Audi Tradition NSU – fahren wie ein Ägypter

Von Steffen Dominsky 3 min Lesedauer

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Ein NSU vom Nil? Im Rahmen eines ungewöhnlichen Projekts exportiert der Neckarsulmer Autobauer den kleinen Prinz ins Land der Pharaonen und nennt in passenderweise Ramses. Doch trotz 13-jähriger Bauzeit bleibt es bei einer Miniserie.

1959 startete die Automobilproduktion in Ägypten. Geburtshelfer waren die Neckarsulmer Motorenwerke die Technikkomponenten ihres Prinz an den Nil lieferten(Bild:  Audi AG)
1959 startete die Automobilproduktion in Ägypten. Geburtshelfer waren die Neckarsulmer Motorenwerke die Technikkomponenten ihres Prinz an den Nil lieferten
(Bild: Audi AG)

Vom Agrarstaat zum Land mit eigener Automobilindustrie: Ägypten verfolgt Anfang der Sechzigerjahre ambitionierte wirtschaftliche Ziele. Im Rahmen eines Aufbauplans will der sozialistische Staat den Wohlstand im Land erhöhen und die Abhängigkeit vom Ausland reduzieren. So will man zahlreiche, bisher importierte Konsumgüter wie zum Beispiel Kühlschränke oder Fernsehgeräte künftig vor Ort in Ägypten selbst herstellen. Auch eine Autoindustrie soll entstehen: Der Bau von Automobilen verspricht Prestige und Beschäftigung. Am Fuße der Pyramiden von Gizeh initiiert der Staat ein kleines, zunächst noch sehr provisorisches Autowerk. Parallel zu den Plänen der ägyptischen Regierung ist man bei NSU auf der Suche nach zusätzlichen Einnahmequellen – da kommt die sich abzeichnende Möglichkeit, Teilepakete des Neckarsulmer Erfolgsmodells Prinz zu exportieren, sehr gelegen.

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Im Frühjahr 1960 treffen Vertreter der ägyptischen Industrie zu Gesprächen in Neckarsulm ein. Ziel ist ein Abkommen zur Lieferung von Fahrgestellen und Motoren des NSU Prinz an die noch junge Egyptian Automotive Company. Beide Parteien werden sich schnell handelseinig: Schon im Juni 1960 liefern die Deutschen die ersten Komponenten ins Land am Nil. Dort entsteht als Erstlingswerk in Handarbeit ein kleiner offener Geländewagen. Der Viersitzer nutzt den Prinz-Motor mit 30 PS und einem Hubraum von 586 Kubikzentimetern. Auf das ebenfalls von NSU gelieferte Fahrgestell wird eine in Handarbeit hergestellte Karosserie aufgesetzt. Auch die Innenausstattung wird aufwendig manuell gefertigt. Da Maschinen und industrietypische Werkzeuge in Ägypten fehlen, entsteht ein recht eigenwillig geformtes Auto, das schon rein äußerlich die damaligen europäischen Standards im Automobilbau kaum zu erfüllen scheint.

Wie aus dem „kleinen Prinz“ ein ägyptischer König wird

Und doch: Im Mai 1961 wird der Wagen in der Wüste auf Herz und Nieren geprüft – und kann überzeugen. Ägypten hat also sein erstes im eigenen Land gefertigtes Auto, das diesen stolz auch im Namen tragen darf. Denn aus dem „kleinen Prinz“ wird im Land der Pyramiden ein König: der NSU Ramses. Die Tagesproduktion bleibt zunächst überschaubar, oft sind es nur drei bis vier Wagen. Die Pläne mit dem kleinen Auto indes sind groß: Die ägyptische Regierung will die Fertigung ankurbeln, sodass in absehbarer Zeit ein Jahresabsatz von 10.000 Stück erzielt wird. Auch weitere Varianten des Ramses kommen hinzu: Zum Geländewagen, der als Typbezeichnung den Zusatz „Utilica“ erhält, gesellen sich bald eine Limousine, ein sportliches Cabriolet sowie Behördenfahrzeuge. Die ägyptische Post zum Beispiel fährt den NSU Ramses in einer Pick-up-Version, die heimische Armee nutzt ihn als Militärgeländewagen.

Im Juli 1973 endet in Neckarsulm die Fertigung des NSU Prinz 4 – und mit ihr auch der Lizenzvertrag mit der unterdessen umfirmierten Egyptian Light Transport Manufacturing Company. Wie viele Teilepakete NSU insgesamt nach Ägypten geliefert hat, lässt sich heute nicht mehr exakt nachvollziehen. Fest steht: Ein großer wirtschaftlicher Erfolg wird der NSU vom Nil – trotz hochgesteckter Ziele – nicht. Gleichwohl hat der NSU Ramses in Ägypten Geschichte geschrieben und auch heute noch einige treue Besitzer, die die Erinnerung an das Auto und seine Historie wach halten. Steht der NSU Ramses doch sinnbildlich für das, was der „ägyptische Traum“ der Sechzigerjahre versprach: eine eigene Automobilproduktion, wirtschaftliche Prosperität und Unabhängigkeit.

 

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