60 Jahre 7. Sinn „Ist die Dame jung und hübsch, kommt die Hilfe meist schnell“

Von Steffen Dominsky 4 min Lesedauer

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Am 4.2.1966 flimmerte die erste Folge, noch in Schwarz-weiß, auf bundesdeutschen Röhrenbildschirmen: Fast 40 Jahre lang führte der erhobene Zeigefinger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Fernsehbürgern ihr eigenes und das Fehlverhalten anderer im Straßenverkehr vor Augen – oft schmerzvoll authentisch.

Vor 60 Jahren begann die bundesdeutsche Verkehrserziehung mithilfe des 7. Sinn (Bild:  ARD/WDR)
Vor 60 Jahren begann die bundesdeutsche Verkehrserziehung mithilfe des 7. Sinn
(Bild: ARD/WDR)

Erst noch das laute Quietschen blockierender Reifen und da knallt‘s auch schon: Chromstoßstanden und Blech falten sich binnen Bruchteilen von Sekunden – alles echt, nichts gefaked. Heute wären sie gesuchte Oldtimer, damals waren es oft alte Karren, nicht selten aber auch junge Gebrauchte – egal. Die Verantwortlichen des WDR falteten sie trotzdem zusammen. Sie verpassten Pkw, Transportern, Bussen und selbst schweren Lkw Schrammen, Dellen, legten sie auf Seite oder Dach oder zündeten sie an. Alles streng im Sinne der Verkehrserziehung von uns Deutschen. Der 7. Sinn war eine Institution. Eine Institution, die selbst den überzeugtesten von ihren Fahrkünsten überzeugten Autofahrer einen Spiegel vorhalten durfte. Die sagen und vor allem auch zeigen durfte, was im Straßenverkehr geht und was nicht.

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Am 4. Februar vor 60 Jahren lief in der ARD der erste der wöchentlichen Fünfminüter auf bundesdeutschen Röhrenbildschirmen, die anfangs noch mit Trickfilmen, bald aber schon anhand echter und Unfallszenen, die harte Realität auf den Straßen zeigte. Und natürlich waren auch den Frauen am Steuer ein Thema. Die für sie produzierten Folgen, die hochhackige Schuhe, Schminkgewohnheiten und Einparkschwächen thematisierten, sind Paradebeispiele für das damalige männlich geprägte Gesellschaftsbild.

Originalton des 7. Sinn vom 12.9.1969

„Im Jahr der Frau sind die Männer hoffentlich etwas ritterlicher geworden. Wenn eine Frau bei einer Autopanne auf männliche Hilfe hofft, ist es unangebracht, Witze über die Frau am Steuer zu reißen, die nichts von Motor und Technik versteht. Oft zu beobachten: Ist die Dame jung und hübsch, kommt die Hilfe meist schnell. Leider lässt sich manchmal auf sich warten, wenn die Figur nicht mehr ganz so makellos ist.

Es kommt oft vor, dass Männer durch Alkoholgenuss fahruntüchtig und auf die Hilfe der Damen angewiesen sind, obwohl diese ungern abends oder nachts fahren.

Frauen fahren meist vorsichtiger als Männer, weil ihnen die Übung fehlt. Sie behindern dann den fließenden Verkehr. Viele Frauen scheuen das Anlegen des Sicherheitsgurts, weil sie Angst um ihren Busen haben. Diese Sorge ist unnötig, sagen Mediziner, wenn der Gurt richtig sitzt.

Selten sieht man bei Frauen gefährliches Fahrverhalten. Männer gehen schon eher ein hohes Risiko ein, wie hier beim Überholen einer Kolonne.

Frauen rasen auch nicht, wie manche Männer, so durch eine Kurve. Es sei denn, sie jagen als Rennfahrerinnen wie hier Hannelore Werner über die Piste. Dort beweisen sie hohes fahrerisches Können.

Wie auch zunehmend im Berufsverkehr, ob nun als Busfahrerinnen oder als Taxifahrerinnen. Leider ist diese Dame auch nicht angeschnallt, wie übrigens die meisten männlichen Kollegen. Und auch im Führerstand der Straßenbahn stehen sie ihren Mann.

Es gibt jedoch falsche Verhaltensweisen, die besonders häufig bei Frauen beobachtet werden, zum Beispiel Nichtbeachten der Vorfahrt.

Man erzählt sich zahlreiche Witze über Frauen, die sich bei dem Versuch, mit ihrem Wagen vorwärts oder rückwärts in eine Parklücke einzubiegen, rettungslos festgefahren haben.

Endlich am Ziel und schon unvorsichtig. Bei Frauen überdurchschnittlich viele Unfälle beim Öffnen der Türen.

Wenn Frauen am Steuer mit ihrem Wagen zu Verkehrshindernissen werden, so liegt dies meist am mangelnden technischen Verständnis und fehlender Übung. Die geübte Fahrerin fährt flott.

Die meisten Frauen haben eine sachliche Einstellung zum Auto und eine ruhige Fahrweise. Das machen Frauen selten. Sie nötigen niemandem und überholen nicht rechts. Und das machen Frauen überhaupt nicht.

Witze reißen könnte man auch über den Hut-und-Hosenträger-Fahrer, der mit der Zigarre auf dem Zahn gemächlich über die Straßen zuckelt. Und dann noch stur links fährt, obwohl die rechte Fahrbahn frei ist. Frauen sind auch keine Kurvenschneider.

Vorsicht! Kinder auf dem Rücksitz! Wenn Mütter ihre Kinder zum Kindergarten oder zur Schule fahren, werden sie leicht abgelenkt. Dann mit solchem Fehlverhalten rechnen …

Man sollte die Frau öfter ans Steuer lassen, damit sie Erfahrung und Routine bekommt. Aber dann nicht dauernd über ihre Fahrweise nörgeln.

Männer fühlen sich oft den Frauen am Steuer gegenüber stark und überlegen. Sehen Sie selbst, wie leicht sie schwach werden können.“

Eine Sendung wird zum Synonym-Begriff

Die Mutter aller Verkehrserziehungssendungen entstand als Nachfolge erfolgreicher Lehrfilme des TÜV Rheinlands mit dem Namen „Ausschnitte aus einer Führerprüfung“ von 1964. Im Gegensatz zur Verkehrserziehung für Kinder und Jugendliche hatte der 7. Sinn Autofahrer und erwachsene Verkehrsteilnehmer im Visier. Initiator der Sendereihe war Günter Wind (1917–2018). Die Bekanntheit des 7. Sinn hat dazu geführt, dass die Bezeichnung siebter Sinn gelegentlich auch für sechster Sinn, das heißt andere Sinne außerhalb der menschlichen Wahrnehmung, verwendet wird.

Obwohl viele Filme in den 70er-Jahren entstanden und heute antiquiert wirken, sind viele ihrer Inhalte nach wie vor aktuell. Bis 1985 produzierte der WDR die Sendungen selbst, seitdem in dessen Auftrag die TV-Produktionsfirma Cine Relation. Erstellt wurde die Lehrreihe in Zusammenarbeit mit der Deutschen Verkehrswacht – sie erhielt aufgrund ihrer Relevanz und authentischen Machart über 45 internationale Preisen, Ehrungen und Urkunden. Die vorerst letzte Folge der Sendung wurde im Dezember 2005 ausgestrahlt. Der WDR hatte damals angekündigt, das Konzept der Sendung zu überarbeiten, doch seitdem ist nichts geschehen. Seit 2010 nutzt der Soldatensender für die Auslandseinsätze der Bundeswehr, Radio Andernach, kurze Einspieler, hinterlegt mit der Melodie des 7. Sinn und Texten, gesprochen von Egon Hoegen, um die Soldaten für das Thema Verkehrssicherheit zu sensibilisieren. Inzwischen wird diese Sendung auch in vielen Ländern der Welt in zahlreichen Sprachen ausgestrahlt. 1986 und 1994 erschienen zudem zwei Bücher über den 7. Sinn („Das große Buch vom 7. Sinn, Verlag Walter Rau, 1994, 170 Seiten, ISBN 3-7919-0506-6. Sowie „Der 7. Sinn“, Verlag Naumann & Göbel, 1986, 240 Seiten, ISBN 3-625-10708-2)

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