Grenzenlose Freude im europäischen Binnenmarkt
Autos im europäischen Binnenmarkt einzukaufen, ist seit Jahren alltägliches Geschäft für viele Händler – auch für viele Kunden. Die Händler im Grenzgebiet leden jedoch unter dem offenen europäischen Binnenmarkt.
Autos in ganz Europa einzukaufen, ist seit Jahren alltägliches Geschäft für viele Händler – auch für viele Kunden. Und hier beginnt das Problem für so manchen grenznahen Händler. Er macht seinen Kunden gute Angebote, aber das Fahrzeug kaufen sie nicht bei ihm, sondern bei seinem Kollegen auf der anderen Seite der Grenze.
Große Preisunterschiede in Europa
Die FAZ meldete vor wenigen Wochen unter der Überschrift „Autoparadies Luxemburg“, dass dort teure Neuwagen wie der VW Touareg oder Audi S3 netto bis zu 7 000 Euro billiger seien als in Deutschland. Seit Jahren sprechen die Hersteller von einer Preisharmonisierung ihrer Fahrzeuge. Der eine oder andere Fahrzeugbauer hat das auch durchgeführt – diese Autos werden europaweit mit nahezu gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Preisen angeboten. Bei vielen anderen Anbietern sieht dies aber völlig anders aus.
Die EU-Kommission hat im vergangenen Sommer die Autopreise in Europa erneut untersuchen lassen. Von dem Ziel, die Fahrzeugpreise innerhalb der EU anzugleichen, ist Brüssel weiterhin deutlich entfernt.
Obwohl die Preisunterschiede insgesamt leicht rückläufig waren, sprach der Preisreport von generell gleichbleibenden Differenzen. EU-weit am günstigsten waren die Fahrzeuge wie schon in den Vorjahren in Dänemark. Deutschland dagegen war das teuerste Land in der Euro-Währungszone. Die Preisunterschiede waren über alle Segmente und Hersteller hinweg erheblich und erreichten in der Spitze weit über 30 Prozent. (Die komplette Auswertung der EU-Kommission ist über die E-Info 2616 unter www.kfz-betrieb.de abrufbar).
Autohäuser befinden sich in der Krise
Geändert hat sich an der Situation seither wenig. Die Fahrzeuge hierzulande, insbesondere die Volumenmodelle, sind im Schnitt immer noch erheblich teurer als im europäischen Ausland. Der deutsche Autokäufer subventioniert weiterhin den europäischen Automarkt. Das ist für den deutschen Verbraucher ärgerlich, für den Handel gefährlich und angesichts einer schwachen deutschen Automobilkonjunktur kaum nachvollziehbar.
Für den Händler im grenznahen Bereich ist diese Situation aber schlicht existenzgefährdend. Wenn schon die Grundpreise manches Volumenmodells in Luxemburg netto um mehrere Tausend Euro niedriger liegen als in Deutschland und diese Differenz durch Ausstattungspakete noch steigt, warum sollte der Kunde dann beim deutschen Händler kaufen
Diese Preisunterschiede kann der Händler kaum mehr auffangen. Mancher versucht es trotzdem, einfach, um seine langjährigen Kunden nicht zu verlieren, und büßt das mit miserablen Bruttoerträgen. Angesichts der derzeitigen Renditeschwäche des deutschen Automobilhandels kann sich aber kein Händler solche schlechten Geschäfte erlauben. Er befindet sich in einer Zwickmühle: Aus rein kaufmännischer Sicht müsste der Händler auf diese Verkäufe verzichten, während er aus langfristiger Unternehmenssicht diese Kunden nicht gehen lassen darf.
Der ZDK fordert daher seit Jahren die Harmonisierung der Neuwagenpreise in Europa. ZDK-Präsident Robert Rademacher verweist darauf, dass sich Neuwagen-Preisdifferenzen innerhalb der EU allenfalls in einem einstelligen Preiskorridor bewegen dürften. Einige wichtige Hersteller würden inzwischen zeigen, dass das ginge. Aber einige andere müssten noch missioniert werden. Schließlich habe der Hersteller gegenüber seinen Händlern auch eine Fürsorgepflicht (s. Interview S. 14).
Hersteller haben Fürsorgepflichten
Die Hersteller selbst geben sich bei diesem Thema betont schweigsam. Auf eine Anfrage der Redaktion äußerten sich nur wenige Automobilbauer. Die meisten von ihnen verweisen auf teilweise bereits durchgeführte Preisharmonisierungen und bagatellisieren die noch vorhandenen Unterschiede. Diese erklären sie mit den unterschiedlichen Steuersätzen in Europa und den abweichenden Einkommensstrukturen.
So teilt Suzuki Deutschland mit: „Abgesehen von der steuerlichen Problematik und den komplett unterschiedlichen Lebenshaltungskosten müssen sich die Marktteilnehmer in allen Märkten an den in den jeweiligen Fahrzeugsegmenten üblichen Preisen orientieren. Eine Chancengleichheit wird zum Beispiel durch entsprechende Verkaufsförderungsmaßnahmen erreicht.“ Auch BMW äußert sich ähnlich: „Die BMW-Group verfolgt erfolgreich eine Harmonisierung der Fahrzeugpreise in Europa vor Steuern. Die Frage nach einer Ausweisung gleicher Nettopreise bewerten wir vor dem Hintergrund der entsprechenden Wettbewerbssituation in den Märkten laufend neu.“ Volvo Deutschland formuliert dies ähnlich: „Wir streben nach einer Harmonisierung der Preise, es gibt aber auch Faktoren, die dagegen sprechen. Zunächst einmal sind die Steuersysteme und andere politischen Regularien in den europäischen Ländern unterschiedlich und ändern sich zudem jährlich.
Industrie sieht wenig Handlungsbedarf
Zweitens müssen wir lokale Wettbewerbs- und Spezifikationsunterschiede beachten, die zudem von den Steuersätzen beeinflusst werden. Der grenzüberschreitende Handel wird weitergehen. Für die betroffenen Händler ist er Teil des täglichen Geschäfts, sie müssen mit dieser Situation zurechtkommen.“
Harmonisierung bedeutet Preissenkung
Lediglich Jaguar/Land Rover Deutschland bezieht deutlicher Stellung: „Die Problematik kann sicherlich für grenznahe Händler existenzbedrohend sein. Doch bei Jaguar und Land Rover besteht sie nicht, da wir die Nettopreise kurz nach der Einführung des Euros europaweit angepasst haben. Der Preisunterschied der Modelle liegt ausstattungsbereinigt und bei den Nettopreisen bei maximal fünf Prozent. Der Hersteller hat eine Fürsorgepflicht gegenüber den Händlern in grenznahen Gebieten und es besteht kein Grund, warum ein Hersteller die Nettopreise nicht anpassen kann, um europainterne Kundenimporte zu verhindern.“ Eine Angleichung der Preise bedeutet allerdings, dass ein Automobilbauer seine Preise in einigen europäischen Ländern anheben müsste, auch auf die Gefahr hin, dass ihm dadurch dort Marktanteile verloren gehen. Die zweite Möglichkeit ist die Senkung der Preise in Deutschland. Dies ist aber für die meisten Hersteller eine sehr unattraktive Maßnahme, da sie in dem volumenstärksten europäischen Markt natürlich auch am meisten verdienen.
Größtes Hindernis für die Preisangleichung sind aber die nach wie vor höchst unterschiedlichen Steuersätze in Europa. Automobilbauer und Politiker sind daher gleichermaßen gefordert, die Preise und Steuern zu harmonisieren. Nur so lassen sich vergleichbare Verhältnisse für Verbraucher und Händler schaffen. Rademacher empfiehlt in dieser Situation den Händlern: „Solange der eigene Hersteller seine Preise EU-weit noch nicht richtig harmonisiert hat, sollte der Händler aus der Not eine Tugend machen, indem er selbst jenseits der Grenzen günstig einkauft.“
Dieser Empfehlung sind viele große Händler schon vor Jahren gefolgt und machen manch gutes Geschäft mit den zugekauften EU-Neuwagen. Das kann aber nicht jeder Händler. Gerade den kleineren Händlern im grenznahen Bereich fehlt häufig die notwendige Kapitaldecke für diese Quereinkäufe. Sie stehen der Situation weitgehend hilflos gegenüber und warten dringend auf die immer wieder angekündigte Preisharmonisierung – sofern sie diese noch erleben können.
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