Automobil und Geschichte Nachts in Lübeck: Das rollende Museum von OCC

Von Steffen Dominsky 5 min Lesedauer

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Wird alles klappen? Wie werden die automobilhistorischen Taxis beim Publikum bzw. den Besuchern der Lübecker Museumsnacht ankommen? Bange Fragen und Momente für die Organisatoren, doch am Ende war es ein Augen- und Ohrenschmaus für alle Beteiligten, der jeden Aufwand wert war.

Das „rollende Museum“ des OCC bei seinem ersten Einsatz in Lübeck. Im Bild ein Deutsch-deutsches Treffen: Trabant Kombi und BMW 840 CI.(Bild:  OCC)
Das „rollende Museum“ des OCC bei seinem ersten Einsatz in Lübeck. Im Bild ein Deutsch-deutsches Treffen: Trabant Kombi und BMW 840 CI.
(Bild: OCC)

Es war eine Rechnung, die aufging: Während der Lübecker Museumsnacht am 31. August hatten Ticketinhaber die exklusive Möglichkeit, sich kostenlos zwischen dem Europäischen Hansemuseum und dem Marktplatz in einem Oldtimer chauffieren zu lassen. „Überall sah man staunende und fröhliche Gesichter“, bringt Dorian Rätzke vom Oldtimer-Spezialversicherer OCC die Stimmung auf den Punkt. Erleichterung machte sich bei ihm und den Kolleginnen und Kollegen breit. Ein ganzes Jahr lang hatten sie an der Organisation des Events gearbeitet. Julika Roose (Marketing-Abteilung) und Julia Keebingate (Office-Management) verhandelten mit der Stadt Lübeck über geeignete Stellflächen für die Klassiker, kümmerten sich um Catering und Technik, buchten die Moderatoren, kontaktieren die Oldtimer-Besitzer und koordinierten minutiös den Ablauf des Abends.

„Ist der schnell?“

Das Rollende Museum von OCC gehörte zu den größten Attraktionen auf der Lübecker Museumsnacht 2024. 29 Oldtimer (von Trabant 601 Deluxe über Ford Modell A Roadster bis Porsche 911 G-Modell) kutschierten die Besucher des Kulturevents sechs Stunden nonstop durch die Lübecker Altstadt. Diesen kostenlosen und exklusiven Shuttle-Service nutzten etwa 1.000 Gäste, die mehr als begeistert waren. Wer wollte, konnte sich sogar wie ein Mitglied des englischen Königshauses fühlen und mit einem Roll-Royce Corniche Cabrio durch die Nacht befördern lassen.

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Gegen 16.30 Uhr trudelten bei strahlendem Sonnenschein im Fahrerlager am Hansemuseum die ersten Klassiker ein – knatternd (Trabant), majestätisch-lautlos gleitend (Rolls-Royce), hysterisch fauchend (Ferrari) oder gemütlich bollernd (Ford Thunderbird). Die ungewöhnliche Geräuschkulisse lockte erste Besucher zum Fahrerlager. Georg Wulf (6) steht staunend vor einem Ferrari 360 Modena F1: „Ist der schnell?“, fragt er Besitzer Armin van Dijk. Der lacht: „Ja klar, willst du mal den Motor sehen?“ Dann hebt er den Knirps hoch, um ihm das 400 PS starke V8-Mittelmotor-Triebwerk im Heck des Boliden (knapp 300 km/h schnell) zu zeigen.

Lübecks Bürgermeister im Thunderbird

Mehr als 80 Jahre älter als der Ferrari ist der Ford Model T Speedster von Georg Sewe – Baujahr 1919. 10 Jahre „jünger“ zeigt sich der Ford Modell A Roadster (Baujahr 1929) von Eberhardt Lau aus Hamburg. Er erzählt stolz: „Der grüne Lack ist der Original-Lack von 1929.“ Aufsehen erregte der 1960er Ford Thunderbird in Gray Gun Metallic von Stefan Steading, der das 5,21 m lange und 1,8 Tonnen schwere Cabrio erst vor 3 Jahren erwarb: „Die Erstzulassung war in Frankreich, dann war er in Belgien registriert, dann in den Niederlanden…“ Zu den ersten Thunderbird-Passagieren der Museumsnacht gehört Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau. Er nimmt mit seinem Sohn auf den bequemen Rücksitzen des mächtigen Donnervogels Platz, der gelassen blubbernd dank 352 cui V8 Aggregat (5,8 Liter Hubraum, 300 PS) vom Marktplatz rollt.

„Einmal im Leben Ferrari fahren“

Die Schlangen an den Haltestellen des Rollenden Museums wurden im Lauf des Abends immer länger – schnell hatte sich herumgesprochen, hier automobiles Kulturgut selbst einmal testen zu können. Wie funktionierte der Transport? Per Zufall: Der Oldtimer, der gerade frei war und vorn hielt, konnte für eine Gratis-Mitfahrt genutzt werden. Noah Grodtke (18) aus Lübeck hat Glück und steigt in den Ferrari 360 Modena F1 ein: „Einmal im Leben Ferrari fahren, ein Traum geht in Erfüllung.“ Der Sportwagen aus Maranello gehörte zweifellos zu den gefragtesten Shuttle-Fahrzeugen an diesem Abend. Die Klassiker-Besitzer freuten sich über das große Interesse der Museumsnacht-Besucher. Schnell kam man ins Gespräch. Thomas Misch, Eigentümer eines 1986er Mercedes-Benz 420 SE, erzählt von seiner ganz persönlichen Auto-Karriere: „Ich habe noch bei BMW meine Ausbildung gemacht, aber Mercedes hat mir schon immer besser gefallen. Später habe ich selbst Autos verkauft.“

Gute Stimmung im Bus 141

Am Marktplatz warten Silko Reinhardt (16, Schüler) und Justin Koziol (22, Azubi) geduldig in einer langen Schlange auf die Ankunft von Typ O 317 (Baujahr 1959) der Daimler-Benz AG Mannheim: „Wir wollen alte Technik erleben, das heute ist eine einmalige Gelegenheit.“ Der ehemalige Linien-Bus (Wagen 141 „Emma“) war von 1959 bis 1966 beim Stadtverkehr in Lübeck im Einsatz. Jetzt gehört der Bus zum Fundus des Vereins Historischer Stadtverkehr Lübeck e.V. Stefan Boldt (2. Vorsitzender des Vereins) schnappt sich ein Mikrofon und erklärt den Fahrgästen: „Unser Wagen 141 bietet 35 Sitzplätze und hat keine Klimaanlage und keine Heizung. Man ging früher davon aus, dass die Lübecker sich schon gegenseitig wärmen …“ Gelächter im Bus.

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Großes Thema Unterhaltskosten

Im Porsche 911 Carrera 3.2 (Baujahr 1986) von Anton Damsteek funktioniert nicht nur die Heizung einwandfrei, auch die Frontscheinwerfer des G-Modells strahlen in der Museumsnacht besonders hell. „Ich habe LEDs nachrüsten lassen für 160 Euro, so kann man auch bei Dunkelheit viel besser sehen.“ Zu den meistgestellten Fragen der Fahrgäste in der Museumsnacht gehört die nach den Unterhaltskosten von Oldtimern. Jan Hardt, Besitzer eines Mercedes-Benz 280 SE 3.5: „Wenn ich dann sage, dass die Fixkosten gar nicht so hoch sind, staunen alle.“ Warum kommen die Oldies generell beim Publikum so gut an? „Viele empfinden es so, dass die Autos damals noch ein richtiges Gesicht hatten – im Gegensatz zu den doch recht uniform wirkenden modernen Pkw“, glaubt Jan Hardt.

Trabi-Boykott und Klappscheinwerfer

Mit dem kantigen Design des Trabant 601 kann sich eine Dame am Marktplatz nicht anfreunden. Partout weigert sie sich, einzusteigen. Ihr Grund: „Ich bin 18 Jahre lang Trabi gefahren.“ Ein Satz, der auch Marktplatz-Moderator Tom Schwede (erfahrener Streckensprecher bei diversen Oldtimer-Events) zum Schmunzeln bringt: „Das kann ich dann auch wiederum verstehen.“ Weniger Probleme, Mitfahrer zu finden, hat Arian Malek. Sein 30 Jahre alter BMW 840 CI (Baureihe E31) geizt nicht mit gutem Sound (dank V8 und 286 PS), er bietet auch technische Raffinesse (Klappscheinwerfer). „Mit dem Rollenden Museum kommst du schnell mit anderen Menschen ins Gespräch und kannst sie für unser Hobby begeistern. Wirklich ein super Event und eine tolle Idee“, sagt Arian. Dieses Fazit ziehen auch Renate Michelau und Sari Barth aus Lübeck, die im 95 Jahre alten Ford Model A Roadster mitfahren durften: „Das war die Fahrt unseres Lebens!“

Moderations-Marathon und ein großer Wunsch

Gegen Mitternacht ist endlich Feierabend für den Oldie-Shuttleservice. Im Fahrerlager am Hansemuseum beleuchten zwei hellblaue Scheinwerfer die Szenerie. Die beiden Moderatoren des Abends, Ulf Schulz und Tom Schwede, sind heiser und brauchen Kaffee und Wasser. Sie haben über sechs Stunden ununterbrochen den Gästen der Museumsnacht automobiles Kulturgut unterhaltsam nähergebracht, ihre Ansagen mit viel Fachwissen und Anekdoten angereichert. Erschöpft stärken sich die Fahrer, die alle ohne Honorar teilgenommen haben, mit einer heißen Gulaschsuppe. Manch einer hat in dieser Nacht im Oldie noch hunderte Kilometer Rückfahrt nach Hause zu absolvieren. Diesen Stress lässt sich niemand anmerken, stattdessen zufriedene und glückliche Gesichter rundum. Und der vielfach geäußerte Wunsch an OCC: „Im nächsten Jahr bitte wieder!“

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