Japanische Fahrzeugaufbereitung: Weg mit schlechten Geistern

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„In Japan hingegen mag man vor allem neue Dinge – das gilt auch für Autos“, sagt Buchautor Peter Lyon, der seit vielen Jahren in Tokio lebt und sich für sein Buch „Flashing Hazards“ eingehend mit der japanischen Autokultur beschäftigt hat. Wer es sich leisten kann, fährt einen Neuwagen. Wer keinen Neuwagen fährt, legt zumindest großen Wert darauf, dass der Alte wirkt wie neu: Da müssen schon mal oft genutzte Details wie Schaltknauf oder Lenkrad ersetzt werden. Doch auch dann haben nicht wenige Menschen noch ein ungutes Gefühl in ihrem Gebrauchtwagen. Und hier kommt Goto, als eine Art Geisteraustreiber, ins Spiel.

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Dafür braucht er noch nicht einmal das Auto selbst. Nummernschild, Name des Fahrers und Modell genügen, um den Wagen spirituell von allen störenden Energien zu befreien. Mit einem kleinen Glöckchen an einer Kette, das er über den Händen des Patienten pendelt, will er feststellen, wo das Problem liegt. „Es ist wie ein Metalldetektor“, sagt Goto. Zum Abschluss der Zeremonie kniet sich der Therapeut vor seinen Haus-Schrein, betet zur japanischen Shinto-Göttin Amaterasu und stimmt einen Gesang an.

Shinto ist neben dem Buddhismus eine der Religionen, der die meisten Japaner anhängen. Auch in Shinto-Schreinen kann man eine Reinigungs-Zeremonie buchen, die zwischen 10.000 und 15.000 Yen – etwa 70 bis 100 Euro – kostet und etwa eine Viertelstunde dauert. Es ist eine Mischung aus Glauben und Aberglauben, die die Autobesitzer antreibt – in der Art: Wer weiß, was vorher in dem Wagen geschehen ist.

Ein Beispiel: Auch im deutschen Sprachgebrauch kennt man den Begriff „es herrscht dicke Luft“, wenn zwei Menschen sich gestritten haben. Während mancher, der dazu kommt, nichts bemerkt, spüren sensiblere Naturen die negativen Schwingungen sofort. Der Shinto-Priester singt oder verstreut Salz als Teil des Reinigungsrituals. Wer allerdings ein ernsteres Problem hat, wendet sich an einen Geistheiler, oder Exorzisten, wie Goto. Drei Sitzungen reichen meistens aus, sagt er, die heutige beendet er kniend vor dem Haus-Schrein mit einem vehementen Zeigefingerschwung.

Japanischer Christopherus heißt „O-fuda“

Wer ganzjährig auf Nummer sicher gehen will, fährt zu Beginn des neuen Jahres zu einem Shinto-Schrein und holt sich für ein paar Euro ein „O-fuda“ für seinen Gebrauchtwagen. Der Talisman aus Papier, den sich der Autofahrer an den Rückspiegel hängt, soll zum Beispiel vor Verkehrsunfällen schützen. Und bei diesem (Aber-) Glauben sind sich die Luftlinie etwa 9.000 Kilometer voneinander entfernten Länder Japan und Deutschland wieder ziemlich ähnlich: Hierzulande heißt der Talisman Christopherus, ist der Schutzheilige der Autofahrer und fährt auf einer Plakette im Auto mit – zumindest in den älteren Modellen.

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