Opel RAK 2 Im Raketentempo durch die Zeit

Quelle: dpa 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Dieses Jahr feiert Opel 125 Jahre Automobilbau. In dieser Zeit hat es eine Menge Modelle für die Straße und die Rennstrecke gegeben. Darunter spektakuläre Rekordautos wie den RAK 2 – ein besonderer Ausritt.

Vor rund 3.000 Zuschauern erreichte Fritz von Opel in seinem RAK 2 auf der Avus in Berlin eine Geschwindigkeit von 238 km/h – Rekord.(Bild:  Opel/Stellantis)
Vor rund 3.000 Zuschauern erreichte Fritz von Opel in seinem RAK 2 auf der Avus in Berlin eine Geschwindigkeit von 238 km/h – Rekord.
(Bild: Opel/Stellantis)

Es war ein bewölkter Mittwoch in Berlin. Die 3.000 Zuschauer trauten ihren Augen kaum. Denn was da an jenem 23. Mai 1928 morgens um zehn unter dem tosenden Beifall auch von Prominenten wie Lilian Harvey, Joachim Ringelnatz oder Max Schmeling mit 238 km/h den Streckenrekord auf der legendären Avus brach, war kein gewöhnliches Auto. Die Zuschauer sahen eine schwarze Zigarre mit glutrotem Schweif aus Feuer und Rauch, angetrieben von 24 Raketen – jede über einen Meter lang und fünf Kilo schwer.

Am Steuer sitzt ein Ingenieur, der nicht nur Sohn und Entwicklungschef einer Autodynastie war, sondern auch Rennfahrer, Rekordjäger und Hasardeur – Fritz von Opel. Zu dem Zeitpunkt gerade mal 29 Jahre jung, hatte der Enkel des Firmengründers Adam Opel zuvor schon Auto-, Motorrad- und sogar Bootsrennen gewonnen und sich mit der Rekordfahrt von Berlin ein weiteres Mal in die Annalen eingetragen.

Bildergalerie

Seine Rakete trug zwar den Namen Opel und das Firmenwappen stolz auf dem Rumpf, das damals noch ohne den erst seit 1963 verwendeten Blitz auskam. Doch mit erfolgreichen Serienautos wie dem Opel 4 PS, dem Laubfrosch, hatte der RAK 2 aus jenen Tagen nichts gemein.

Riskante Rekordjagd mit Pyrotechnik

Das Unikat hatte Opel gemeinsam mit dem österreichischen Raketenpionier Max Valier und dem Pyrotechniker Friedrich Sander eigens für die Fahrt in Berlin gebaut und fast nicht heil ins Ziel gebracht. Denn so sehr der Rekordfahrer später von der unbändigen Kraft schwärmte, die er mit dem Zünden jedes einzelnen Treibsatzes entfesselte, so knapp entkam er offenbar einer Katastrophe.

Opel berichtete zwar euphorisch: „Ich trete nochmals, nochmals und – es packt mich wie eine Wut zum vierten Mal. Seitwärts verschwindet alles. [...] Ich handele nur noch im Unterbewusstsein. Hinter mir das Rasen der unbändigen Kräfte.“ „Doch auch die riesigen Flügel des Rekordwagens konnten nicht verhindern, dass der RAK 2 kurz vor dem Ziele die Bodenhaftung zu verlieren drohte und der RAK 2 fast buchstäblich abgehoben wäre“, ergänzt Leif Rohwedder den weniger bekannten Teil der Geschichte.

Diese Rekordfahrt ist jetzt bald 100 Jahre her und das Auto von damals gilt offiziell als verschollen – weil sich mit der Übernahme Opels durch General Motors und spätestens im Zweiten Weltkrieg all seine Spuren verlieren, sagt der Classic-Chef des hessischen Herstellers. Doch halten sie die Erinnerung in Ehren und mit ihr eine Replik. Die entstand in den Neunzigerjahren für eine Werbekampagne, wurde dann jedoch nicht eingesetzt. Und anders als der Nachbau im Deutschen Museum in München sei das eigene Exponat nicht nur näher am Original, sondern auch fahrfähig, sagt der stolze Sammlungsleiter.

Fast 100 Jahre später – Testfahrt im Werk

Er bläst ein paar Staubkörner vom schwarzen Lack, steckt mit geübter Hand die jeweils kleinwagenbreiten Flügel in den Rumpf und bittet auf einem abgelegenen Teil des Werksgeländes zu einer der seltenen Testfahrten mit dem RAK 2. Allerdings zündet man dafür heute keine Feststoffraketen mehr, sondern die acht Kerzen aus dem 5,7-Liter-Motor eines Chevrolet Camaro. Dieser wurde damals noch unter Regie von General Motors für den Nachbau ausgeschlachtet. In den Rohren hinter dem Fahrer stecken dagegen als Antriebsattrappe nur noch Kirchenkerzen. Und wenn’s doch mal qualmt, ist das Bühnennebel.

Doch auch der vergleichsweise kultivierte Verbrenner mit seinen beinahe bescheidenen rund 200 PS lässt einen erahnen, welchen Heldenmut Fritz von Opel damals für seine Rekordfahrt brauchte. Denn schon nach wenigen Minuten ist es in der Röhre heiß wie in einem Backofen. Und dass es zudem so eng ist wie in einem Schraubstock, macht es nicht besser. Nur schwer findet der Fuß das Gaspedal und noch schwerer die Bremse.

Und trotzdem mahnt der Fotograf zu flotter Fahrt. „Tempo, Tempo“, erschallt der Ruf und irgendwer erinnert noch mal an die 238 km/h von einst. Ich versuche währenddessen irgendwie, diese Rakete auf Kurs zu halten und mit einem eher dem Laubfrosch angemessenen Spitzentempo von 60 km/h einen fatalen Einschlag zu verhindern. Und im Gegensatz zur Avus mangelt es hier nicht nur an einer vier Kilometer langen Geraden. Es gibt Gegenverkehr und überall parken Autos, die zudem nagelneu sind und von den Kunden sehnlichst erwartet werden. Mit vier Metern Spannweite fühlt man sich da wie ein Kamel, nein, wie ein Elefant auf dem Weg durchs Nadelöhr. Nur eben im Sprint und nicht im Kriechgang.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Ein Autohersteller läutet das Raumfahrtzeitalter ein

Doch irgendwo findet sich tatsächlich ein freies Stück Strecke. Der Fuß senkt sich noch ein Stück weiter gen Bodenblech und der RAK 2 schiebt unter mächtigem Getöse gewaltig an. Gut zu lenken ist er jetzt nicht mehr. Und nur mit eiserner Hand lässt sich die spitze Nase überhaupt in der richtigen Richtung halten. Kaum auszudenken, wie sich von Opel damals gefühlt haben musste, als hinter ihm eine Rakete nach der anderen gezündet hatte und die Bestie Fahrt aufnahm. Und dann erst die Zuschauer? Respekt. Den Ehrennamen „Raketen-Fritz“ hatte er sich damit redlich verdient.

Nur gebracht hat es ihm wenig. Denn auch wenn auf den RAK 2 noch das Schienen-Rekordfahrzeug RAK 3 und ein Flugzeug mit Raketenantrieb folgten, machte Fritz von Opel eine Bruchlandung, als seine Familie die Firma ab 1929 an General Motors verkaufte. „Zwar wurde Opel durch die Raketenversuche über Nacht zum progressivsten und innovativsten Autohersteller jener Zeit. Aber die Amerikaner wollten von Opels abgehobenen Plänen nichts wissen und haben all seine Entwicklungen eingestampft“, so Rohwedder.

Mit dem Nachbau des RAK 2 aber hält Opel die Erinnerung in höchsten Ehren. Und zwar nicht nur, weil er an ein spektakuläres Fahrzeug erinnert und ein Blickfang in der Sammlung ist. Sondern auch, weil er in gewisser Weise den Beginn einer wichtigen Epoche in der Technikgeschichte markiert – nur eben nicht für das Automobil im Allgemeinen oder für Opel im Besonderen. Sondern für eine ganz andere Welt, sagt Rohwedder: „Mit diesem Auto hat Opel bewiesen, dass der Raketenantrieb leistungsfähig und beherrschbar ist und hat damit das Raumfahrtzeitalter eingeläutet.“

(ID:49894745)