Karosseriebetriebe gehen in die Offensive

Autor / Redakteur: Norbert Rubbel / Norbert Rubbel

Obwohl der Fahrzeugbestand zunimmt, sinken die Unfallreparaturen in den Werkstätten. Die Gründe dafür sind das veränderte Verhalten der Autofahrer und die neuen Technologien im Automobil.

Obwohl der Fahrzeugbestand zunimmt, sinken die Unfallreparaturen in den Werkstätten. „Die Anzahl der Unfälle ging von 1999 bis 2006 um rund acht Prozent zurück. Gründe sind das veränderte Verhalten der Autofahrer und die neuen Technologien im Automobil wie elektronische Abstandsmessungen und Bremsassistenten“, erklärt Eckhard Brandenburg, Projektleiter Automotive der BBE-Unternehmensberatung.

Die zunehmenden Tempobegrenzungen auf deutschen Straßen und Sicherheitsausstattungen in den Fahrzeugen verhindern vor allem schwere Unfälle. Kleinere, meist selbstverschuldete Schäden lassen die Autofahrer kaum noch beseitigen. Zudem verringern smarte Reparaturmethoden wie Dellendrücken und Spot-Repair die Instandsetzungszeiten in den Werkstätten. Das Ergebnis: Das Marktvolumen des Karosserie- und Lackmarkts stagniert. Mit 6,54 Milliarden Euro (1998: 6,6 Milliarden. Euro) besitzt es aber dennoch einen beachtlichen Wert.

Hersteller grenzen Freie aus

Um ihre Kosten zu senken und Umsätze zu sichern, bauen die Automobilhersteller ihre Netze für die Unfallinstandsetzung weiter aus. Lackier- und Karosseriezentren (LaKaZe) wie das von Mercedes-Benz in Hamburg verbuchen pro Jahr immerhin rund 5 000 Fahrzeugdurchläufe und einen Umsatz von zehn Millionen Euro pro Jahr.

Zum Unfallmanagement der Hersteller zählt aber auch die gezielte Steuerung der geschädigten Fahrzeuge. So will VW mit seinem Volkswagen-Versicherungs-Dienst (VVD) die Zahl der Versicherungsnehmer auf mehr als das Doppelte steigern und das eigene Schadenmanagement ausbauen.

„Der VW-Konzern nutzt die Synergien zwischen Versicherungsverkauf im Neuwagengeschäft und Werkstattauslastung durch Unfallreparaturen“, erläutert Eckkard Brandenburg. Wie Mercedes-Benz möchte auch VW seine Karosserie- und Lackzentren in den kommenden Jahren weiter ausbauen. Der Wolfsburger Konzern will über die Schadensteuerung sowie Versicherungs- und Finanzierungsangebote ihre Kunden an die Vertragsbetriebe binden – zum Nachteil der freien Unternehmen. Ihnen bliebe dann in den ersten vier Jahren der Zugang zu den Unfallfahrzeugen von VW versperrt. Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Versicherungsunternehmen viele Kfz-Betriebe ausgrenzen und die Unfallschäden in ihre Partnerwerkstätten lenken.

Zum Schaden-Service-Plus-Netz (SSP) der HUK zählen heute 1 200 Partnerbetriebe. Den Marktanteil von SSP an allen relevanten Unfallschäden (rund 700 000) schätzt Eckkard Brandenburg auf gut elf Prozent. Partnerwerkstätten der Versicherer müssen beispielsweise folgende Leistungen anbieten:

  • angemessene Stundenverrechnungssätze
  • Hol- und Bringservice
  • Ersatzfahrzeuge (teilweise kostenlos)
  • schnelle Schadensbeurteilung und Reparaturplanung
  • kombinierten Karosserie- und Lackbetrieb

„Trotz der Ansprüche an die Werkstätten sind die Versicherer jedoch oft nicht in der Lage, ihren Partnern Umsatzgarantien zu geben“, kritisiert der BBE-Projektleiter.

Welche Bedürfnisse die Autofahrer tatsächlich haben, wollte die BBE genauer wissen und befragte rund 1 000 Pkw-Fahrer mit Karosserieschäden in den letzten zwei Jahren.

Als erste Anlaufstelle im Schadensfall nannten jeweils 36 Prozent Fabrikatsbetriebe und Freie Werkstätten. Tatsächlich aber ließen 33 Prozent ihren Unfallwagen in einer Vertragswerkstatt und 28 Prozent in einen markenunabhängigen Kfz-Betrieb reparieren.

Fabrikatsbetriebe bevorzugt

Die durchschnittliche Schadenshöhe der in den Fabrikatsbetrieben reparierten Fahrzeuge ist mit 1 838 Euro fast doppelt so hoch wie die in den Freien Werkstätten (922 Euro). Schäden bis zu 250 Euro ließen knapp die Hälfte der Befragten in den fabrikatsunabhängigen Betrieben beheben. Allerdings bevorzugten 78 Prozent der Autofahrer mit Schäden über 2 500 Euro die Vertragswerkstätten. „Aufgrund der deutlich höheren Schadenssumme liegt der wertmäßige Marktanteil der Fabrikatsbetriebe über alle Schäden hinweg bei 61 Prozent und der der Freien Werkstätten bei 31 Prozent“, analysiert Eckhard Brandenburg.

Auf die Frage „Nahm der Versicherer Einfluss auf die Reparaturstätte“ sagten 74 Prozent „Nein“. Im Zeitvergleich hat dieser Wert deutlich abgenommen. Denn 1998 waren es noch 92 Prozent, die diese Frage mit „Nein“ beantworteten. 87 Prozent der Ja-Sager waren mit dem Service und den Leistungen der Versicherungsunternehmen „zufrieden“ bis „sehr zufrieden“.

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