Mercedes-Benz W 123: Marathon-Sternträger

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Die billigsten Mercedes-Typen 200 und 200 D begannen bei Preisen von knapp 19.000 Mark, also auf dem Niveau von BMW 520, Volvo 244 oder gut ausgestatteten Ford Granada 2.0. Auch die anderen Vierzylinder mit Stern (230, 220 D und 240 D) waren nicht wesentlich teurer. Keine Überraschung also, dass Mercedes seine marktbeherrschende Stellung im Taxigeschäft mit dem W 123 weiter ausbaute, aber auch für Privatkunden populärste Marke der oberen Mittelklasse war. Mit einer Sensation machten die Schwaben erst Schlagzeilen, als die 123er in allen Karosserievarianten, also mit Coupé, Kombi T-Modell und Limousine mit langem Radstand verfügbar waren: Im Jahr 1980 musste der traditionelle Tabellenführer VW Golf erstmals Mercedes den Königsthron des meistverkauften deutschen Autos überlassen.

Tatsächlich hatte Mercedes kurzzeitig sogar ein praktisches Karosseriekennzeichen der Kompaktklasse für seine Erfolgsmodelle erwogen: Eine Fließheckvariante, auf die dann aber 1977 zugunsten des ersten Mercedes-Kombis aus Werksproduktion verzichtet wurde. Erst dieses im neuen Werk Bremen gebaute T-Modell („T“ steht für Tourismus und Transport) machte die Laster endgültig lifestylefähig, weshalb Audi (1983) und BMW (1985) schließlich nachzogen. Noch einen mutigen Meilenstein setzte Mercedes im Jahr 1977. Kaum waren die eleganten Hardtop-Coupés 230 C, 280 C und 280 CE eingeführt, ergänzte der 300 CD als weltweit erstes Selbstzünder-Coupé in Großserie das Programm. Zur Enttäuschung vieler europäischer Coupé-Liebhaber gab es den 59 kW/80 PS-Fünfzylinder allerdings nur in den USA. Dort verfolgte diese Diesel-Offensive das Ziel, den Flottenverbrauch von Mercedes auf die gesetzlichen Vorgaben zu reduzieren.

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In Europa zählte dagegen vor allem Leistung, wie sich auch in Vergleichstests bestätigte, wo der Mercedes 280 etwa dem BMW 528 trotz größeren Komforts unterlag. Wichtiger waren den Fachleuten die besseren Fahrleistungen des BMW. Die Tuningbranche wusste die Angebotslücke zu nutzen, denn AMG, Brabus oder Lorinser schärften die 123er motorisch nach. Mercedes selbst beendete 1977 eine selbstauferlegte 22-jährige Motorsportpause und schickte mehrere seriennahe 280 E auf die 30.000 Kilometer lange Marathon-Rallye von London nach Sidney. Das Ergebnis: Plätze eins, zwei, sechs und acht.

Ganz in Beschaulichkeit übten sich dagegen die Piloten des Ölbrenners 200 D. Endlose 31 Sekunden benötigte der Diesel bis die Tachonadel die 100-km/h-Marke passierte. Als Belohnung für die Geduld gab es einen Weltrekord in Sparsamkeit. 8,3 Liter Diesel auf 100 Kilometer lautete der Normwert. Meistverkaufter Selbstzünder war jedoch der 240 D, dessen Langlebigkeit Legende war. Eine halbe Million Kilometer waren für den 48 kW/65 PS leistenden Vierzylinder fast schon Pflicht.

Nicht nur in Limousine und T-Modell, sondern auch in der 1977 lancierten Langversion, die über einem um 63 Zentimeter vergrößerten Radstand verfügte. Hotels schätzten diese mit dritter Sitzreihe lieferbare Limousine ebenso wie Staatsführungen, die den langen Benz als relativ billige Repräsentationslimousine einsetzten. Dann aber eher als Sechszylindertyp 250 oder 300 D.

Damit war die Modellpalette des 123ers übrigens noch nicht komplett. Nicht vergessen werden dürfen die Fahrgestelle für Pick-Ups, Krankenwagen, Bestattungsfahrzeuge und andere Sonderaufbauten, die diesen Mercedes vielseitiger machten als alle seine Vorgänger. Zwei Modellpflegen und motorische Aktualisierungen genügten, um die mittelgroße Mercedes-Familie frisch zu halten. Ende 1984 hatte der vorgestellte Nachfolger W 124 dann seine zahlreichen Kinderkrankheiten auskuriert. Wahrscheinlich war es auch diesem etwas unglücklichen Auftakt der neuen Generation von 200 D bis 300 E zu verdanken, dass der W 123 seinen Nimbus als Mercedes aller Mercedes festigen konnte.

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