Medien: Audi will inhaftierten Ingenieur ruhigstellen

Autor Christoph Seyerlein

Volkswagen und Audi wollen verhindern, dass der inhaftierte Ex-Audianer Giovanni Pamio noch in diesem Jahr vor Gericht aussagt. Der Hersteller fürchtet offenbar, der Ingenieur könnte Verbrauchern Futter für Klagen liefern. Ab 2018 könnte der Konzern dann eine Verjährung geltend machen.

(Foto: Audi)

Der seit knapp zwei Monaten in München-Stadelheim inhaftierte Ex-Audi-Ingenieur Giovanni Pamio bereitet dem Hersteller offenbar immer mehr Kopfzerbrechen. Nachdem der ehemalige Motorenentwickler der Staatsanwaltschaft München II offenbar detaillierte Angaben zur Rolle von Audi-Führungskräften in der Abgas-Affäre gemacht hat, versucht die VW-Tochter ihn nun offenbar ruhigzustellen.

Wie der Rechercheverbund aus „Süddeutscher Zeitung“, „NDR“ und „WDR“ berichtet, hat Audi Giovanni P. einen Entwurf für eine „Ruhensvereinbarung“ zukommen lassen. Das oberste Ziel des Herstellers dabei: Pamio soll in diesem Jahr keine Aussage vor einem Gericht machen.

Das Kalkül der Ingolstädter ist dabei „sehr durchsichtig“, wie die SZ den Juristen Julius Reiter zitiert. Er vermutet, dass der Hersteller Zeit gewinnen will. Hintergrund des von Audi angepeilten Zeitrahmens sei, dass die Ansprüche der von der Abgas-Affäre betroffenen Autokäufer gegen die Händler von Volkswagen und den Konzerntöchtern bereits Ende 2017 verjähren. Danach wären nur noch Klagen direkt gegen den Hersteller selbst möglich. Dieser erscheint vielen Verbrauchern vermutlich übermächtig, wohingegen die Klage gegen einen Händler eher Erfolg verspricht. Stichhaltige Aussagen Pamios noch in diesem Jahr könnten diese Erfolgsaussichten noch erhöhen und Verbraucher bestärken, schnell gegen VW zu klagen.

Pamio selbst, der wegen des Verdachts auf Betrug in Haft sitzt, klagt beim Arbeitsgericht Heilbronn gegen seine Kündigung bei Audi. Er will am 26. September 2017 dort aussagen. Und seinem Anwalt zufolge hat er keinerlei Interesse, die „Ruhensvereinbarung“ zu unterschreiben. Sollte er vor Gericht klare Angaben zu illegalen Vorgängen bei Audi machen, könnte dies erstmals öffentlich dokumentiert werden und damit Futter für Klagen von Dieselbesitzern liefern. Bis Pamios bereits gegenüber der Staatsanwaltschaft getätigte Aussagen dagegen in einem möglichen Strafprozess öffentlich werden, könnten noch Jahre vergehen.

Audi selbst will sich zu dem Bericht mit Verweis auf das laufende arbeitsgerichtliche Verfahren nicht äußern. Man kommentiere keine Spekulationen, heißt es auch von Volkswagen. Ein interessantes Detail verrät der Konzern aber doch: Bis Ende 2017 werde bei Schadenersatzklagen keine Verjährung geltend gemacht, heißt es. Das lässt zumindest einmal die Vermutung zu, dass es ab 2018 anders aussehen könnte.

Ex-Bundesinnenminister Baum kündigt Klagewelle an

Der bereits erwähnte Anwalt Julius Reiter will Volkswagen damit nicht durchkommen lassen. Und er hat einen prominenten Mitstreiter: Reiter betreibt seine Kanzlei in Düsseldorf gemeinsam mit dem früheren Bundesinnenminister Gerhart Baum. Der 84-Jährige kündigte für den September eine Klagewelle an. Schon jetzt sollen 5.000 Klagen gegen VW bei Gericht anhängig sein.

Auch die Kanzlei Hausfeld, die in den USA bereits erfolgreich gegen VW vorgegangen ist, will den Konzern in Deutschland zur Verantwortung ziehen. Der Haken dabei ist, dass hierzulande anders als in den Vereinigten Staaten keine Sammelklagen möglich sind. Dies will die Kanzlei aber damit umgehen, dass sie sich von 25.000 VW-Käufern deren Schadenersatzansprüche hat abtreten lassen. Diese will Hausfeld offenbar im September als gemeinsame Klage beim Landgericht Braunschweig vortragen.

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