Geburtstag Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 – Powerbank auf schwäbisch

Von Steffen Dominsky 4 min Lesedauer

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Zwar nicht so selten wie die Blaue Mauritius, aber dennoch rar: Wer heute den deutschen Big-Block der Siebzigerjahre sein Eigen nennen möchte, muss ordentlich in die Tasche greifen. Das war aber bereits vor 50 Jahren so, als der „Sechsneuner“ auf den Markt kam und für vier Jahre blieb.

Das Spitzenmodell 450 SEL 6.9 der S-Klasse hatte im Frühjahr 1975 Premiere. Hier ein zeitgenössisches Genrefoto am Hafen Port l’Olympia in Nizza. Entsprechend des Preises waren auch einige reiche und oder prominente Personen unter der Käufern. Zu den bekanntesten Besitzern dieses Modells zählen unter anderem die Familie Wiesenthal, Fußballlegende Franz Beckenbauer und Schah Reza Pahlavi, der ehemalige Kaiser von Persien.(Bild:  Mercedes-Benz AG)
Das Spitzenmodell 450 SEL 6.9 der S-Klasse hatte im Frühjahr 1975 Premiere. Hier ein zeitgenössisches Genrefoto am Hafen Port l’Olympia in Nizza. Entsprechend des Preises waren auch einige reiche und oder prominente Personen unter der Käufern. Zu den bekanntesten Besitzern dieses Modells zählen unter anderem die Familie Wiesenthal, Fußballlegende Franz Beckenbauer und Schah Reza Pahlavi, der ehemalige Kaiser von Persien.
(Bild: Mercedes-Benz AG)

Es reicht, wenn man in Mercedes-Oldtimerkreisen „Sechsneuner“ sagt. Dann sieht einen der Gegenüber andächtig an und lauscht dem, was folgt. Verständlich, schließlich war der Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 der Baureihe W 116 wie er mit vollen Namen heißt, der Zenith der deutschen und damit fast der weltweiten Automobilevolution zu dieser Zeit – zumindest im Segment der Limousinen. Mehr ging einfach nicht vor 50 Jahren. Genau so wie sein Vorgänger, der Sechsdreier (offiziell: 300 SEL 6.3) der Baureihe W 108, zog der Sechsneuner bei seiner Vorstellung vor 50 Jahren die Fachpresse in seinen Bann. Und natürlich die Kunden: Wer sich den leisten konnte und wollte, der hatte es geschafft. Und nicht nurr Unternehmen legten sich einen zu, auch einige Formel-1-Champions der damaligen Zeit hatten einen 450 SEL 6.9 als Privatfahrzeug in der Garage stehen.

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„Der 450 SEL 6.9 ist die Topausführung der damaligen S-Klasse und daher schon immer sehr begehrenswert. Auch viele Prominente haben einen besessen, Leistung und Luxus sind eine faszinierende Kombination“, weiß Patrik Gottwick, Leiter Fahrzeughandel Mercedes-Benz Heritage GmbH. Entsprechend konstant hoch ist die Nachfrage im Klassikermarkt. Das spiegelt auch die Preisentwicklung der vergangenen Jahre wider: Für ein Fahrzeug der Zustandsnote 1 notiert Classic Data 2015 einen Durchschnittspreis von gut 50.000 Euro – heute, zehn Jahre später, sind es bereits über 80.000 Euro. Besondere Fahrzeuge erzielen problemlos mehr als 90.000 Euro. „Daher sollte man bei guten Fahrzeugen unbedingt zugreifen. Wie stets gilt dabei die Maxime: Das bessere Auto ist fast immer der bessere Kauf. Ideal ist eine nachweisbare Wartungs- und Reparaturhistorie von einem Mercedes-Benz Classic Center oder einem Mercedes-Benz Classic-Partner“, sagt Gottwick.

Ein W 116 zum Preis von zwei W 116

Die Baureihe 116 trägt als erste Generation der Mercedes-Benz Oberklasse den Namen S-Klasse. Sie wurde im September 1972 vorgestellt und erhielt zahlreiche Preise. Dazu gehörte die Wahl des 450 SE zum „Auto des Jahres“ 1974. Im Mai 1975 rundete der 450 SEL 6.9 die Modellpalette nach oben ab, die Pressefahrvorstellung fand in Le Hohwald im Elsass statt. Die Medien waren begeistert und lieferten Schlagzeilen wie „Das beste Auto der Welt“ oder „Die schnellste Limousine der Welt“. Denn im Straßenverkehr der 70er-Jahre gehört der Sechsneuner mit einer Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h zu den ganz schnellen Fahrzeugen. Auch die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 7,4 Sekunden erreichen oder übertreffen Mitte der 1970er-Jahre nur sehr leistungsfähige Sportwagen.

Der 450 SEL 6.9 hat für Mercedes-Benz-Verhältnisse von Haus aus eine sehr umfangreiche Serienausstattung. Stets an Bord sind zum Beispiel Klimaanlage, Zentralverriegelung, Tempomat, elektrische Fensterheber, Scheinwerferreinigungsanlage, Velourspolster und Automatiksicherheitsgurte sowohl an den Vordersitzen wie auch im Fond. Auf den rückwärtigen Sitzen hat man besonders viel Platz. Denn das Topmodell der Baureihe 116 wird ausschließlich als Langversion ausgeliefert, und die zusätzlichen 100 Millimeter kommen den Passagieren im Fond zugute. Zu den Ausstattungsoptionen gehören das elektrische Schiebedach (987,90 DM) oder das – damals extrem seltene – Autotelefon Becker AT 160 S (13.542 DM). Die Preisliste Nr. 16 vom 28. Januar 1976 führt 69.930 DM als Grundpreis für das Spitzenmodell der S-Klasse auf. Damit kostet der 450 SEL 6.9 mehr als doppelt so viel wie der 280 SEL, die Einstiegsmotorisierung der Baureihe 116 mit langem Radstand.

Daran erkennen Sie einen Echten

Woran man äußerlich den Sechsneuner erkennen kann – abgesehen vom Typenschriftzug auf dem Kofferraumdeckel? An drei Merkmalen: Unterhalb des Kühlers hat er eine halbmondförmige Staublende, die den Luftdurchfluss für den leistungsstarken Motor erhöht. Er rollt(e) auf Breitreifen in der Dimension 215/70 VR 14 – die anderen Achtzylinderfahrzeuge der Baureihe 116 haben 205/70 HR 14 und die Sechszylindermodelle 185 HR 14. Am Heck weist ein größerer Durchmesser der Doppelrohr-Auspuffanlage auf die Spitzenlimousine hin. Die charakteristischen Aluminium-Schmiederäder von Fuchs gehören entgegen einer verbreiteten Einschätzung nicht zur Serienausrüstung dieses Fahrzeugs: Auch für den 450 SEL 6.9 sind sie als Sonderausstattung in der Preisliste mit 1.554,00 DM verzeichnet.

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Der Motor vom Typ M 100 (E 69) entstand auf Grundlage des V8-Motors des legendären Repräsentationsfahrzeugs Mercedes-Benz 600 (W 100). Bei gleichem Hub wird die Zylinderbohrung von 103 Millimetern auf 107 Millimeter vergrößert, so hat der 450 SEL 6.9 großzügige 6.834 Kubikzentimeter Hubraum. Dieser M 100 leistet 210 kW (286 PS) bei 4.250/min und erreicht sein maximales Drehmoment von 550 Newtonmetern schon bei 3.000/min. Das Dreigang-Automatikgetriebe entspricht grundsätzlich dem der Achtzylindermodelle mit 4,5 Litern Hubraum, ist jedoch der höheren Leistung und dem stärkeren Drehmoment der Sechsneuner angepasst.

Sparen – aber nur im Detail

In puncto Wartungskosten führt der 450 SEL 6.9 verschiedene Stärken ins Feld. So macht der hydraulische Ventilspielausgleich Nachstellarbeiten überflüssig. Dank einer neu entwickelten Zylinderkopfdichtung entfällt das sonst übliche Nachziehen der beiden Zylinderköpfe. Und die Trockensumpfschmierung ermöglicht nicht nur einen tiefen Motoreinbau, sondern auch Ölwechselintervalle von 15.000 Kilometern. Bei der Federung beschreitet Mercedes-Benz im 450 SEL 6.9 einen neuen Weg.

Statt der Luftdruckfederung des 184 kW (250 PS) starken 300 SEL 6.3 (W 109) erhält das neue Spitzenmodell eine Hydropneumatik mit hydraulischer Niveauregulierung. Vier Federelemente übernehmen zusätzlich die Aufgabe der Stoßdämpfer. Eine Druckölanlage gleicht das Ölvolumen in den Federbeinen aus. Das führt zu einem konstanten Fahrzeugniveau, immer steht der volle Federweg zur Verfügung.

Vom 450 SEL 6.9 wurden zwischen Februar 1975 und September 1980 genau 7.380 Fahrzeuge gebaut. Für diesen Typ hat Mercedes-Benz Classic-Original-Teile diverse Ersatzteile im Angebot. Dieses reicht vom Ein-Aus-Schalter der Klimaanlage (Artikelnummer A 000 820 79 10) für 17,47 Euro bis zum spezifischen Lenkgetriebe (Artikelnummer A 116 460 12 01) für 3.756,20 Euro (Preise inklusive Mehrwertsteuer). Auch wichtige Teile für die Motorrevision sind verfügbar, betont der Hersteller.

 

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