Fahren in Russland: Mit Gott und Radarwarner

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Russlands Autofahrer erinnern immer wieder an ihre todessehnsüchtigen Kollegen in muslimischen Ländern – die wissen mit beneidenswerter Sicherheit, dass ihr Leben nun mal in Allahs Händen liegt und nicht in den eigenen. Überholen wird denn auch in Russland immer wieder gerne zu einer Herausforderung des Schicksals. Warum man nicht auf einer geraden, langen Strecke ohne Gegenverkehr an einem gemächlich voraus polternden und dunkle, stinkende Wolken ausstoßenden Lkw vorbei zieht, sondern ausgerechnet dann, wenn eine kaum einsehbare Kurve naht – des russischen Autofahrers Gedankengänge sind unerforschlich.

Zwar gibt es auch auf russischen Straßen Regeln. Erst im September 2013 wurden die Strafen für 46 Verkehrsverstöße drastisch angehoben. Seither sind das Überfahren einer roten Ampel, Trunkenheit am Steuer, Geschwindigkeitsüberschreitungen oder das Befahren des Seitenstreifens deutlich kostspieliger geworden. Die Höchststrafe wuchs um das Zehnfache auf umgerechnet knapp 1.500 Euro. Doch das neue Ordnungswidrigkeitengesetz (KoAP) scheint in den Köpfen der meisten russischen Autofahrer noch nicht angekommen zu sein – oder es ist ihnen schlicht egal.

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Eine Ursache steht gefühlt alle hundert Kilometer am Straßenrand: Wie soll der russische Autofahrer Respekt vor den Verkehrsregeln haben, wenn die Verkehrspolizei selbst wenig respektabel ist. Unzählig die Geschichten und Erzählungen, die fast jeder Russe auf Lager hat und die von korrupten Polizisten handeln. Von solchen, die selbst davor nicht zurück schrecken, Tempofallen zu inszenieren und dann genüsslich grinsend das „Bußgeld“ in die eigene Tasche zu stecken. Wer nicht gerade mit einem teuren Westauto Macht und Einfluss suggeriert und gar ein Moskauer Kennzeichen hat, der kommt bei Ausflügen über Land kaum an dieser Form der Straßenmaut vorbei.

Hohe Zahl an Unfalltoten

Das robuste Verhältnis der russischen Autofahrer zu den Regeln zeigt auch die Statistik: Mit 24 Unfalltoten je 100.000 Einwohner weist sie Russland den traurigen Platz 1 in Europa zu. Fast 43 Millionen Verkehrsdelikte werden pro Jahr in Russland gezählt. Inklusive rund 200.000 Verkehrsunfällen, bei denen etwa 28.000 Menschen starben und 250.000 verletzt wurden. „Wir sind kein besonders gesetzestreues Volk“ wird denn auch Viktor Trawin, ein russischer Experte auf dem Gebiet der Gesetzgebung zur Verkehrssicherheit, gern zitiert.

Und weil das so ist, rüsten Russlands Autofahrer technisch auf. Alle paar Kilometer piepst der Radarwarner und zeigt an, wie weit es noch zur nächsten Tempofalle ist. Oben mittig an der Windschutzscheibe klebt die Dashcam, die permanent das Verkehrsgeschehen voraus auf Video bannt und zur gerichtsfesten Beweissicherung dient. Vom Armaturenbrett hoch ragt das Smartphone, das zur Navigation und Stauprognose dient in einem riesigen Land, in dem Wegweiser selbst in Metropolen Mangelware sind. Und dazu hängen vom Mittelspiegel noch ein Duftbaum, diverse bunte Bänder und Metallplaketten herunter. Autofahren in Russland braucht Glück, Nerven, schnelle Reflexe und viele technische Helferlein.

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