Noble Autos: Gut, teuer, erfolgreich

Redakteur: Johannes Büttner

Während die meisten Autofahrer über explodierende Mobilitätskosten klagen, finden exklusive Luxuskarossen ihre Käufer. Ein Beispiel sind die Sportwagen aus der Manufaktur Wiesmann.

Die Automobilbranche hat schon bessere Zeiten gesehen: Hohe Energie- und Spritpreise sorgen im Moment dafür, dass den meisten Menschen der Euro nicht gerade locker sitzt. Nach Ansicht der Ökonomen wird sich daran langfristig auch wenig ändern. Kleinere, sparsame und vor allem billigere Autos gelten als weltweites Erfolgsmodell der Zukunft. Daneben boomt noch ein Segment, wenn auch auf einem deutlich niedrigeren Niveau: Nobelkarossen, für die der Kunde über 100 000 Euro auf den Tisch blättern darf, finden immer größeren Absatz.

Finanzstarke Käufer investieren eine Menge Geld in ihr edles Fahrzeug. Dafür erwarten sie neben herausragender Qualität auch ein gutes Stück Exklusivität. Wer einen Maybach, Rolls-Royce oder Bentley steuert (bzw. steuern lässt), fällt auf; allein schon deswegen, weil die Fahrzeuge in extrem niedriger Stückzahl hergestellt werden. Rolls-Royce feierte 2007 einen Rekordabsatz: 1 010 Phantom-Modelle verkaufte die britische Traditionsmarke im letzten Jahr. Damit überschritt sie erstmals seit der Übernahme durch BMW die Tausender-Grenze.

Eine andere britische Luxusmarke unter deutschem Dach – die VW-Tochter Bentley – verkaufte letztes Jahr weltweit insgesamt 10 000 Autos – ebenfalls ein Rekord. Zum Jederman-Wagen drohen die Fahrzeuge deshalb noch lange nicht zu verkommen. Vom stärksten Modell der Marke, dem Brooklands, sollen insgesamt nur 550 Exemplare gebaut werden.

In noch kleineren Dimensionen als die Marken mit der langen britischen Tradition und dem großen deutschen Kapital im Rücken denkt ein Autobauer aus Westfalen: Noch keine 1 000 Fahrzeuge hat die Sportwagen-Manufaktur Wiesmann aus Dülmen in ihrer 20-jährigen Geschichte verkauft.

Eine Geschichte wie aus dem Märchen

Die Historie von Wiesmann klingt ein bisschen wie aus dem Märchen: Es waren einmal zwei autobegeisterte Brüder, Martin und Friedhelm, die träumten seit ihrer Jugend von einem ganz besonderen Sportwagen. 1985 besuchten sie die Essen Motor Show und waren enttäuscht; kein einziger der dort ausgestellten Sportflitzer konnte sie so richtig begeistern. So beschlossen sie, ihren Traum zu verwirklichen und einen Sportwagen mit nostalgischem Design und moderner Technik zu konzipieren.

In den folgenden Jahren bauten die Brüder Wiesmann einen selbst entwickelten Sportwagen, der die traditionellen Werte eines puristischen Roadsters verkörpert: ein Zweisitzer mit Stoffverdeck, langer Motorhaube, kurzen Karosserieüberhängen und kleinem Kofferraum, nur mit den notwendigsten Instrumenten ausgerüstet und kräftig motorisiert. Beim Herzen des Sportwagens setzten die Wiesmanns auf bewährte Qualitätsprodukte: Für Motor, Getriebe und Bremsen verwendeten sie BMW-Module.

Zunächst gingen die beiden Tüftler weiterhin ihren Berufen als Geschäftsführer und Mitinhaber einer Bekleidungsfabrik (Friedhelm Wiesmann) bzw. als Ingenieur in der Pumpenentwicklung (Martin Wiesmann) nach und betrieben den Sportwagenbau parallel zu ihren eigentlichen Jobs. 1988 stellten sie dann ihren Prototypen vor und fanden schnell Interessenten. Sie verkauften im Rahmen der Präsentation acht Fahrzeuge – die es noch gar nicht gab. Die Jungunternehmer, die nun ihre ursprünglichen Berufe aufgeben mussten, rechneten mit einer Lieferzeit von zwei Jahren. Es wurden fünf. 1993 trat der erste Kunde aufs Gaspedal seines neuen Wiesmann-Roadsters.

Außergewöhnliche Ideen im Marketing

Die Brüder steckten einen erheblichen Teil ihres Privatvermögens in die Entwicklung des Sportwagens, für Werbung hatten sie kein Budget übrig. Doch erwiesen sie sich auch hier als erfinderisch: Während eines Tennis-Turniers in Hamburg buchte sich Friedhelm Wiesmann in dasselbe Hotel ein, in dem auch die Tennisstars nächtigten. Gegen ein Extra-Trinkgeld parkte der Portier den Roadster direkt vor dem Hoteleingang, und es dauerte nicht lange, bis der außergewöhnliche Zweisitzer die Aufmerksamkeit der Prominenz auf sich zog. Wiesmann war dann „zufällig“ vor Ort, um das Fahrzeug vorzustellen und eine Probefahrt anzubieten.

André Agassi, Boris Becker und Pete Sampras nutzten das Angebot und sorgten damit für Aufsehen in den Medien. Man sprach über den besonderen Sportwagen, Testberichte erschienen, neue Käufer kamen nach Dülmen. Im ersten Jahr vier, dann acht, dann elf, dann 18.

In diesem Jahr wird Wiesmann voraussichtlich 250 Fahrzeuge der Modelle Roadster, GT MF 4 und GT MF 5 produzieren. Während die beiden erstgenannten sich preislich um die 100 000 Euro bewegen, rundet das neue Modell MF 5 das Sortiment ab – und zwar nach oben: Er ist für rund 180 000 Euro bei einem der weltweit 23 Wiesmann-Händler zu haben.

„Im oberen Segment der Sportwagen erwarten wir weiterhin ein hohes Wachstum“, begründet Martin Wiesmann diesen Schritt. Auch eine zweite Roadster-Variante will seine Firma auf den Markt bringen und damit die Produktion mittelfristig auf insgesamt 350 Fahrzeuge jährlich steigern. Einen „Billig-Wiesmann“ schließt er dagegen aus: „Bei unseren niedrigen Stückzahlen können wir keine preiswerteren Autos anbieten.“

Autos nach individuellen Kundenwünschen

Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass jeder Wiesmann ein echtes Unikat ist. Knapp 100 Mitarbeiter bauen in Dülmen in Einzelanfertigung und nach selbst entwickelten Konstruktionsplänen Sportwagen. Den Gestaltungswünschen der Kunden sind kaum Grenzen gesetzt. Mit Fachkräften in allen Unternehmensbereichen verfügt die Manufaktur über eine hohe Kompetenz in Entwicklung, Kunststoff- und Metallverarbeitung, Elektrik/Elektronik, Sattlerei und Montage.

Wichtigster Markt für Wiesmann-Fahrzeuge ist nach wie vor die Bundesrepublik, gefolgt von Westeuropa. Aber die jungen Märkte in Osteuropa und Asien sowie der Nahe Osten gewinnen zunehmend an Bedeutung. Das schlägt sich in einer Internationalisierung des Vertriebsnetzes nieder, nicht aber in der Produktion. „Wir haben hier unsere Wurzeln und unsere Fachkräfte“, schwört Wiesmann dem Standort Deutschland die Treue.

So bietet sich Auto-Enthusiasten die Möglichkeit, ohne große Anreise mitzuerleben, wie in Handarbeit ein Sportwagen entsteht. Die neue Manufaktur in Dülmen ist sieben Tage die Woche öffentlich zugänglich.

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