Gefragt sind Systemmechaniker

Autor / Redakteur: Norbert Rubbel / Norbert Rubbel

Der fabrikatsübergreifende Service ist für die freien Unternehmen kein Problem. Er ist immer schon die Domäne der nicht markengebundenen Kfz-Meisterbetriebe gewesen, meint Reinhard Ott.

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Redaktion: Herr Ott, die Elektronik in den Fahrzeugen nimmt zu, die Anforderungen an die Wartungs- und Reparaturarbeiten steigen. Wird die Freie Werkstatt auch in Zukunft noch alle Fahrzeugmarken reparieren können

Reinhard Ott: Der Mehrmarkenservice ist das klassische Geschäftsfeld des unabhängigen Kfz-Meisterbetriebs, das wir in der Vergangenheit bedient haben und in Zukunft bedienen werden können. Es wird für jeden Betrieb – auch für die autorisierten Kollegen — sicher immer wieder einmal Arbeiten geben, die er in der eigenen Werkstatt nicht durchführen kann. Im Kfz-Handwerk wird jedoch bis hin zum Meister markenübergreifend ausgebildet. Insoweit ist der fabrikatsübergreifende Service das geringere Problem und immer schon die Domäne der nicht markengebundenen Kfz-Meisterbetriebe gewesen. Die Freie Werkstatt wird schon deshalb mehrere Fabrikate reparieren müssen, weil der Kunde die Fahrzeugmarke wechselt, aber seinem Kfz-Meister treu bleiben will.

Der Mehrmarkenservice verlangt von den Betrieben technisches Know-how und hohe Investitionen in das notwendige Werkstattequipment.

Ja, natürlich! Das gilt aber auch für alle markengebundenen Betriebe. Die Unternehmer unserer Branche müssen erheblich in technisches Know-how investieren. Das gilt für die Werkstattausrüstung und für die Ausbildung unserer Mitarbeiter. Die Gleichteilestrategie der Hersteller kommt uns aber entgegen und lässt die technischen Unterschiede im Service verschwinden. Damit benötigen wir immer mehr Systemmechaniker statt Markenmechaniker. Denn auch innerhalb einer Markenfamilie sind alle am Markt relevanten Systeme verbaut. Ein Problem bereiten den unabhängigen Kfz-Meisterbetrieben jedoch die Fahrzeugbindungspakete der Automobilhersteller beziehungsweise Verkaufsangebote, die eine Service-Flatrate für mehrere Jahre oder kostenlose Garantiearbeiten bis zu sieben Jahren mit einschließen.

Sind diese Fahrzeugbindungsaktionen der Hersteller GVO-konform

Nach meiner Einschätzung können diese Aktionen nicht GVO-konform sein, weil der Hintergrund der GVO 1400/2002 gerade der erwünschte Wettbewerb durch unabhängige Kfz-Meisterbetriebe ist: Der Kunde soll selbst den Ort der Wartung und Reparatur bestimmen können. In der Präambel der GVO wird dies ausdrücklich erwähnt. Die Komplettangebote der Automobilhersteller unterbinden den freien Wettbewerb. Die Bundesfachgruppe wird diese Aktionen genau beobachten und in ihrer nächsten Sitzung intensiv diskutieren.

Wenn sich die Bindungsaktionen durchsetzen, sollten sich dann auch Freie Werkstätten für einen autorisierten Servicevertrag entscheiden

Wenn sich die totale Autobindung der Hersteller etabliert, kann sich ein unabhängiger Kfz-Meisterbetrieb autorisieren lassen. Aber hier sollten wir erst die nächste Runde der GVO abwarten. Im Mai 2010 läuft die jetzige Freistellung aus dem Kartellverbot (GVO) aus. Außerdem beobachtet die EU-Kommission gerade dieses wettbewerbswidrige Verhalten der Automobilhersteller sehr genau. Ein unabhängiger Kfz-Meisterbetrieb will keine Autorisierung für mehrere Marken. Das macht auch keinen Sinn. Denn die Aufträge für die Serviceleistung kommen vom Autofahrer und nicht vom Autohersteller. Übrigens braucht der Hersteller ja die unabhängigen Kfz-Meisterbetriebe als zweite Servicelinie. Denn viele Kunden wechseln im vierten Jahr zu einer Freien Werkstatt. Die Autohersteller müssten somit großen Wert darauf legen, dass ihr Fabrikat dort ordentlich gewartet und repariert wird.

Was erwarten Sie nach dem Mai 2010

Eine Verlängerung der jetzigen GVO oder eine ähnliche Verordnung.

Die auch den uneingeschränkten Zugang zu den technischen Daten der Automobilhersteller enthält

Selbstverständlich. Die Hersteller müssen den unabhängigen Kfz-Meisterbetrieben alle Serviceinformationen liefern und ihnen die spezifischen Diagnosegeräte mit ihren aktuellen Soft- und Hardwareinformationen zu angemessenen Preisen zur Verfügung stellen.

Können Sie uns etwas über die Entwicklung von Euro-KISS und OASIS sagen

Bei Euro-KISS ist der Stand so, dass immer mehr Informationen dort eingestellt werden und permanent an einer Verbesserung gearbeitet wird. Vor allem das Werkstattforum hat einen großen Anklang. Hier werden praktische Fragen von Praktikern beantwortet. Dies ist eine gute Informationsquelle für die unabhängigen Kfz-Meisterbetriebe, die diese Informationen kostenlos erhalten. Das Thema OASIS wird zurzeit im Zusammenhang mit der Euro-5-Verordnung intensiv erörtert. Weitere Informationen dazu können wir sicherlich im dritten Quartal dieses Jahres geben.

Welche Ziele verfolgt die Bundesfachgruppe auf europäischer Ebene

Der ZDK ist in die Arbeit beim Cecra (Europäischer Verband des Kfz-Gewerbes) durch meine Person eingebunden. Die Ziele, die dort diskutiert werden, sind fast identisch mit unseren auf nationaler Ebene. Wichtig ist, dass auch auf EU-Ebene die Interessen der unabhängigen Kfz-Meisterbetriebe immer wieder in der Lobbyarbeit publik gemacht werden.

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