40 Jahre Peugeot 205 Kleine Klippenspringer und wilde Weltmeister

Von sp-x 5 min Lesedauer

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Nur mal kurz den ganzen PSA-Konzern retten, die Rallye-Szene mit wilden Turbo-Löwen beherrschen, elektrische Cityflitzer in Fahrt bringen und die Kleinwagenwelt durch verführerische Bio-Formen verändern: Der 1983 präsentierte Peugeot 205 war ein Tausendsassa. Ein toller Typ, den die Franzosen als „Sacré Numéro“ feierten

Der 205 war in den Achtzigern der Rettungsanker für den angeschlagenen Peugeot-Konzern. Zu seiner Popularität trug auch das 1986 präsentierte Cabriolet bei.(Bild:  Dominsky – VCG)
Der 205 war in den Achtzigern der Rettungsanker für den angeschlagenen Peugeot-Konzern. Zu seiner Popularität trug auch das 1986 präsentierte Cabriolet bei.
(Bild: Dominsky – VCG)

Braucht die Welt einen Kleinwagen, der von Klippen springen kann und durch Wüsten rast? Einen Cityflitzer, der mit Turbo-Power so teuer wie ein Ferrari ist, aber elektrisch nur knapp 100 Kilometer weit kommt? Aber klar doch, entschied Peugeot, und machte den am 24. Februar 1983 präsentierten kleinen 205 prompt zur vorläufig größten Nummer in der Geschichte der Löwenmarke. Mit rund 5,3 Millionen verkauften Einheiten in 15-jähriger Produktionszeit übertraf der 205 sämtliche Vorgänger und ist bis heute das zweiterfolgreichste Peugeot-Modell – hinter dem Nachfolger 206.

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Tatsächlich verklärte das Peugeot-Marketing den 205 sogar zur Sacré Numéro („heilige Nummer“, aber auch „starker Auftritt“) und lancierte entsprechende Sondermodelle. Schließlich befand sich Europas größter Autobauer PSA Peugeot Citroën vor 40 Jahren am finanziellen Abgrund, und der 3,70 Meter kurze 205 war der letzte Hoffnungsträger für die Gallier. Ähnlich wie der Golf zehn Jahre zuvor VW gerettet hatte, sollte der 205 die Franzosen in die Zukunft führen. Dies als schicke drei- und fünftürige Fließhecklimousine, als elegantes Cabriolet von Pininfarina, vor allem aber als schneller GTI und unter dem Typencode Turbo 16 als ultrateurer Straßenrenner sowie Rallye-Weltmeister der berühmt-berüchtigten Gruppe B.

Die Rettung vor dem Abgrund

Einen ersten Hinweis auf das Potenzial dieses multitalentierten Peugeot-Modells gaben 1983 ausgerechnet Dieselmotoren. Rau laufende und kostspielige Selbstzünder im Kleinwagen? VW Polo oder Opel Corsa verzichteten vorläufig. Gerade einmal 44 kW/60 PS leisteten die hocheffizienten 1,8-Liter-Selbstzünder im Peugeot 205. Das genügte für flotte Fahrleistungen, von denen ein Mercedes-200-D-Pilot nur träumen konnte. Und bei einem sensationellen Normverbrauch von 3,9 Litern reichte eine Tankfüllung im 205 D für knapp 1.300 Kilometer. Mit diesem Kleinen stieg Peugeot endgültig zum weltweit größten Dieselmotoren-Hersteller auf – und in den Club angesagter Hot Hatches. Dazu legten sie in Sochaux noch agilere Turbo-Diesel auf, vor allem aber den bis zu 94 kW/128 PS starken Benziner 205 GTI, den Fachmedien als „GTI unter den GTI“ feierten. Ein wilder Muskel-Mini, der einen Marktstart nach James-Bond-Manier zelebrierte: In einem spektakulären Werbefilm wurde der 205 „Gran Turismo Injection“ von einem gewaltigen Kampfhubschrauber mit Raketenwerfern gejagt, um dann am Rand eines Abgrunds über eine Klippe ins Nichts zu springen – wo sich der rettende Fallschirm öffnete.

Ein dramatisches Bild, das durchaus Bezüge zur Realität aufwies. Denn dort lag es an der Sacré Numéro 205, die älteste noch existierende Automobilmarke der Welt zu retten. Was war geschehen? Peugeot hatte in den Siebzigern die finanziell maladen Konkurrenten Citroën und Chrysler Europa (Talbot) übernommen und dann vergeblich versucht, das unübersichtliche Konglomerat an Modellen profitabel zu vermarkten. Hinzu kam die fehlende Faszination vieler Typen. So lieferte der brave Peugeot 104 die Basis für die fast baugleichen Parallelmodelle Citroën LN und Talbot Samba. Dieses Badge-Engineering genügte nicht – allein in den Jahren 1979 bis 1982 ging der europäische Marktanteil des von Peugeot geführten PSA-Konzerns um über ein Drittel zurück. Ein frischer Herzensstürmer mit legendärer Nummer musste her. Deshalb wurde der seit 1977 entwickelte Typ 105 zum 205 transformiert, waren doch bei Peugeot traditionell Modelle der 2er-Reihe wie 201, 203 und 204 für Revolutionen zuständig.

Erfolgreicher als Renault und Fiat

Und als Gamechanger betätigte sich der Peugeot 205 von Beginn an. Wurde sein Design doch nicht wie so viele Peugeot-Modelle bei Starcouturier Pininfarina entworfen. Stattdessen durfte das von Gérard Welter geleitete Peugeot-Designstudio den 205 in zukunftsweisenden Bio-Formen mit großen Glasflächen gestalten. Überraschend eigenständigen Coupé-Charakter bot die dreitürige Version des 205 durch abgerundete hintere Seitenscheiben und massive C-Säulen. Eine sportive Optik, die besonders dem starken 205 GTI zugutekam.

Auf dem Heimatmarkt erwies sich das Löwenbaby als Kämpfer mit so scharfen Krallen, dass es auf Anhieb den Erzrivalen Renault 5 deklassierte. Peugeot hatte mit einer Tagesproduktion von 1.700 Einheiten seines neuen Sympathieträgers kalkuliert, tatsächlich trafen aber schon im ersten Jahr täglich 2.700 Bestellungen ein. Und noch im hohen Alter von neun Jahren setzte sich der 205 an die Spitze der französischen Zulassungscharts. Auch in Deutschland war der charmante Knirps für Bestwerte gut, die weder Renault noch Fiat (Uno) verhindern konnten: Im Jahr 1986 platzierte sich der 205 auf Rang eins der Import-Zulassungen. Gebaut wurde der 205 übrigens nicht nur in fünf europäischen Werken, sondern auch als Weltauto in Südamerika und Asien.

Teurer als ein Ferrari

Es war die riesige Variantenvielfalt, die den Hype rund um den 205 in immer neue Höhen trieb. So avancierte eine von Pininfarina kreierte Cabriolet-Version ab 1986 zum damals begehrtesten Sonnenanbeter unter den kleinsten Viersitzern. Kastenwagenversionen des 205 nahmen den praktischen Peugeot Partner vorweg. Mit ungewöhnlicher Viergang-Automatik wurde der 205 zum Liebling vieler Frauen, und der 205 Électrique sorgte als Vorreiter für batterieelektrische Fahrzeuge für Aufsehen. Seine riesigen Nickel-Cadmium-Akkublöcke speicherten zwar nur Energie für rund 100 Kilometer, aber dieser Stromer bahnte den Weg für den Peugeot 106, der ab den Neunzigern für Furore sorgte als damals global erfolgreichster Elektro-Pkw.

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Und dann gab es da noch die ganz furiosen Flügelstürmer. Während der leichte 205 GTI größeren Kompakten wie dem Golf GTI kaum eine Chance gab, war der 205 Turbo 16 ein Mittelmotor-Renngerät für Rallyepisten. Um die Homologation zu erreichen, produzierte Peugeot von diesem 177 kW/240 PS freisetzenden Allradler 200 Einheiten mit Straßenzulassung, die in Deutschland zum damals exorbitant hohen Preis von 94.400 Mark angeboten wurden. Mehr als für einen Ferrari 308 GTB wurde berechnet, was den 205 Turbo 16 nur noch begehrenswerter machte. Schließlich hatte dieser Peugeot das Zeug zum Rallye-Weltmeister der Jahre 1985 und 1986. Anschließend machte das wildeste Modell der Löwenmarke die Wüste zum Wohnzimmer – als Sieger bei den Dakar-Rallyes von 1987 und 1988. Und heute? Ist der 205 unvergessen, denn ohne ihn gäbe es wahrscheinlich keinen modernen Peugeot 208.

Welche Relevanz der 205 als Klassiker hat, erläutert Experte Christoph Pichura von der Oldtimer-Bewertungsorganisation Classic Analytics: „Wegen seines flotten Designs eroberte der 205 nicht nur Frauenherzen, und vor allem der durchzugsstarke Dieselmotor sorgte an der Ampel häufig für erstaunte Gesichter bei Fahrern größerer Autos. Beliebtestes Modell ist aber nach wie vor der 205 GTI, der im guten Zustand um die 15.000 Euro kostet. Geheimtipp unter Kennern bleibt jedoch der von zwei Weber-Vergasern befeuerte 205 Rallye 1.3. Noch teurer ist der 205 Turbo 16, das Basismodell für den Rallyesport, hierfür muss man mindestens 200.000 Euro hinlegen.“

 

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