Früh Verantwortung übertragen

Redakteur: Edgar Schmidt

Autoschmitt aus Idstein belegte beim Bundesbildungspreis 2007 den 1. Platz in der Kategorie II. Das Besondere an diesem Ausbildungsbetrieb ist: Autoschmitt nimmt seine Azubis von Anfang an wirklich ernst.

Immer einen Punkt besser, so wirbt Autoschmitt auf seiner Internetseite. Dieser Slogan gilt auch für die Ausbildung des Berufsnachwuchses, die von einer besonderen Konsequenz gekennzeichnet ist. Vom ersten Tag ihrer Lehre an werden die Auszubildenden als vollwertige Teammitglieder in den Betrieb integriert. Das zeigt sich beispielsweise während der Vorbereitung von Produktpräsentationen, in die die Azubis eingebunden sind. Gleiches gilt für Mitarbeiter-Workshops zu unterschiedlichen Themen, an denen ebenfalls die Lehrlinge teilnehmen. „Wir versuchen danach die vielen guten Ideen der Azubis umzusetzen“, erklärt Geschäftsführerin Yasmin Karpinski, „denn diese neuen Mitarbeiter denken noch viel frischer, unbefangener und öffnen uns manchmal die Augen.“

Autopräsentation als Ausbildungsprojekt

Die erfolgreiche Idee etwa, den Audi Q7 in einem als Westernstadt umgebauten Autohaus zu präsentieren, hatten die Lehrlinge. Diese konnten dann auch gleich ihr handwerkliches Geschick beim Bau der Dekorationen unter Beweis stellen. Zudem bereiteten sie die Veranstaltung als Ausbildungsprojekt unter Leitung der Verkaufsassistentin eigenständig vor und führten sie durch.

Auch bei anderen Azubi-Projekten, zum Beispiel der Restaurierung von Fahrzeugen, spielt konsequentes Handeln eine große Rolle. Jeder am Projekt beteiligte Azubi ist für eine Arbeit verantwortlich. Erst wenn der Ausbilder die Ausführung abgenommen hat, darf der Lehrling eine weitere Aufgabe beginnen. Dadurch soll der Berufsnachwuchs schon früh lernen, Verantwortung für die eigene Arbeit zu übernehmen.

Projekte fördern die Motivation

Die Lehrlinge haben während so eines Projektes eigenständig ein marodes Winterdienstfahrzeug unter der Leitung des Serviceleiters und des Chefmechanikers in ein modernes Schneemobil verwandelt. „Das Engagement und die Begeisterung der Azubis waren riesengroß“, freut sich Serviceleiter Franz Dums, „von diesem Projekt haben wirklich alle im Autohaus profitiert.“ Die Azubis, weil sie die Technik des Fahrzeugs intensiv kennen lernen konnten: Sie mussten alle elektrischen Teile, die komplette Innenausstattung sowie die Armaturen erneuern, das Fahrzeug komplett zerlegen und lackieren. Die Ausbilder, weil sie den Berufsnachwuchs mit einem spannenden Projekt motivieren durften und nicht zuletzt die Geschäftsführerin Yasmin Karpinski, weil sie durch solche Projekte gut ausgebildete Mitarbeiter bekommt. Außerdem kann sie sich nun im Winter kaum vor Freiwilligen retten, die mit dem Fahrzeug den Schnee zur Seite schieben möchten.

Zurzeit arbeiten die Azubis an einem Audi 80. Bei diesem Fahrzeug müssen sie die Technik genau überprüfen, die Karosserie entrosten, defekte Blechteile ersetzen und anschließend alles lackieren. Auf alte Fahrzeuge greift Dums bei solchen Projekten gern zurück, weil die Lehrlinge an diesen Modellen Bauteile zerlegen und deren Funktionsweise kennen lernen können, was an modernen Autos häufig schon nicht mehr möglich ist. Außerdem kosten diese Fahrzeuge nur wenig Geld, was die Projektkosten in Grenzen hält. Für den Audi 80 beispielsweise hat Dums lediglich 200 Euro bezahlt.

Andere Kfz-Betriebe kennen lernen

Ebenfalls konsequent geht das Ausbilderteam um Geschäftsführerin Yasmin Karpinski mit dem Thema Berichtsheft um, dessen lückenlose Führung ja bekanntlich zu den Pflichten eines Azubis gehört. Die Ausbilder achten sehr genau darauf, dass die Lehrlinge hier nicht in Rückstand geraten. Eindringliche Ermahnungen sind nicht als Schikane gedacht, sondern sollen dem Nachwuchs zeigen, dass auch ungeliebte Arbeiten durchaus notwendig sind. Nicht zuletzt schützt dieser Umgang mit dem Thema „Pflichten“ den Berufsnachwuchs und schließlich auch die Ausbilder vor viel Nacharbeit kurz vor den Prüfungsterminen.

Karpinski ist es auch wichtig, dass die Azubis während ihrer Lehre einmal über den „Tellerrand“ des Ausbildungsbetriebes blicken können. Dafür macht sie sich den Umstand zu Nutze, dass der Betrieb in Idstein zu einem Unternehmensverbund von insgesamt fünf Autohäusern gehört. Die Lehrlinge haben während ihrer Ausbildung Gelegenheit in den anderen Betrieben der Gruppe zu arbeiten, um ihren Horizont zu erweitern.

Besuch von Angela Merkel

Auch werden die Azubis immer wieder dazu angeregt, an Diskussionen mit Politikern teilzunehmen, die die Innung, den Landesverband oder den Ausbildungsbetrieb besuchen. So waren zum Beispiel Lehrlinge von Autoschmitt dabei, als Bundeskanzlerin Angela Merkel die Landesfachschule des Kfz-Gewerbes Frankfurt und Main Taunus besuchte. „Die jungen Leute sind jedes Mal begeistert davon, wenn sie hochkarätigen Vertretern aus Politik und Wirtschaft ihre Sichtweise über die Ausbildung erläutern können“, freut sich Karpinski.

Frühe Weiterbildung

Gute technische Lehrlinge können bei Autoschmitt am Volkswagen-Projekt „Technik für Auszubildende“ teilnehmen. Allerdings sollen sie dabei nicht nur die Technik der Autos besser kennen lernen, sondern auch erfahren, dass die Weiterbildung ein Autohaus durchaus auch Geld kostet – also nicht nur dem Mitarbeiter sondern auch dem Betrieb einen Nutzen bringen muss. Karpinski hat deshalb mit den Lehrlingen vereinbart, dass sie sich zuerst einmal an den Weiterbildungskosten beteiligen müssen. Die insgesamt 900 Euro ersetzt ihnen Autoschmitt jedoch wieder, wenn sie gute Abschlussnoten bekommen. Lediglich bei schlechten Lehrgangsnoten muss der Lehrling also wirklich einen Teil der Weiterbildungskosten selber tragen. Diese Regelung betrachten auch die Azubis als sinnvolle Maßnahme, um ihre Lernmotivation zu fördern.

Damit Azubis nicht „blauäugig“ durch ihre Ausbildung gehen und erst bei den Prüfungen auf den „Boden der Tatsachen“ fallen, führen die Ausbilder bei Autoschmitt zweimal im Jahr Beurteilungsgespräche mit den Lehrlingen. Im Vorfeld dieser Gespräche muss der Berufsnachwuchs immer eine Selbsteinschätzung abgeben, die laut Karpinski meist erstaunlich gut mit der Beurteilung der Ausbilder übereinstimmt. Daher gibt es selten Diskussionen über Fehleinschätzungen. Wenn die Azubis ihre Lücken selber erkennen, ist es wesentlich leichter, mit ihnen Maßnahmen zum Ausbau der Stärken und zum Abbau der Schwächen festzulegen. Die Beurteilungsgespräche beziehen auch die Berufsschulnoten mit ein. Sind diese mangelhaft, treffen die Ausbilder klare Zielvereinbarungen mit den Lehrlingen, damit diese sich verbessern. Zeigt der Berufsnachwuchs während der Arbeit oder in der Schule überdurchschnittlich gute Leistungen, darf er sich auch über Geld- und Sachprämien freuen.

Werben für die Berufe

Ebenfalls zur Belohnung für gute Leistungen und zur Motivationsförderung unternimmt die gesamte Belegschaft von Autoschmitt einmal im Jahr einen Betriebsausflug, der das Team zusammenschweißen soll. Hierbei dürfen die Mitarbeiter zum Beispiel gemeinsam eine Weinlese bestreiten oder können sich in einem Teamparcours bewähren. Auch ein gemeinsames Fußballspiel stand schon auf dem Programm.

Wenn es darum geht, gute Schulabgänger für den Betrieb zu interessieren, überlässt Karpinski ebenfalls nichts dem Zufall. Zwar profitiert der Betrieb inzwischen von seinem guten Namen, den er sich als Ausbildungsbetrieb in der Region gemacht hat. Trotzdem nutzt Karpinski intensiv die regionalen Gewerbeausstellungen, um für sich als Ausbildungsbetrieb zu werben. Auch gute Kontakte zu Lehrern von allgemeinbildenden Schulen führen immer wieder qualifizierte Bewerber in den Betrieb. Bei der Auswahl der Bewerber setzt die Unternehmerin zusätzlich zu den Schülerpraktika auf den Leitfaden zur Auswahl von Auszubildenden, „Look around“, den Volkswagen entwickelt hat .

Das Betriebsklima bei Autoschmitt stimmt: laut Karpinski haben sich bisher alle guten Praktikanten von sich aus um einen Ausbildungsplatz bei Autoschmitt beworben. Bindungsinstrumente, wie ein regelmäßiger Kontakt zu Praktikanten in der Zeit zwischen Praktikum und Bewerbungsphase, waren bei den Idsteinern bisher nicht notwendig. Auch hier zeigt sich, dass der Betrieb wirklich immer einen Punkt besser zu sein scheint als die anderen.

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