Kampf ums Unfallgeschäft

Autor / Redakteur: Eckhard Brandenburg / Norbert Rubbel

Trotz rückläufiger Unfallzahlen bleibt das Karosserie- und Lackgeschäft für die Kfz-Branche ein interessantes Geschäftsfeld.

Trotz rückläufiger Unfallzahlen bleibt das Karosserie- und Lackgeschäft für die Kfz-Branche ein interessantes Geschäftsfeld aber nur dann, wenn die Betriebe die erforderlichen Investitionen in die Werkstattausstattung und in das Wissen der Mitarbeiter tätigen. Ein paar Fakten: Immerhin hat das Karosserie- und Lackgeschäft einen Anteil am gesamten Pkw-Komponentenmarkt von 23 Prozent. Allerdings sinkt das Auftragsvolumen, weil die schweren Schäden abnehmen. Aber auch der zunehmende Einsatz neuer Reparaturmethoden wie Smart-Repair beschert den Betrieben rückläufige Umsätze. Zudem steigen die Anforderungen an die Servicemitarbeiter, da die Automobilhersteller immer mehr hochkomplexe Techniken und Materialien in die Fahrzeuge einbauen.

Wer sind die Marktakteure und welche Strategien verfolgen sie Drei Gruppen sind hier zu nennen:

  • die Automobilhersteller mit ihren Vertragspartnern und Karosserie- und Lackzentren
  • die spezialisierten freien Karosserie- und Lackierwerkstätten, die sehr intensiv mit den Lackherstellern kooperieren
  • die Versicherungen, die mit eigenen Partnernetzen und Schadensmittlern bei der Unfallschadenregulierung zusammenarbeiten

Mit ihrem Schadenmanagement gefährden die Versicherungsunternehmen das Karosserie- und Lackgeschäft der Vertragspartner der Automobilhersteller und Importeure. Um sich gegen die Angriffe der Versicherer zu wehren, konzipieren die Fahrzeughersteller verschiedene Strategien von allgemeinen Kostensenkungsmaßnahmen über die Zusammenarbeit mit den Assekuranzen bis hin zum Ausbau markeneigener Versicherungskonzepte mit den entsprechenden Kundenbindungs- und Kundensteuerungsmodellen.

Vor allem aber haben sie die Bedeutung der Versicherungsdienstleistungen erkannt. Herstellereigene Versicherungen erhöhen nämlich die Chance, das Karosserie- und Lackgeschäft inklusive des Originalteileabsatzes im Markenbetrieb zu behalten. Die Kundenbindung an die Vertragswerkstatt sollen vor allem Unfallhotlines und reduzierte Selbstbeteiligungen bei der Reparatur im markeneigenen Betrieb stärken.

Dass viele Autohäuser mit spezialisierten Fachbetrieben kooperieren müssen, zeigt ein Blick in die Statistik: Von den rund 19 800 Fabrikatsbetrieben in Deutschland verfügen nur etwa 13 Prozent über eine eigene Lackiererei. Die Anzahl der Lackbetriebe ist je nach Fabrikat sehr unterschiedlich. So liegt VW mit rund 25 Prozent an der Spitze, während bei kleinen Importeuren fast kein Partnerunternehmen eine eigene Lackiererei betreibt.

Kosten senken

Aufgrund der hohen Investitionen in die Instandsetzungsbetriebe und um die Anlagen optimal auslasten zu können, gründeten die markengebundenen Unternehmen in den vergangenen Jahren separate Lack- und kombinierte Karosserie- und Lackzentren. Viele dieser Zentren arbeiten bereits wirtschaftlich. Tatsache ist jedoch, dass die großen Instandsetzungszentren nur in Ballungsgebieten sinnvoll sind. Denn das Konzept steht und fällt mit der Auslastung.

Neben den 2 600 markengebundenen Werkstätten bieten im freien Markt weitere 5 700 spezialisierte Werkstätten Lackier- und Karosseriearbeiten an. Dabei handelt es sich um 2 500 kombinierte Karosserie- und Lackierwerkstätten und 3 200 reine Lackbetriebe. Zusätzlich sind rund 700 freie Universalwerkstätten mit eigenen Lackierkabinen in diesem Markt tätig.

Die Lackhersteller selbst unterstützen die Lackier- und Karosseriewerkstätten seit Jahren mit einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit, mit speziellen Verträgen und Mitgliedschaften und Full-Service-Werkstattsystemen (siehe Seite 44 bis 48).

Auch die Versicherer mischen im Karosserie- und Lackmarkt kräftig mit und investieren in neue Konzepte. Ihre Strategie: Sie lenken die Unfallfahrzeuge in ein Netz von Partnerbetrieben. Dazu arbeiten sie entweder mit eigenen Werkstattpartnern oder mit Schadensmittlern zusammen.

Zudem bieten sie ihren Kunden Kaskopolicen mit Werkstattbindung an. Die Leistungsversprechen dieser Policen sind bei fast allen Anbietern gleich: Dem Kunden werden je nach Versicherer 5 bis 15 Prozent Beitragsnachlass offeriert. Dafür verpflichtet er sich, im Schadensfall den Wagen in der Partnerwerkstatt der Versicherung reparieren zu lassen.

Einige Versicherer gehen allerdings einen anderen Weg: Sie wollen die gesamte Schadenabwicklung optimieren und nicht in der Rabattdiskussion mitmischen. Hierzu erarbeiten sie gemeinsam mit den Automobilherstellern und Branchenverbänden Konzepte.

Ausgaben entscheiden

Die Strategien der Marktakteure sind die eine Seite der Medaille. Doch wie verhalten sich die Autofahrer in einem Schadensfall Eine von der BBE-Unternehmensberatung durchgeführte Befragung von 1 000 Pkw-Fahrern erbrachte folgende Ergebnisse: Bei kleineren Schäden bis 250 Euro favorisieren die Autofahrer die freien Karosseriewerkstätten. Handelt es sich um Schäden, die 2 500 Euro übersteigen, geben sie den Vertragswerkstätten den Vorzug.

Der Blick auf die durchschnittliche Schadenhöhe zeigt, dass der Betrag, den die Autofahrer in den markengebundenen Werkstätten ausgeben, mit 1 838 Euro fast doppelt so hoch ist wie der, den sie in einer freien Universalwerkstatt (922 Euro) oder in einer spezialisierten Karosseriewerkstatt (957 Euro) ausgeben. Vor allem sicherheitsrelevante Reparaturen sollte aus Verbrauchersicht ein fabrikatsgebundenes Unternehmen durchführen. Die markengebundenen Unternehmen genießen also einen gewissen Vertrauensbonus beim Konsumenten obwohl dieser die Fabrikatsbetriebe und freien Karosseriewerkstätten gleich gut bewertet.

Die Untersuchung zeigte auch, dass die Versicherer in immer stärkerem Maße versuchen, die Werkstattwahl zu beeinflussen. Jeder Vierte, der seinen Schaden über die Versicherung abwickelt, hat eine solche Einflussnahme bestätigt. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen (noch) um eine Empfehlung für eine bestimmte Werkstatt.

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