalen Kontakte über das Internet zustande gekommen seien. Zwar habe er versuchsweise auch Anzeigen in den entsprechenden Oldtimer-Fachmagazinen geschaltet, die Resonanz sei aber schwer einzuschätzen.
Marke spielt keine Rolle
Einen anderen Ansatz hat Matthias Grubert gewählt, der bereits seit 15 Jahren in der Branche aktiv ist. Er hat sich mit seiner in Erlangen ansässigen Firma „Vintage & Voyage“ auf keine Marke spezialisiert. „Die Kunst im Geschäft mit Oldtimern ist es, gute Fahrzeuge zu finden. Deshalb steht bei mir nur die Qualität im Vordergrund, aber nicht die Marke.“ Autos in der gewünschten Original-Qualität findet Grubert fast ausschließlich in Italien. Er hat sich im Laufe der Jahre dort ein Netzwerk „Scouts“ aufgebaut, die permanent auf der Suche nach geeigneten Fahrzeugen sind. Über das Internet hat er noch nie ein Fahrzeug gekauft. Er arbeitet nach dem Motto: „Je schöner die Bilder, desto schlechter die Autos.“ Da Grubert die Fahrzeuge immer selbst in Augenschein nehmen möchte, macht er sich regelmäßig auf den Weg nach Italien.
Vor diesem Hintergrund sind an den importieren Autos vor dem Verkauf keine besonderen Arbeiten auszuführen. Die Aufbereitung beschränkt sich meist auf das Erneuern von Verschleißteilen, was zwei Mechaniker in der eigenen Werkstatt übernehmen.
Gruberts Kundschaft kommt aus ganz Deutschland, zum Teil sogar aus dem Ausland. Auch bei ihm spielt das Internet für die Vermarktung eine wichtige Rolle. Aber auch die Mundpropaganda macht immer wieder Neukunden auf den Erlanger Oldtimerspezialisten aufmerksam.
Gute Gelegenheiten nutzen
Längst tummeln sich nicht mehr nur auf Old- und Youngtimer spezialisierte Firmen auf dem Markt. Auch traditionelle Autohäuser wollen sich ein Stückchen vom Kuchen abschneiden. Ein Beispiel dafür ist die Mercedes-Benz-Niederlassung Weser-Ems in Bremen. „Wir steigen zwar sicher nicht im großen Maßstab in das Geschäft mit älteren Fahrzeugen ein. Aber wenn sich eine gute Gelegenheit ergibt, sagen wir nicht Nein“, erklärt Friedhelm Manthey, Verkaufsleiter Gebrauchtfahrzeuge. Die Niederlassung hat sich auf die Cabrios der 107er-Baureihe von Mercedes-Benz spezialisiert. Interessant sei das Oldtimergeschäft zum einen aus Imagegründen, zum anderen ließe sich mit den Verkäufen in der Regel durchaus Geld verdienen. „Wir haben schon häufiger den Fall gehabt, dass ein und der selbe Kunde beim Kauf eines Neuwagens hart verhandelt hat, wenig später beim Oldtimer aber längst nicht auf den letzten Euro achtet“, berichtet Manthey. Während die Anschaffung eines neuen Autos eine rationale Entscheidung sei, seien beim Oldtimer immer persönliche Erinnerungen und Emotionen mit im Spiel.
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