Jeder Steinschlag wirkt sich negativ aus
Bei der Aufbereitung lässt so manche Werkstatt die Verglasung außer Acht. Dabei kann schon ein harmlos aussehender Steinschlagschaden dazu führen, dass die gesamte Scheibe ersetzt werden muss.
Bei der Aufbereitung lässt so manche Werkstatt die Verglasung außer Acht. Dabei kann schon ein harmlos aussehender Steinschlagschaden dazu führen, dass die gesamte Scheibe ersetzt werden muss. Das ist nicht nötig, wenn die Scheibe fachmännisch repariert wird. Somit kann der technische Zustand wieder 100-prozentig hergestellt werden. Optisch wird sie dadurch allerdings nicht wieder an das Original heranreichen.
Oberflächenspannung gestört
Jeder Steinschlag beeinträchtigt die Oberflächenspannung einer Frontscheibe. Der Schaden breitet sich langsam aus und zerstört die Verglasung – egal, ob der Wagen steht oder fährt.
Allerdings steigt das Sicherheitsrisiko, wenn das Fahrzeug in Bewegung ist. Es kann sein, dass die Scheibe bei hoher Geschwindigkeit dem Druck nicht standhält und zerbricht. Auch die passive Sicherheit leidet: Bei einer verringerten Oberflächenspannung kann sich der Airbag nicht richtig entfalten. Denn er stützt sich beim Auslösen quasi an der Frontscheibe ab. Ist die Oberflächenspannung nicht intakt, kann der Airbag seine Aufgabe im Ernstfall nicht erfüllen.
Reparatur fast immer möglich
Eine Instandsetzung ist nur bei Frontscheiben möglich. Jürgen Göpfert von Scheibenreparatur Henkel erklärt: „Ein Schaden an einer Frontscheibe kann nur repariert werden, wenn die Folie zwischen den Scheiben nicht beschädigt ist. Überdies darf der Schaden nicht größer sein als der Durchmesser einer Zwei-Euro-Münze.“
Auch die gesetzliche Reparatureinschränkung erwähnt Göpfert: „Wenn der Schaden im Sichtfeld des Fahrers liegt, wäre das ein Grund, dem Fahrzeug bei der nächsten Hauptuntersuchung keine Plakette zu geben.“ Die Beschädigungen müssen mindestens zehn Zentimeter vom Scheibenrand entfernt sein.
Umfangreiches Reparatur-Set
Auf den ersten Blick erscheint die Reparatur einfach. Doch ein Blick auf das Teroson-Glas-Reparatur-Set lässt vermuten, dass allein mit handwerklichem Geschick kein gutes Reparaturergebnis zu erzielen ist. Göpfert bestätigt diesen Eindruck: „Es ist empfehlenswert, eine Schulung zu besuchen, denn Glas verzeiht keinen Fehler.“
Der Werkzeugsatz umfasst eine Haltevorrichtung für den Injektor, einen Steinschlagöffner, einen Spiegel und eine Aushärtlampe. Zudem sind enthalten: Harz, Aushärtfolie, Bügelklinge, Politur, Adhäsionsgel und Reinigungsmittel.
Gründlich reinigen
Der erste Reparaturschritt ist die gründliche Reinigung der Schadstelle. Göpfert erklärt: „Man sollte unbedingt darauf achten, dass der Schmutz nicht in die Schadstelle gerieben wird. Gereinigt wird immer vom Steinschlagschaden weg. Mit dem Steinschlagöffner lassen sich Glasfragmente und Schmutz mit Drehbewegungen aus der Schadzone entfernen.“
Reparatur verfolgen
Dann wird der Werkzeughalter montiert. Er muss senkrecht zur Scheibe stehen. „Frontscheiben sind gewölbt,“ erklärt Göpfert. „Bringt man den Werkzeughalter waagerecht an, liegt die Düsenmündung nicht richtig auf. Es kann Luft eindringen und der Injektordruck ist nicht stark genug.“
Um den Reparaturvorgang besser verfolgen zu können, montiert man auf der Innenseite einen Spiegel. Der Injektor wird mit sechs bis acht Tropen Harz befüllt und in den Halter geschraubt, so dass die Injektordüse auf der Scheibe aufliegt. Wird der Kolben des Injektors gedreht, läuft das Harz in die Schadstelle.
Zwischen Druck und Vakuum
Der Druck darf nur so groß sein, bis erkennbar ist, dass Lufteinschlüsse komprimiert werden. Danach muss man dem Harz etwas Zeit gönnen, sich in der Schadstelle auszubreiten. Was bleibt, ist die eingeschlossene Luft. „Um diese zu entfernen“, erklärt Göpfert, „muss wechselweise zwischen Druck und Vakuum gearbeitet werden. Um ein Vakuum zu erzeugen, dreht man den Injektorkolben langsam zurück. So entsteht ein Unterdruck, der die eingeschlossene Luft absaugt.“ Für ein gutes Ergebnis ist es ratsam, den Injektor mit einer Hand auf die Scheibe zu drücken, um gleichzeitig mit der anderen den Kolben zurückzudrehen.
m Kontrollspiegel kann man verfolgen, wie die Luft in Richtung Injektor wandert. Die eingeschlossene Luft ist leichter als das Reparaturharz, das überdies schnell eine leichte Verbindung mit dem Glas eingegangen ist. Die Luft gelangt vorbei am Harz in den Injektor und sammelt sich dort an der höchsten Stelle. Das System braucht erneut einige Zeit, um die Luft aus der Schadstelle zu transportieren. Mindestens vier- bis fünfmal muss man den Vorgang wiederholen.
Sorgfältig aushärten
Nach beendeter Reparatur dreht man den Injektorkolben in den Zylinder. So kann kein Harz ausfließen. Der Werkzeughalter wird von der Scheibe entfernt. Auf die Schadstelle kommt ein bis zu drei Zentimeter langer Streifen der Aushärtfolie.
Göpfert rät: „Einfacher geht es, wenn man die Folie bei noch montiertem Werkzeughalter und Injektor zwischen Scheibe und Injektorfuß zieht. Der Vorgang sollte saugend erfolgen. Man vermeidet damit einen erneuten Lufteinschluss in der Schadstelle.“
Anschließend bleibt eine UV-Lampe für mindestens zehn Minuten über der mit Aushärtfolie abgedeckten Schadstelle. Danach zieht man die Folie vorsichtig ab. Mit den Bügelklingen wird vorsichtig das überschüssige Harz abgeschabt.
Ist die Harzfläche matt, war die Arbeit erfolgreich und die Schadstelle ist mit dem Rest der Scheibe plan. Ist die Harzfläche glänzend, schließt das Reparaturharz nicht bündig mit der Scheibenoberfläche ab. „Diesen Vorgang so oft wiederholen, bis die Flächen der Scheibe und der Reparaturstelle die gleiche Höhe haben. Dann beträufelt man die Schadstelle mit Finish-Harz zum Schutz gegen UV-Strahlung und Abrieb der Scheibenwischer und härtet letztmalig mit UV-Licht aus,“ beschreibt Göpfert die letzten Reparaturschritte, bevor abschließend poliert wird.
Scheibe muss kalt sein
Göpfert gibt einen wichtigen Tipp: „Wenn die Autoscheibe aufgeheizt ist, geht die Reparatur schief, die Frontscheibe reißt komplett. Im Sommer muss der Wagen gekühlt sein, da genügen auch keine fünf Minuten Klimaanlage.“
Die meisten Versicherer bezahlen eine Reparatur der Frontscheibe. Denn in der Regel ist eine Reparatur günstiger als der Ersatz inklusive Ersatzteil und Arbeitslohn. Mit diesem Service lässt sich auch im Gebrauchtwagenhandel noch mancher Euro verdienen.
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