Doch es gab auch Exoten aus dem eigenen Land. Dazu zählten ganz sicher der Sportler Melkus RS 1000. Mit einem auf 51 kW/70 PS gesteigerten Wartburg-Zweitakter waren die flachen Flundern sicher eher zahnlose Tiger, aber dennoch sensationell für die Verhältnisse im sozialistischen Deutschland. Bis zu 165 km/h schnell konnte der Zweitürer werden und die zulässige Höchstgeschwindigkeit in der DDR damit weit übertreffen.
Bevorzugte und Bessergestellte konnten übrigens auch Sechszylinder fahren. Ein Sonderkontingent an Volvo 264 machte es bestimmten Personenkreisen möglich. Damit war man oben angekommen – noch nobler unterwegs zu sein in der DDR grenzte an Unmöglichkeit, wenngleich Einzelfälle dokumentiert sind. So liefen gar Mercedes W116 und Porsche 911 Turbo jenseits des eisernen Vorhangs, eigentlich verpönt als Teufelszeug des kapitalistischen Monsters.
Dann schon eher V8 fahren mit Tatra und Tschaika. Der tschechische Tatra 603 konnte nach Aussortierung in Staatsbetrieben in die Hände von DDR-Bürgern kommen und war dort zu Vor-Wendezeiten vermutlich fast so exotisch wie er heute im restaurierten Osten ist als Fan-Objekt oldtimerverliebter Ostalgiker. Mit einem luftgekühlten Achtzylinder im Heck und vernehmlichem Bollern dürfte er für Aufmerksamkeit gesorgt haben.
Auf dünnem Eis bewegte man sich womöglich im Tschaika. Der eigentlich als sowjetische Staatslimousine vorgesehene Luxusliner sah amerikanischen Straßenkreuzern zum Verwechseln ähnlich und bot auch unter der Haube ein ansehnliches Bild. Hubräume von mehr als sechs Litern aus acht Zylindern befeuerten die teils über 6 Meter langen Gefährte, die ihrerseits jeden erdenklichen Luxus boten von banalen Dingen wie Servolenkung bis zum TV-Gerät. Privatkunden in der DDR konnten die ausladenden Ami-Kopien als Gebrauchtwagen erwerben, mussten sich aber der Gefahr potenzieller Beschimpfungen linientreuer Genossen bewusst sein.
Doch die Wahrscheinlichkeit, ein solches Auto auf öffentlichen Parkplätzen zu treffen, war verschwindend gering. Dafür tummelte sich eine Menge weiterer (aus heutiger Sicht bodenständiger) Fahrzeuge zwischen den einschlägigen Ost-Modellen. Dazu zählten Citroën BX und GSA, Dacia 1300 (Renault 12-Lizenzbau), Fiat 131 sowie Panda, Mazda 323, Peugeot 305 und diverse Saporoshez- wie Zastava-Ausgaben. Sie sorgten immerhin für ein bisschen Farbe im grauen DDR-Autoalltag.
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