Fahren in Russland: Mit Gott und Radarwarner

Autor / Redakteur: Jürgen Wolff / Christoph Seyerlein

Autofahren in Russland ist eine Herausforderung: Im Dauerstau der Hauptstadt geht meist gar nichts voran, außerhalb der Ballungszentren spielen sich häufig abenteuerliche Szenen ab.

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Außen mögen es viele Russen noch traditionell, in ihren Autos rüsten die Fahrer mit Dashcams und Radarwarnern auf.
Außen mögen es viele Russen noch traditionell, in ihren Autos rüsten die Fahrer mit Dashcams und Radarwarnern auf.
(Foto: press-inform)

Moskau, kurz vor 20 Uhr an einem ganz normalen Werktag. Vor dem Jaroslawler Bahnhof in der russischen Hauptstadt geht nichts mehr. Stoßstange an Stoßstange parken die Autos mehr, als dass sie sich bewegen. Fahrspuren sind auf der breiten Straße kaum noch zu erkennen – alles steht kreuz und quer. Die hundert Meter bis zur nächsten Ampelkreuzung dauern mehr als eine halbe Stunde. Moskau ist verstopft.

Immerhin: Der Stau auf den Magistralen der russischen Hauptstadt macht sie alle wieder gleich. Zu Hauptverkehrszeiten schieben sich Lada und Bentley in gleichem Schleichgang Meter um Meter vorwärts. Nur die Taxis haben zwischen all dem Gewusel und Verknote die Magie gefunden, schneller voran zu kommen als alle anderen. Erst ein wenig abseits der großen Straßen Moskaus wird es auffallend ruhig. Selbst zur Rushhour kommt man dort noch relativ flott voran. Es gibt mittlerweile Apps, die ihre Besitzer gezielt nur noch durch das Einbahn-Gewirr der Nebenstraßen lotsen.

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Kein Wunder, dass die Moskauer Auto-, Bus- und Lkw-Fahrer jeden Tag im Stau Millionenwerte durch die Auspuffendrohre jagen. Laut dem Stau-Index von Tomtom hat Moskau die höchste Verkehrsbelastung von 161 Städten weltweit, gefolgt von Istanbul und Warschau. Die Moskauer Autobahnringe bilden zudem einen Kessel, der die Luftströme daran hindert, Ruß und Abgase aus der Stadt zu blasen.

Die Elite hat Vorfahrt

Außerhalb Moskaus herrscht Darwinismus auf den Straßen: Die Elite hat immer Vorfahrt. Und Elite drückt sich hier in der Fahrzeugklasse aus. Je protziger das Auto, desto weniger Regeln, an die sich sein Fahrer anscheinend halten muss. Der verdreckte Lada duckt sich weg, wenn die schwarz glänzende S-Klasse, der funkelnde Q7 oder der Porsche Cayenne erkennbar kampfeslustig von hinten oder von der Seite heranstürmt – gerne auch im Konvoi. Gepanzerte Nobelschlitten mit eingebautem Blaulicht auf dem Dach und in den Seitenspiegeln markieren die Spitze dieser Nahrungskette.

Beispiel Tempolimit: Eigentlich dürfte es auf vierspurigen Straßen in Russland nicht schneller zugehen als mit 90 Stundenkilometern. Bei vielen Autofahrern steht die Tachonadel dagegen wann immer möglich bei 140 Plus. Einmal in Fahrt, gibt es offensichtlich nur zwei Tempobremsen: am Straßenrand aufgebaute Radarfallen der Polizei, die Radarwarner allerdings so gut wie immer rechtzeitig anzeigen – und Bahnübergänge. Die ähneln für gewöhnlich einer Baustelle. Nicht einmal ein russischer Autofahrer würde mit Schmackes über die Schlaglöcher und unkalkulierbar hoch herausragenden Schienen brettern. Zebrastreifen dagegen haben in der Regel nicht einmal empfehlenden Charakter. „Es gibt nur schnelle oder tote Fußgänger“, verpackt es der Volksmund in Zynismus.

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