Gute Geschäfte mit Liebhaber-Modellen
Der Old- und Youngtimer-Markt boomt. Kfz-Betrieben bieten sich gute Chancen, ist Obermeister Matthias Kemmer überzeugt. Soweit sie das Geschäft richtig angehen.
Das Geschäft mit historischen Fahrzeugen boomt. Neben den rund 600.000 Oldtimern sind auf Deutschlands Straßen 1,9 Millionen Fahrzeuge unterwegs, die älter als 20 Jahre sind. Matthias Kemmer, stellvertretender Obermeister der Kfz-Innung Oberpfalz und geschäftsführender Gesellschafter der „Kemmer & Hein OHG Fahrzeugrestaurierung“ in Speyer, erläutert die Chance und Herausforderungen des Marktsegments für Kfz-Meisterbetriebe.
Redaktion: Was rollt in den nächsten Jahren auf die Kfz-Branche zu?
Matthias Kemmer: Viele Alltagsautos aus den 70er und 80er Jahren mit langen Modellbaureihen und dem Spagat vom alten Gebrauchten bis zum wertvollen Liebhaberstück: VW Golf I, Mercedes 190 „Baby-Benz“ oder VW Bus T3 – der legendäre „Bulli“. Das heißt nicht, dass die jungen Klassiker auch bis zum 30. Autojahr durchhalten. Die Besitzer müssen sie fahren, erhalten und pflegen. Es bleibt also abzuwarten, wie sich der Oldtimermarkt tatsächlich entwickelt. Ein Wachstumsmarkt ist er in jedem Fall.
Ein gutes Geschäft für die Betriebe ...
Richtig. Auch weil die Fahrzeuge eben nicht nur restauriert, sondern zunehmend inspiziert, gewartet und repariert werden. Viele Neueinsteiger unterschätzen allerdings die Marktmechanismen für Oldtimer und Youngtimer. Besitzer von Klassikern kommen nicht mit einem Gebrauchsgegenstand in die Werkstatt, sondern mit ihrem Hobby, über das sie oft besser Bescheid wissen als die Profis. Kundenansprache, Auftragsgestaltung und Kalkulation unterscheiden sich wesentlich vom traditionellen Werkstattalltag mit modernen Autos.
Wie können sich Kunden da orientieren?
Die Akademie Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe vermittelt interessierten Werkstätten und Autohäusern das Spezialwissen seit Jahren in maßgeschneiderten Seminaren. Von den Innungen können sie sich dann zum „Fachbetrieb für historische Fahrzeuge“ zertifizieren lassen. Das entsprechende Zusatzzeichen zum Meisterschild haben bislang über 360 Firmen. Es ist eine gute Orientierung für Kunden auf der Suche nach einer qualifizierten Werkstatt. Wir testen derzeit auch in mehreren Pilotprojekten die Einführung der freiwilligen Zusatzqualifizierung „Old- und Youngtimertechnik“ im Rahmen der Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker.
Patina oder Hochglanz – wohin geht die Reise im Erhalt von historisch wertvollem Automobilen?
Der Automarkt folgt eindeutig dem Trend anderer Gewerke im Bereich der Restaurierung – die Erhaltung der Originalsubstanz. Kompromisslose Neuaufbauten zerstörten in der Vergangenheit leider viel zu häufig die Ursprünglichkeit.
Eine alte Wandmalerei schaut man an, alte Fahrzeuge werden benutzt. Sind die technischen Kulturgüter verkehrssicher?
Das ist kein Thema, weil Klassiker heute selten im Alltagsbetrieb fahren und die Besitzer sich mit Fahrstil und Geschwindigkeit auf ihre Lieblinge einstellen. Außerdem garantiert die Pflicht zur Hauptuntersuchung für Fahrzeuge mit H-Kennzeichen die Verkehrssicherheit wie bei allen anderen Autos.
Verkäufer von gebrauchten Pkw müssen ein Jahr lang für Mängel haften. Gelten für den Handel mit Young- und Oldtimern andere Rechte?
Nein, hier greifen dieselben gesetzlichen Regelungen. Das bezieht sich auch auf Werkstattleistungen. Sicherheit geben außerdem die Standards der zertifizierten Fachbetriebe wie detaillierte Bestandsaufnahme, Restaurierungsplan, der intensive Kundendialog ebenso wie die Unterstützung qualifizierter Kfz-Sachverständiger aus der Oldtimerbranche. Und sollte es doch einmal zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Werkstatt und Kunden kommen, schlichten die Schiedsstellen des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes ohne das finanzielle Risiko einer gerichtlichen Auseinandersetzung.
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