Lust auf Leistung
„Als Frau startet man immer zehn Meter hinter der Linie.“ Diese Erfahrung machte Monika Lütz vor sechs Jahren. So lange leitet sie das VW- und Audi-Autohaus Auto Schorn in Hennef. Doch die gebürtige Österreicherin ist keine Frau, die vor Schwierigkeiten zurückschreckt. Eher im Gegenteil: Sie packt die Aufgaben an, findet Lösungen und überwindet auch schwere Krisen.
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Mit 22 Jahren lernte die heute 38-Jährige beim Skilaufen in ihrer Heimat Kitzbühel den Mann ihres Lebens kennen – einen Autohändler aus Hennef in der Nähe von Bonn. Noch im selben Jahr zog sie dorthin, allen Warnungen ihrer Familie und Freunde zum Trotz. „Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann ziehe ich das auch durch“, erklärt die Unternehmerin.
Damals hatte sie gerade den Abschluss der österreichischen Wirtschaftsakademie frisch in der Tasche und übernahm gleich die Finanzbuchhaltung im Unternehmen ihres künftigen Ehemannes.
Ein Jahr später war die Hochzeit, weitere vier Jahre später kam Tochter Franziska zur Welt. Das Glück schien perfekt. Doch dann geschah das Unfassbare: Im Oktober 2002 fiel ihr Mann beim Golfspielen „einfach um“. Es war nicht der erste Herzinfarkt, den er erlitt, aber der entscheidende. Er fiel ins Wachkoma und starb im Januar 2004.
Für Monika Lütz änderte sich von einer Sekunde zur nächsten alles: Schon als ihr Mann im Pflegeheim war, übernahm sie die alleinige Verantwortung für das Unternehmen. Sie musste plötzlich die Gespräche mit den Herstellern VW und Audi führen. Sie musste den Mitarbeitern klare Vorgaben machen. Beides tat sonst ihr Mann. Die langen Arbeitstage endeten mit einem Besuch am Krankenbett ihres Mannes, die fünfjährige Tochter an der Hand.
Lütz biss sich durch. Sie wollte den skeptischen Herstellern und Banken beweisen, dass sie die Zügel in der Hand behalten konnte. Nach der Separierung der Marken VW und Audi lehnte Audi zunächst die Zusammenarbeit mit ihr ab. Ein externer Geschäftsführer sollte das Unternehmen leiten.
Der Beirat hilft
Lütz holte sich Hilfe. Sie stellte einen Beirat für das Unternehmen zusammen. „Eine illustre Runde“, wie sie sagt. Dazu gehören unter anderem ein ehemaliger VW-Händler aus Hamburg, der Vorstandsvorsitzende der Hausbank, ein Wirtschaftsprüfer, ein Anwalt sowie der Sohn ihres Mannes aus erster Ehe. In dieser Runde holt sie sich heute noch Rat.
Dennoch dachten nach dem Tod ihres Mannes viele, sie würde zurück nach Österreich gehen. Stattdessen begab sie sich nach der Beerdigung eine Woche in Klausur und dachte darüber nach, wo sie und ihre Tochter ihren Platz im Leben haben. Sie entschied sich für Hennef, für das Unternehmen und für die Mitarbeiter, die ihr treu und engagiert verbunden sind.
Die 76 Mitarbeiter betrachtet sie wie eine große Familie, in der Werte wie Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit und Mitgefühl zählen. „Ich will wissen, wenn die Frau eines Mitarbeiters im Krankenhaus ist oder wenn eines seiner Kinder Kommunion hat.“ Monika Lütz sieht sich als einen aktiven Teil des Autohausgefüges – auch aus einem ganz pragmatischen Grund: „Ein Unternehmen mit 76 Mitarbeitern ist zu klein, um nur Chefin zu spielen.“
Teamarbeit fördern
Lütz gibt die Richtung vor. Beispielsweise in der Verkäuferbesprechung: Die findet jeden Tag morgens eine Stunde lang in der Verkaufshalle statt – im Stehen. Das fördert die Konzentration und hält beweglich, wenn ein Kunde kommt. In dieser Runde kann jeder Verkäufer zu jedem Geschäft seine Meinung äußern. Das trägt zur Teambildung bei.
Wenn Monika Lütz über Auto Schorn spricht, fällt häufig das Wort „Wir“: „Wir haben uns im Service darauf besonnen, was unseren Kunden wichtig ist; wir haben erfreulich positive Erträge; wir haben die Auszeichnung Audi Top-Service-Partner 2008 erhalten; wir streben auch im VW-Service in die Liga der Besten.“ Lütz macht so deutlich, dass bei Auto Schorn jeder seinen Teil zum Unternehmenserfolg beiträgt.
Übrigens: Die 2.000 Euro für den Titel Audi Top-Service-Partner hat das Werkstattteam erhalten. Die gestandenen Männer aus dem Binnenland waren ein Wochenende auf dem Ijsselmeer in Holland segeln. Als Dankeschön haben sie ihrer Chefin eine Bildcollage zusammengestellt, die sie stolz in ihrem Büro aufgehängt hat.
Wer etwas besonders gut macht, soll dafür auch belohnt werden. Nicht umsonst lautet das Firmenmotto „Mitarbeitern Lust auf Leistung machen“.
Unbedingt ausbilden
Besonders am Herzen liegt ihr die Ausbildung. Das Unternehmen hat jedes Jahr rund 15 Auszubildende. Fünf bis sechs davon werden jeweils übernommen. Lütz kennt die Vorurteile vieler Kollegen gegenüber Auszubildenden: zwei Tage die Woche in der Schule, zu teuer und weitere negative Gründe, die sich gegen den Einsatz von Auszubildenden aussprechen. Für sie überwiegen jedoch die Vorteile: „Wir arbeiten in der Werkstatt ja fast schon wie in der Fabrik. Die Handgriffe müssen nahtlos ineinandergreifen. Reibungslos funktioniert das nur bei Mechanikern, die bei uns gelernt haben.“
Die Erfahrung hat Monika Lütz gelehrt, dass jedermann ersetzbar sein muss. Daher legt sie schon frühzeitig ein Hauptaugenmerk auf die Nachfolge für ihre zweite Führungsebene.
Nach dem zweiten Platz beim Women‘s Award 2008 hat sich Lütz für dieses Jahr noch weitere ambitionierte Ziele gesetzt. Sie will das Gebrauchtwagengeschäft aktivieren und die Abteilung als eigenständiges Profitcenter führen. Die erste Maßnahme war, die Zukäufe zurückzufahren und weniger Vorführwagen zu halten. Diese Sparmaßnahmen erwiesen sich als effektiv: Ende August hatte Auto Schorn bereits das Jahresergebnis von 2007 erreicht.
Weitere Ziele sind der Ausbau des Nutzfahrzeugbereichs, eine höhere Werkstattauslastung und insgesamt weniger Kosten. Überlegtes Handeln hat hier zu einer beachtlichen Anhebung der Eigenkapitalquote geführt – von einem Minus im Jahr 2001 zu 15 Prozent im Jahr 2007.
„Ich möchte etwas bewegen können“, sagt Monika Lütz heute, sechs Jahre nachdem sie so abrupt gezwungen war, die Verantwortung für das Autohaus zu übernehmen. Die zehn Meter hinter der Linie hat sie schon lange aufgeholt.
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