Luft zum Federn und Dämpfen

Autor / Redakteur: Christian Bartsch / Dipl.-Ing. (FH) Jan Rosenow

In Oberklasse-Personenwagen und -SUV finden sich Luftfederungen schon seit vielen Jahren. Für die unteren Fahrzeugklassen war sie bislang zu teuer, doch nun bietet Peugeot den Expert mit Luftfederung an.

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In Oberklasse-Personenwagen und -SUV finden sich Luftfederungen schon seit vielen Jahren. Dort ist es ihre Aufgabe, für maximalen Komfort zu sorgen. Gleichzeitig vermindern sie Wank- und Nickbewegungen und dienen als Niveauregulierung.

Vor allem letztere Aufgabe stellt sich nicht nur in Luxusautos, sondern in allen Kombis, Vans und Kleintransportern. In diesen Fahrzeugen muss die Hinterachse oftmals erhebliche Lastdifferenzen verkraften. Hand aufs Herz: Wo wird der Kombi meist beladen – auch dann, wenn er nur mit dem Fahrer besetzt ist? Zwar haben es die Hersteller gelernt, eine befriedigende Abstimmung bei etwa halber Last zu finden. Bei Leerfahrt ist das Vehikel dann zu hart, voll beladen nicht selten zu weich.

Große Lastdifferenzen

Für die unteren Fahrzeugklassen war das komplexe System Luftfederung bislang zu teuer. Erst in jüngster Zeit scheint das Eis zumindest schon mal zu knistern, denn die PSA-Gruppe bietet in den zusammen mit Fiat entwickelten Vans Expert/Scudo für die Hinterachse Luftfedern an. Bei den teuersten Ausstattungsvarianten ist die Luftfederung im Serienumfang enthalten.

Aber auch die größere Boxer/Ducato-Baureihe, die ebenfalls zusammen von Fiat und PSA gebaut wird, gibt es auf Wunsch mit einer Luftfederung. Für die Vans arbeiten die Hersteller mit dem Zulieferer Wabco zusammen, bei den Transportern mit Continental. Beide Zulieferer haben Systeme entwickelt, die relativ einfach sind und dennoch neben erheblich verbessertem Komfort bei jedem Lastzustand für eine Niveauregelung sorgen. »kfz-betrieb« hat sowohl den Fiat Scudo wie den Peugeot Expert bereits mit Luftfederung an der Hinterachse gefahren, ebenso den Fiat Ducato. Gegenüber der reinen Stahlfederung ist das ein echter Fortschritt, der auch für eine Vielzahl konkurrierender Fahrzeuge anderer Hersteller und zumindest für die größeren Kombis wünschenswert wäre.

Wabco bietet das Federsystem in zwei Ausführungen an. Die preiswertere sorgt lediglich für ein konstantes Niveau, während die etwas teurere die Möglichkeit bietet, das Wagenheck zum Beladen entweder abzusenken oder anzuheben. Für den Privatmann reicht das einfachere System sicher aus. Für einen gewerblichen Einsatz ist die Höhenverstellung eine gute Hilfe.

Die Van-Hinterachse

Jede Luftfederung an der Hinterachse setzt eine neue Achskonstruktion mit exakter Führung voraus, welche die normalerweise von Blattfedern geführte Hinterachse ersetzt. Das ist deshalb zu begrüßen, weil die exakte Achs- und Radführung auch die Fahrsicherheit verbessert. Peugeot verwendet für die Vans eine torsionsweiche Stahlblech-Starrachse, die einem Hutprofil ähnelt. Sie wird durch zwei verdrehweiche Längslenker und einen Panhardstab geführt und besitzt einen zusätzlichen Stabilisator.

Beim Stichwort Starrachse sei daran erinnert, dass Mercedes bei der Neuauflage der A- und B-Klasse ebenfalls zu dieser Bauart wechselte, die als Deichselachse ausgebildet ist und von einem Wattgelenk in Querrichtung geführt wird. Denkbar ist jedoch auch eine Verbundlenkerachse – und selbst Doppelquerlenkerachsen lassen sich mit der Luftfederung kombinieren, wenn diese Konstruktion nicht zu teuer wird. Es gibt also viele Möglichkeiten; kein Hersteller ist gezwungen, beim Wettbewerb abzukupfern.

Mit zentralen Stoßdämpfern

Peugeot setzt die Luftfederelemente mit zentralen Stoßdämpfern direkt hinter die Hutprofil-Querverbindung und bietet damit sowohl für die Federelemente als auch für die Stoßdämpfer optimale Bedingungen. Die unteren Aufnahmen für die Federelemente können so niedrig angeordnet werden, dass die Rollbälge nicht in den Laderaum darüber ragen. Außerdem verschaffte man Federelementen und Stoßdämpfern so ausreichende Federwege.

Die Verwendung einer Starrachse hatte genau wie bei Mercedes aber noch einen anderen Vorteil. Bei ihr liegt das Momentanzentrum, jener imaginäre Punkt, um den sich die Karosserie etwa bei Kurvenfahrt zur Seite neigt, relativ hoch. Dadurch können die Stabilisatoren verhältnismäßig „weich“ ausgelegt werden, was dem Federungskomfort zugute kommt. Bei Einzelradaufhängungen, heute üblicherweise an Doppelquerlenkern, liegt das Momentanzentrum hingegen etwa in Fahrbahnhöhe, bei manchen Ausführungen noch darunter. Um die Wankneigung in der Fahrzeuglängsachse zu reduzieren, sind härtere Stabilisatoren notwendig. Und die beeinträchtigen den Federungskomfort, wenn nicht beide Räder einer Achse zugleich einfedern.

Preise dürften sinken

Zur Luftfederung gehört natürlich ein Kompressor und ein Luftspeicher, dazu mindestens ein Niveaufühler. Besser sind zwei, für jede Wagenseite einer. Sie sorgen bereits für einen Wankausgleich.

Continental und Wabco bieten Systeme in unterschiedlich komplizierten Bauarten an. Mit gleich zwei Zulieferern ist aber auch sicher, dass die Preise nicht in den Himmel wachsen. Man darf gespannt sein, welcher Hersteller einen ersten Mittelklasse-Kombi oder -Van mit Luftfederung an der Hinterachse anbieten wird. Die Zuladungen liegen bei diesen Fahrzeugen gelegentlich bereits über 600 Kilogramm. Das überfordert jede Stahlfederung, zumal die Reifen immer breiter und flacher werden und immer weniger zum Federungskomfort beitragen.

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