Der Volkswagenkonzern bohrt ein dickes Brett. In den kommenden vier Jahren will der Autobauer eine eigene Software-Architektur für die Modelle aller Konzernmarken entwickeln. Angesichts vieler aktueller Probleme fällt Digitalvorstand Christian Senger eine entscheidende Aufgabe zu.
(Bild: VW)
Der Volkswagen-Konzern startet zum 1. Juli die Entwicklung eines eigenen Auto-Betriebssystems in seiner neuen Software-Unternehmenseinheit, bleibt aber offen für weitere Partnerschaften. Die Digital-Plattform soll die Grundlage für ein „VW-OS“ bilden, das bis 2024 voll ausgearbeitet und danach mit zusätzlichen Funktionen angereichert wird. Dabei will VW „die komplette Fahrzeugarchitektur“ inklusive Elektronik selbst kontrollieren, wie Digitalvorstand Christian Senger am Freitag in Ingolstadt erklärte.
Hardware, Betriebssystem und Anwendungen sind nach seiner Vorstellung künftig voneinander getrennt. Die neue Software-Architektur soll beispielsweise Software-Updates und Dienste „over the air“ ermöglichen, sodass Kundinnen und Kunden neue Produkte jederzeit herunterladen können und die Fahrzeuge digital auf dem aktuellen Stand bleiben. „Die Innovationszyklen werden kürzer. Wir werden neue Anwendungen viel schneller auf den Markt bringen“, so Senger.
Joint-Ventures oder Beteiligungen seien jedoch möglich, sofern es nicht um den Kern des neuen Systems gehe. In den kommenden Jahren sind mehr als sieben Milliarden Euro für die „Car-Software“-Organisation vorgesehen. Es gebe Anfragen von außen, sagte Senger vor der Vorstellung der Pläne. „Was wir aber nicht wollen, ist, dass jeder sein eigenes Ding mitbringen und umsetzen kann.“ Die Plattform werde eine Entwicklung der eigenen Experten sein. Seit dem Jahreswechsel war der Betrieb der neuen Sparte vorbereitet worden, im Juli geht es mit eigenem Personal und Budget los: „Wir wollen von der Planung aufs Machen umstellen.“
Unabhängigkeit von klassischen Software-Riesen
Die steigende Bedeutung von Software macht die Industrie abhängiger von den IT-Riesen – viele Unternehmen versuchen daher, ihre Kompetenz zu erweitern. Die neue VW-Einheit soll bis 2025 über 10.000 Experten umfassen, bis Ende des laufenden Jahres könnten schon 5.000 an Bord sein. Ziel ist es, die Wertschöpfung der eigenen Programmierung zu vergrößern. Der Anteil soll von weniger als 10 auf mehr als 60 Prozent wachsen.
Das „VW-OS“ enthält im Kern etwa ein Infotainment-System sowie einen Teil, bei dem auch freie Software-Entwicklung („open source“) möglich ist. Darüber hinaus sind „On-top-Systeme“ geplant, die – je nach Nachfrage und Vorschriften in einzelnen Märkten – auf dem Basismodell aufsetzen. Im Hintergrund arbeiten riesige Cloud-Speicher, über die der Datenverkehr läuft. Ab 2022 soll die Grundplattform bei Audi und Porsche kommen. Für die Ausbaustufe mit vollem Funktionsumfang ist 2024 angepeilt, ab 2025 in allen Marken der Gruppe. Es gehe um „ein System, das vom Kleinwagen bis zur Premiumlimousine skalierbar ist“.
Generell entfalte die Software-Entwicklung ihr Potenzial mit der steigenden Zahl der Fahrzeuge. Das gilt für Kostenvorteile, aber auch für das Lernen aus Daten. „Diesen Skalierungsvorteil haben wir auf unserer Seite“, sagt Senger. Mit rund 11 Millionen verkauften Fahrzeugen allein im Jahr 2019 verfügt der Konzern in puncto Größe über sehr gute Voraussetzungen.
Wertschöpfung im Unternehmen halten
Man habe „die 100-prozentige Überzeugung“, möglichst viel selbst machen zu wollen, so Senger. Der „digitale Mehrwert“ müsse im Konzern bleiben. Wo sinnvoll, könnten weitere Partner dazu kommen. „Aber von jetzt an werden wir unsere eigenen Software-Standards definieren. Wir werden entscheiden, wie wir etwas umsetzen und was wir umsetzen.“ Nicht alle Autobauer dürften bald Eigenentwicklungen haben, schätzt Senger: „Es wird in Zukunft wahrscheinlich weltweit weniger Betriebssysteme fürs Auto geben, als es Autohersteller gibt.“ Der Wettbewerb um die nötigen Experten sei in der Branche groß.
Software-Entwicklung gehört zu den strategischen Schwerpunkten von VW-Konzernchef Herbert Diess. Zuletzt war allerdings auch deutlich geworden, dass neue Systeme einen bisher ungekannten Komplexitätsgrad haben. Beim E-Auto ID3 gibt es einen zunächst abgespeckten Umfang an Funktionen, beim Golf 8 kam es zu Verzögerungen in der Produktion. „Ein Auto ist zehn Mal komplexer als ein Smartphone“, meinte Senger.
Entstehen soll ein „digitales Ökosystem“, in dem Daten zwischen den Smartphones oder Tablets der Kunden, den Anwendungen im Auto, dem Hersteller, Händlern und Dienstleistern ausgetauscht werden. VW integriert dabei auch Cloud-Anbieter und kooperiert mit Microsoft. Andere Autokonzerne stecken ebenfalls viel Geld in die Vernetzung – nicht zuletzt mit Blick auf das autonome Fahren. Beim Aufbau seiner „Industrial Cloud“, die Maschinen und Anlagen in Werken weltweit vernetzen soll, arbeitet Volkswagen mit Amazon und Siemens zusammen.
Stand: 08.12.2025
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