Museums-Highlight Neuer ältester Horch

Von Steffen Dominsky 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Ein Horch 14-17 PS Tonneau, vor 120 Jahren erstmals gebaut, ist jetzt als kompletter Nachbau dem August Horch Museum in Zwickau übergeben worden. Der bislang älteste Wagen in diesem stammt aus dem Jahr 1911.

Anders als das inzwischen reichlich marode Horch-Werk erstrahlt der Nachbau des Horch 14-17 PS Tonneau im frischen Glanz. Von den einst gut 50 gebauten Exemplare hat leider keines die Zeit überdauert. Über 90 Firmen, die meisten aus Sachsen, haben an der Replik mitgearbeitet.(Bild:  ©Stefan Warter)
Anders als das inzwischen reichlich marode Horch-Werk erstrahlt der Nachbau des Horch 14-17 PS Tonneau im frischen Glanz. Von den einst gut 50 gebauten Exemplare hat leider keines die Zeit überdauert. Über 90 Firmen, die meisten aus Sachsen, haben an der Replik mitgearbeitet.
(Bild: ©Stefan Warter)

Gut Ding will Weile haben, weiß der Volksmund. Das trifft auch auf ein ganz besonderes Projekt zu. Nämlich dem des Nachbaus des Horch 14-17 PS – des ersten Horch-Wagens made in Zwickau Denn die beiden ältesten Autos aus der Anfangszeit des Automobilbaus in Zwickau in der Dauerausstellung des August Horch Museums (AHM) sind ein Horch Phaeton und ein Audi Typ B – beide aus dem Jahr 1911. August Horch hatte aber in Zwickau nach Köln-Ehrenfeld (1899) und Reichenbach im Vogtland (1902) bereits 1904 sein drittes Werk, die „August Horch & Cie. Automobilwerke Zwickau“ gegründet. Doch aus dieser Zeit hat kein Fahrzeug überdauert. Und so kam es, dass die jährlich stattfindende Mitgliederversammlung des Museumsfördervereins im April 2012 auf die Idee kam, diesen Malus zu beseitigen. Konkret: Es fiel der Startschuss für das durchaus anspruchsvolle Vorhaben, einen, soweit als möglich, originalen Nachbau eines Horch 14-17 PS auf Räder zu stellen, der zudem aus eigener Kraft fahren sollte. Auch die damaligen technischen Fertigungsmöglichkeiten, eingesetzten Werkstoffe und die damaligen Technologien sollten Beachtung finden.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 7 Bildern

Aus dem Team „Nachbau eines AU-Rennwagens Typ C“, das von 2004 bis 2011 als lenk-, roll- und bremsbares Exemplar ohne Motor und Getriebe für die Dauerausstellung des Museums entstanden ist, ging die Kernmannschaft für das Team „Horch-Nachbau“ hervor. Es bestand aus erfahrenen Automobilkonstrukteuren aller Gewerke, Technikern, Technologen, Logistikern, Finanzmitarbeitern usw. Als Kooperationspartner konnten zunächst die Westsächsische Hochschule Zwickau, die IAV GmbH und als erster Sponsor der ADAC gewonnen werden. Inzwischen haben über 35 Studenten und Mitarbeiter der Westsächsischen Hochschule insbesondere Bauteile/-gruppen für den Motor, die Achsen, das Getriebe, die Bremsen und den Vergaser unter der Anleitung der erfahrenen Konstrukteure über Beleg- und Diplomarbeiten aufgearbeitet. Dabei haben die Studenten von den „Alten“ z. B. den Umgang mit Passungen und Toleranzen und die gestandenen Konstrukteure von den „Jungen“ das Konstruieren am Rechner mit Catia gelernt – eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Alle möglichen Quellen für Informationen angezapft

Auch Auszubildende, z. B. des Bildungsinstituts von VW, aber auch anderer Firmen, haben über mehrere Ausbildungsjahre und unter Anleitung der Lehrausbilder an der Fertigung von Einzelteilen und Baugruppen mitgewirkt. Ziel einer am Anfang stehenden Studie/Recherche war die Suche nach möglichen Originalteilen oder Fragmenten, Ersatzteilen und Zubehör zum Fahrzeug. Recherchen zu vorhandenen Teilen aus der damaligen Zeit führten trotz weitgreifender Anfragen bei Horch-Besitzern, dem Horch-Club und einschlägig bekannten Restauratoren jedoch ins Leere. Recherchiert wurde auch in historischen Zeitungen wie dem „Motorwagen“, der „ATZ“, alten Journalen zum Maschinenbau und der Fertigungstechnik der Zeit nach 1900 bis in die Zwanzigerjahre. Auch historische Bücher der Zeit um 1890 bis 1930 wertete man aus und zog auch einschlägige Historiker und Fachexperten aus der Restauration hinzu.

Im Ergebnis dieser Recherchen standen die Erkenntnisse,

  • dass es ohne Neuentwicklung und Neukonstruktion unter Beachtung der damaligen Fertigungsmöglichkeiten und alten Prinzipien nicht möglich ist, ein solches Auto wieder zum Leben zu erwecken,
  • dass man ein Team aus Konstrukteuren, Technologen, Teilebeschaffern, Geldgebern und begeisterten Mitwirkenden aus vielen Gewerken braucht, um das Ziel zu erreichen und
  • dass der Förderverein diese Aufgabe nur mit Kooperationspartnern, Spendern, Sponsoren für Sachleistungen und finanzieller Unterstützung schaffen kann.

Horch 14-17 PS

Karosserie: Tonneau offen

Motor: 4-Takt Otto; Wechselsteuerung

Nockenwelle seitlich, Fahrtrichtung links am Motorgehäuse

Zylinder 4 – paarweise gegossen, (Bauart Sackzylinder)

Bohrung x Hub: 120 x 83 mm

Hubraum: 2.722 cm³

Kurbelwelle geschmiedet, 3-fach gelagert

Gemischbildung: Spritzdüsen-Steuerkolben Vergaser Patent Horch,

manuelle Luftregulierung

Kühlung: „Bienenwaben“-Kühler, Wasserpumpe, Lüfterrad

Kupplung: Bauart Konus mit 2 Zugfedern

Radstand: 2.180 (auch 2.630) mm

Spurweite: 1.300 mm

Vorderachse: starre Gabelachse, mittig durchgebogen; 2 Halbelliptik-Federn

Lenkung: Schraubenspindel mit schräg gestellter Lenksäule

Fahrbremse: mech. Zangen-Klotzbremse, Bronzeklötze am Getriebeausgang

Hinterachse: Gussachse geteilt, Stirnrad-Planeten-Ausgleichsgetriebe

Handbremse per Bowdenzug auf innen liegendes Hinterrad-Außenband wirkend

Räder: Holzspeichen mit Stahlwulstring; H-Rad mit Bremsring innen

Bereifung: v/h Pneumatix; 815 x 105/820 x 120

Über 90 Firmen am Nachbau beteiligt

Das Team arbeitete einerseits an den Unterlagen für die Fertigung von Einzelteilen und Baugruppen, andererseits waren Teamkollegen mit der Beschaffung von Normteilen und mit der Erschließung von Fertigungskapazitäten und der Beschaffung von Finanzmitteln befasst. Es gelang ihm, über 90 Firmen, vom Dorfschmied bis zum OEM (Audi, VW, Mercedes u. a.), vom mittelständigen Unternehmen bis zum Großbetrieb, für das Dabeisein zu begeistern. Das Auto zeigt folgende Besonderheiten, die an keinem anderen Fahrzeug im Museum zu sehen sind:

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung
  • Bienenwabenkühler (auch Luftröhrenkühler genannt)
  • Einstieg über Tür hinten im Fond des Kutschenaufbaus
  • Handbremse als Bandbremse an den Hinterrädern
  • Fußbremse als Fahrbremse (Klotzbremse/Bronzeklötze als Zangenausführung) am Ausgang des Getriebes
  • Wechselsteuerung des Motors (Einlassventil hängend/Auslassventil stehend)
  • Spritzdüsen-Steuerkolben-Vergaser Patent Horch zur Gemischbildung
  • Kraftstoff-Förderung und Motorölschmierung durch Auspuffdruck

Die danach folgenden Baugruppen wurden statt nacheinander in der Realisierung infolge langlaufender Teile und Baugruppen parallel bearbeitet. Die Baugruppen wurden nach und nach gefertigt und „Langläufer“, wie das Getriebe, die Karosserie, Lackierung, vorrangig in die Fertigung gesteuert. Im August 2018 zum Stadtjubiläum wurde den Zwickauer Bürgern und den Gästen das Auto mit dem gerade vom Stellmacher fertig gewordenen Kutschenaufbau präsentiert. Ab Mitte 2020 stand der Wagen in der Sonderausstellung zur 4. Sächsischen Landesausstellung zur Industriekultur „BOOM“. 2021 wurde der neu aufgebaute Motor für den Horch im Motorprüflabor der WHZ in Betrieb gesetzt und am 17. Juni 2022 wurde er eingebaut und zur festlichen Mitgliederversammlung des Vereins erstmals vor Publikum mittels Andrehkurbel gestartet. Zum Gelingen des Sommerfests 2023 des VSW in Radebeul konnte der Horch die ersten erfolgreichen Probefahrten absolvieren. Am 3. Juli wurde der neue alte Horch von seinem Förderverein offiziell dem Museum übergeben.

(ID:50086952)