Spritpreisschock Kosten und Ängste ergeben „Mischung für einen Kaufaufschub“

Von Andreas Grimm 3 min Lesedauer

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Bomben am Persischen Golf, ein explodierender Rohölpreis und scharf steigende Diesel- und Benzinpreise – die Verbraucher geben mehr Geld aus als geplant. Über die weiteren Folgen spricht Dr. Philipp Seidel von der Strategieberatung Arthur D. Little.

Dr. Philipp Seidel ist Principal bei der Strategieberatung Arthur D. Little und unterstützt Kunden unter anderem bei den Herausforderungen im Bereich der elektrischen Transformation. (Bild:  People-Pictures)
Dr. Philipp Seidel ist Principal bei der Strategieberatung Arthur D. Little und unterstützt Kunden unter anderem bei den Herausforderungen im Bereich der elektrischen Transformation.
(Bild: People-Pictures)

Redaktion: Die Eskalation am Persischen Golf war und ist direkt an der Tankstelle spürbar. Was bedeuten Preissprung und Unsicherheit für die allgemeine automobile Nachfrage?

Philipp Seidel: Teurere Kraftstoffe schlagen kurzfristig auf die Konsumlaune – und das nicht nur an der Tankstelle. Preis-Unsicherheiten und -sprünge sorgen temporär für eine Zurückhaltung hinsichtlich der Neuwagen-Nachfrage. Längerfristig höhere Spritkosten und Inflationsängste ergeben die Mischung für einen Kaufaufschub. Die Nachfrage nach Gebrauchtwagen und kleineren bzw. effizienteren Modellen und EV dürfte in der Folge steigen.

Die Probleme in dieser Region rufen die Lieferkettenprobleme des Jahres aus 2022 in Erinnerungen. Drohen neben der Ölknappheit weitere Schwierigkeiten mit Zulieferungen?

Kurzfristig betreffen die Folgen vor allem die Energie- und Chemiewirtschaft. Doch mittelfristig drohen Zusatzprobleme jenseits des Öls, etwa wenn es zu Umroutungen und Ausfällen von Energie- und Chemie-Vorprodukten kommt. Besonders Asien ist außerdem stark abhängig von Energie aus Nahost – im schlimmsten Fall schlägt die Krise bis auf die energieintensive Chipbranche durch. Betroffen sind tendenziell OEMs mit wenig Bestand und hoher Importquote kritischer Teile.

Könnten speziell die chinesischen Hersteller ins Schleudern kommen, weil sie viele ihre Fahrzeuge, Bausätze oder Teile per Schiff nach Deutschland/Europa bringen?

Exporte aus China werden stark betroffen sein, aber nicht wegen des Europa-Geschäfts. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind mit rund 550.000 Fahrzeugen der weltweit drittgrößte Exportmarkt für chinesische Autos. Der Logistikknoten Dubai/Jebel Ali ist der Umschlagpunkt für den Transport chinesischer Autos in die gesamte Region. Dagegen läuft der Export nach Europa eher auf dem Direktweg, zunehmend unterstützt auch durch eine lokale Produktion und Lieferketten.

Ab welcher Dauer wird die Auseinandersetzung am Golf zu wirklichen Problemen führen – und nicht nur wie jetzt vor allem Ängste schüren?

Da sprechen wir eher von Wochen als von Tagen. Solange die Lager reichen und die Verkehrswege über Aden/ Suez etc. nicht geschlossen sind, dominiert vor allem die Unsicherheit. Wenn die Störung mehrere Wochen anhält und sich weiter ausweitet, schlagen die Folgen wegen teurer Logistik und höherer Energiekosten und gegebenenfalls aufkommenden Mangellagen jedoch durch.

Die Dauer der Auseinandersetzung am Persischen Golf ist nicht absehbar. Wann wird sie die Preise in der Breite und langfristig steigen lassen – und damit die Konsumlaune weiter abwürgen?

Eine breite und langfristige Teuerung braucht Dauer: Bleibt der Ölpreis in der Größenordnung von 100 Dollar, steigen zunächst Transport-Produktionskosten der Industrie, dann zieht die Inflation an – in der Folge sinkt die Konsumlaune. Das ist aktuell das Kernrisiko für den Neu-Fahrzeugmarkt, sofern nicht weitere Lieferkettenprobleme auftreten.

E-Autos fahren mit Strom – bringen die explodierenden Kraftstoffpreise einen BEV-Schub oder drohen explizite Probleme wegen bestimmter Bauteile, die an der arabischen Halbinsel vorbei transportiert werden müssen?

BEV- und PHEV-Modelle mit hoher Reichweite bekommen durch die Entwicklung sicherlich Rückenwind, sind aber nicht ganz risikofrei. Zunächst verbessern die hohen Spritpreise den EV-Kostenvergleich (Total Cost of Ownership), während die Verbraucher entnervt auf die Tankstellenpreise blicken und ins Grübeln kommen. Gleichzeitig könnten mittelfristig jedoch die Strompreise im Merit-Order-System über Gas/LNG-Schocks ebenfalls steigen. Dazu kommt, dass Lieferkettenrisiken bei den Batterie- und Elektronik-Komponenten nicht zu vernachlässigen sind.

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