Kilometer-Millionär im Mercedes 124er

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„Aber ich habe ihn immer gut in Schuss gehalten“, sagt Nickl. Keinen Ölwechsel hat er verpasst, immer gut geschmiert und lieber zweimal nach dem Luftdruck geschaut als einmal nach dem Lack. Weil der 124er zudem eine grundsolide Konstruktion hat, ist ihm in all den Jahren wenig passiert und er ist nur ein einziges Mal liegen geblieben – ausgerechnet kurz vor der eigenen Haustür und ausgerechnet auf der Autobahn, erinnert sich der Millionär wider Willen.

Er parkt jetzt in der Garage

Zwar parkt Nickl mittlerweile in der Garage und zumindest zu den Kilometer-Jubiläen wird das Auto auch gründlich gewaschen. Doch in 25 Jahren hat der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen: Der Lack ist ein bisschen stumpf geworden, der Stern auf der Haube hat seinen Glanz verloren, die Schalen hinter den Türgriffen wirken, als hätte Nickl sie mit Stahlwolle poliert, unter der Motorhaube mit der zerfledderten Isolierung sieht es aus wie im Heizkeller eines Mietblocks aus den Fünfzigern. Außerdem ist das Lenkrad ist abgegriffen, an dem mit Generationen von Jeanshosen dunkel eingefärbten Fahrersitz bricht so langsam das Polster auf, und bei vielen Schaltern kann man die Beschriftung längst nicht mehr Lesen.

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„Doch für den TÜV reicht es allemal“, sagt Nickl und sieht dem nächsten Termin im Jahr 2018 ganz gelassen entgegen. Was bis dorthin zu reparieren sein sollte, erledigt er bei einem Freund auf der Hebebühne am liebsten selbst, weil er sonst keine großen Hobbies hat, die ihn von seinem Schreibtisch-Job ablenken könnten. Und für die einzige Beanstandung, die seit Jahren kommt, braucht er nur einen schwarzen Filzstift. „Denn mittlerweile ist das Kennzeichen so verblasst, dass ich es bei jeder Hauptuntersuchung nachzeichnen muss“, lacht der Mercedes-Mann.

Mehr Angst vor der Frau als vor dem TÜV

Nickl ist sich deshalb sicher, dass der TÜV ihn und seinen Millionär auch im nächsten Jahr nicht scheiden werden. Viel mehr Angst hat er da schon vor seiner Frau, die es bisweilen leid ist, beim Auffahren auf die Autobahn Blut und Wasser zu schwitzen, weil der Diesel einfach nicht auf Touren kommen will, und die gerne mal ein bisschen schneller fahren würde als die 100, 120 Sachen, die Nickl dem 124er noch abringt.

Doch seit er ihr vor ein paar Jahren mal einen SLK gekauft hat, droht dem Millionär auch aus dieser Richtung kein Ungemach mehr. Und ein neues Auto kommt ihm selbst vor der Rente ganz sicher nicht auf den Hof. Erstens, weil er seinen Kollegen keinen Triumph gönnen möchte. Und zweitens, weil er den aktuellen Modellen angesichts der vielen Kilometer keine solchen Laufleistungen mehr zutraut. „Die Zeiten der Kilometer-Millionäre sind wahrscheinlich für immer vorbei.

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