Wem Rolls-Royce zu konservativ, Mercedes zu beliebig und Bugatti zu exaltiert war, konnte ab 1921 einen Maybach kaufen. Mit diesen Luxuskarossen, die als Tempel technologischen Fortschritts gefeiert wurden, traf der legendäre Konstrukteur Karl Maybach den Zeitgeist ins Herz.
Gerade einmal rund 2.400 Fahrzeuge baute die Maybach-Motorenbau bis zum Zweiten Weltkrieg, rund 60.000 Einheiten die Maybach-Manufaktur von 2002 bis 2012.
(Bild: Daimler)
Nie zuvor waren die Schönen und Reichen so hungrig auf Vergnügen und Fortschritt wie in den wilden, goldenen Zwanzigerjahren. Damals, direkt nach dem Ersten Weltkrieg, kam alles in neuer, glamouröser Größe in Fahrt: Luxuszüge à la Orientexpress, gigantische Ozeanliner, von Maybach-Motoren angetriebene Zeppeline am Himmel und die elitären Maybach-Automobile als avantgardistische Alternative zu konservativen Rolls-Royce, erschwinglicheren Mercedes oder exaltierten Bugatti. Es war die Berliner Automesse 1921, auf der Konstrukteur Karl Maybach mit seinem ersten Modell W 3 der automobilen Königsklasse – in der damals 30 Marken um die Führung kämpften – die ultimative Krone aufsetzen wollte.
Als erstes deutsches Serienauto verfügte der W 3 über Vierradbremsen mit Bremsausgleich. Vor allem aber wurde er beworben als „Maybach-Wagen für die Berge – ohne Schaltung“. Möglich machte das die Drehmomentstärke des 5,7-Liter-Sechszylinders in Kombination mit einem ebenso starken Anlasser, der auch als Anfahrhilfe fungierte. Ein angeblocktes Planetengetriebe mit Wechselkupplung diente lediglich als „Berggang“ beziehungsweise zum Rückwärtsfahren. Wie bei den Transatlantik-Luftschiffen mit Maybach-Triebwerken war es bei den exorbitant teuren Automobilen mit dem Logo des doppelten M (für Maybach-Motorenbau) ein Mix aus technologischem Fortschritt und luxuriöser Raffinesse, der Fachleute und kaufkräftiges Publikum begeisterte. Eine Geschichte, die zu Ikonen wie dem Maybach V12 Zeppelin führte und heute von Zwölfzylindern wie der Mercedes-Maybach S-Klasse fortgeschrieben werden soll.
Maybach und Daimler: Zwei geniale Konstrukteure
Hinter dem Namen Maybach stehen zwei Generationen von Ingenieuren: Wilhelm Maybach, der gemeinsam mit Gottlieb Daimler das erste Motorrad (1885), das vierrädrige Patent-Automobil (1886) und das später „Mercedes“ genannte erste moderne Automobil (1900) in Fahrt brachte, und der dafür von den Franzosen den Ehrentitel „König der Konstrukteure“ verliehen bekam. Und sein Sohn Karl, der zunächst die Firma für Luftfahrzeug-Motorenbau leitete, die Wilhelm Maybach 1909 mit dem Grafen von Zeppelin gründete. Nach dem ersten Weltkrieg nahm dieses Unternehmen als Maybach-Motorenbau den Automobilbau auf. Rasch erwarben sich die als „Großklasse-Wagen“, „Bergbezwinger“ oder „Symbole höchster Verkehrsmittelkultur“ beworbenen Maybach-Typen wie W 3 (ab 1921), Zeppelin 12 (ab 1929) oder DS 7/DS 8 Zeppelin (ab 1930) den Ruf von opulentem Luxus, innovativer Technik, legendärer Zuverlässigkeit und außergewöhnlicher Exklusivität. Für letztere bürgten spektakulär hohe Preise, versinnbildlicht im Slogan „Distanz zur Masse“.
Schon den allerersten W 3 kündigte Karl Maybach als teuerste automobile Neuheit des Jahres 1921 an. Und die ausgerechnet zur Zeit der Weltwirtschaftskrise von 1929/30 lancierten, bis 5,50 Meter langen Maybach 12 und Zeppelin V12 (DS 7/DS 8) übertrafen mit Preisen von bis zu 48.000 Reichsmark sogar den monumentalen Horch 12 und den staatstragenden Mercedes-Benz 770 „Großer Mercedes“. Die Magie dieses Maybach mit weltweit erstem Serien-V12 für Pkw gönnten sich dennoch erstaunlich viele vermögende Connaisseurs wie Prinz Bernhard der Niederlande, der amerikanische Kaufhauskönig John Wanamaker, Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel oder der Maharadscha von Patiala. Karl Maybach wusste, was die Faszination von Automobilen der Spitzenklasse ausmacht, und verzichtete deshalb bewusst auf unnötigen Zierrat und Komplikationen, die etwa die Nachfrage nach dem noch kostspieligeren und repräsentativeren Bugatti Royale limitierten.
Ein Auto zum Preis mehrerer Villen
Trotzdem kannten manche Maybach-Kunden keine Hemmungen, speziell wenn sie sich vom Zeitgeist der Golden Twenties berauschen ließen und ihren Reichtum zur Schau stellen wollten. So wurde 1928 eine Maybach-Limousine mit opulenten Gold- und Rubinornamenten bestellt, für die 186.000 Reichsmark berechnet wurden. Dies entsprach dem Kaufpreis von 125 Einheiten des ersten BMW-Kleinwagens auf Basis des Dixie oder den Baukosten gleich mehrerer Berliner Villen. Neben den Zwölfzylinder-Zeppelinen für die Straße, die wie alle Maybach von führenden europäischen Karossiers nach individuellem Gusto eingekleidet werden konnten, standen übrigens weiterhin bewährte Sechszylinder im Angebot. So der 1931 eingeführte W 6 oder auch der DSH (Doppel-6-Halbe), dessen Sechszylinder auf gewaltige 5,2 Liter Hubraum kam und sich dadurch dem V12 annäherte. Welchen hohen Ansprüchen Sechszylinder damals noch genügten, zeigte sogar Rivale Rolls-Royce, der auch im Phantom II auf ein derartiges Aggregat vertraute.
Zukunftsweisendes Reisen mit Stil, Status und Gran-Turismo-Temperament für die frühen Autobahnen und Autostrada ermöglichten die sensationellen Maybach-Schwingachswagen der Typen SW 35 bis SW 42, die 1935 eine neue Ära einleiteten. Mit neuer Einzelradaufhängung, speziellem Ölkühler und 3,5 bis 4,2 Liter großen sowie 103 kW/140 PS starken Sechszylindern taugten sie für Dauertempo 140 km/h. Nur Kompressortypen und Sportwagen waren schneller – es sei denn, sie trafen auf den Maybach SW 38 mit Stromlinienform, der es 1939 auf rund 200 km/h brachte. Dem Maybach-Credo „Das Beste ist nicht genug“ folgend gab es die SW-Serie mit gigantischem Radstand von bis zu 3,68 Metern. Als die Maybach-Produktion in Friedrichshafen am Bodensee – dort, wo auch die Zeppeline gebaut wurden – im Zweiten Weltkrieg endete, waren rund 1.800 Luxuswagen ausgeliefert worden. Was folgte, waren Dekaden als Großdieselhersteller für Schiff und Bahn und 1966 schließlich die Verschmelzung mit der Daimler-Benz AG, bis sich das Doppel-M ab 2002 wieder an Pkw fand.
Stand: 08.12.2025
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Die Neuauflage der Marke unter Daimler-Ägide
Es war nicht leicht, die Leuchtkraft von Maybach als Prestigemarke innerhalb von Mercedes-Benz Cars zu revitalisieren. Mit bis zu 463 kW/630 PS starken 6,0-Liter-V12-Maschinen und bis zu 6,17 Meter langen Repräsentationskarosserien deklassierten die Maybach 57 und 62 allerdings den unter BMW entwickelten neuen Rolls-Royce Phantom, zumal das Maybach-Individualisierungsprogramm keine Wünsche offen ließ – von der Einarbeitung der Familienwappen adeliger Kunden bis zur Verwendung von Hölzern aus eigenem Anbau. Ihr Debüt zelebrierten die prunk- und prachtvollen Riesen auf dem legendären Nordatlantikliner Queen Elizabeth II, und die Verhüllungskünstler Christo und Jeanne-Claude zeigten sich im Fond des Maybach der New Yorker High Society. Tatsächlich wurde bald jeder zweite Maybach nach Nordamerika exportiert, aber insgesamt fanden sich offenbar doch nicht genügend finanzkräftige Käufer.
So gab es 2014 einen weiteren Relaunch des Maybach-Programms. Seitdem sind noble Ausstattungsvarianten von Mercedes S-Klasse, G-Klasse und GLS unter der Marke Mercedes-Maybach dafür zuständig, das Fahrgefühl des „Über-den-Dingen-Schwebens“, wie es ein königlicher Maybach-Kunde in den Dreißigerjahren formulierte, in die Gegenwart zu holen. So auch bei der 2021 eingeführten jüngsten Generation der S-Klasse, die als Mercedes-Maybach S680 weiterhin mit doppelt aufgeladenem V12 und erstmals mit Allradantrieb angeboten wird. E-Mobilität? Auch mit dieser will Maybach künftig elektrisieren, wie 2016 erstmals das Concept-Coupé Maybach 6 demonstrierte.
Wer sich hingegen für die „echten“, alten Maybachs interessiert, dem sei das Maybach-Museum im oberpfälzischen Neumarkt empfohlen (www.automuseum-maybach.de).