IAA 2011: Diesel statt Adblue
Um die Stickoxidemissionen von Dieselmotoren zu senken, ist Harnstoff nötig. Laut Tenneco funktioniert aber auch simpler Dieselkraftstoff.
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Um die Abgasnorm Euro 6 zu erfüllen, benötigen vor allem schwere Dieselfahrzeuge einen speziellen Katalysator, der Stickoxide abbaut. In Produktion sind heute zwei Bauarten, die beide mit Nachteilen behaftet sind: Der NOx-Speicherkat benötigt teures Edelmetall als katalytisch wirksame Beschichtung, und der SCR-Kat (Selektive Katalytische Reduktion) ist auf das Reduktionsmittel Adblue angewiesen, das einen eigenen Tank und eine Dosiereinrichtung braucht.
Tenneco stellt auf der IAA einen NOx-Kat vor, der beide Nachteile vermeidet. In Kooperation mit GE und Umicore hat der Zulieferer einen Katalysator auf Silberbasis entwickelt, der den im Fahrzeug ohnehin vorhandenen Dieselkraftstoff oder Biokraftstoffe wie E85 nutzt, um die Stickoxide abzubauen.
Das sogenannte HC-LNC-System basiert auf der SCR-Anlage von Tenneco und nutzt deren Injektor, Mischer und Kat. Auch die Dosierung und Aufbereitung des Reduktionsmittels im Abgassystem ähneln sich. Allerdings ist die chemische Reaktion nicht so wirkungsvoll wie mit Adblue. Bei konstanter Abgastemperatur über 350 Grad Celsius lassen sich mit Dieselkraftstoff bis zu 60 Prozent der Stickstoffoxide reduzieren.
Mit Ottokraftstoff, beispielsweise E85, als zusätzlichem Reduktionsmittel steigt diese Quote auf bis zu 95 Prozent. Das hebt zwar den wichtigsten Vorteil von HC-LNC – den Verzicht auf einen zusätzlichen Betriebsstoff an Bord des Fahrzeugs – wieder auf, doch die Verwendung von Benzin statt Adblue gewährt logistische Vorteile. Schließlich gibt es viele Märkte, in denen die Harnstofflösung schwierig oder gar nicht zu beschaffen ist.
Bio-Benzin ist fast überall erhältlich
Das HC-LNC-System eignet sich deshalb vor allem für den Einsatz in Brasilien, China, Indien und anderen Schwellenländern. In diesen Märkten ist die Infrastruktur für Adblue schwach ausgebaut oder gar nicht vorhanden. Die Schwefelgehalte der Dieselkraftstoffe schwanken oft stark und liegen insgesamt auf einem sehr hohen Niveau. Dagegen verfügen solche Länder oft über gut ausgebaute Netze für Biokraftstoffe, wie Ethanol in Brasilien.
Bereits bewährt hat sich das System im Nutzfahrzeugsegment, so zum Beispiel in der Forstwirtschaft oder im Bergbau, heißt es bei Tenneco. Hier werden Fahrzeuge unter extremen Witterungsbedingungen und in abgelegenen Gegenden genutzt. Dort kommt auch die bessere Frostsicherheit der Kohlenwasserstoffe zum Tragen (Harnstoff friert bereits bei -11 Grad ein). Ein weiteres Plus ist laut Unternehmensangaben, dass Kraftstoffe weniger aggressiv sind als Adblue, weshalb die Abgasanlage aus einfacheren Stählen hergestellt werden kann.
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