Die Heide mitten in Schwaben
Für Langzeitversuche besonders wichtig ist die Möglichkeit, die Steilkurve an ihrem oberen Rand mit einer Freihandgeschwindigkeit von 150 km/h zu befahren. Dann nämlich treten keine Seitenkräfte am Reifen auf, und das Fahrzeug bleibt auch ohne Lenkimpuls im Kurvenverlauf. Der Fahrer wird dabei noch immer mit dem 3,1-fachen seines Körpergewichts in den Sitz gepresst.
Für die Dauererprobung unersetzlich ist auch die „Heidestrecke“. Dieser Schlechtwegeparcours in Untertürkheim bekommt seinen Namen, weil er maßstabsgenau einer besonders schlechten Straße in der Lüneburger Heide der frühen 1950er-Jahre nachgebaut wird. Hier sowie auf anderen Waschbrett-, Rüttel- und Schlaglochstrecken fährt Mercedes-Benz Dauererprobungen für Neuentwicklungen. Diese Tests sind für die Fahrer derart belastend, dass sie im zweistündigen Turnus abgelöst werden müssen. Ergänzt werden diese Strecken durch extreme Verwindungsstrecken für Nutz- und Geländefahrzeuge und Sprunghügel zum Erreichen extremer Federstellungen.
Der Erprobung der Fahrsicherheit bei widrigem Wetter dient die 34 Meter lange Seitenwindstrecke. An ihr sind 16 Turbinen installiert, die seitliche Böen mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h erzeugen. Eine weltweite Premiere ist die vom damaligen Versuchschef Rudolf Uhlenhaut eingeführte Wedelstrecke. Auf diesem Parcours werden die Fahrwerke bei hoher Geschwindigkeit und abrupten Fahrbahnwechseln auf ihre Fahrstabilität hin getestet. Dabei liefern im Boden verlegte Messschleifen elektronische Daten. Sie fließen zusammen mit der Beurteilung des Testfahrers in die Bewertung der Fahrwerksabstimmung ein. Zur exakten Analyse werden die Tests auch von Anfang an mit Radar, anderen Messverfahren und auf Film aufgezeichnet.
Auch nach dem Abschluss der umfassenden Erweiterung vor 50 Jahren wird das 8,4 Hektar große Testgelände mit seinen 15,5 Kilometer verschiedener Versuchs- und Prüfstrecken immer wieder neuen Bedingungen angepasst. Beispielsweise entsteht eine Strecke mit Flüsterasphalt zur Geräuschmessung. Diese kontinuierliche Aktualisierung macht die Einfahrbahn in Untertürkheim bis heute zu einem wichtigen Entwicklungswerkzeug für neue Technologien und Fahrzeuge.
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