Paradigmenwechsel in der Autoindustrie

Autor / Redakteur: Holger Zietz / Christoph Baeuchle

Märkte und Kunden der Autoindustrie wandeln sich stark. Was auf die Kfz-Betriebe zukommt, erläutert Prof. Stefan Bratzel bei der Versammlung der Innungen Hildesheim-Süd und Osterode.

Märkte und Kunden der Autoindustrie sind derzeit in einem großen Wandel. „Die aktuelle Krise beschleunigt den Paradigmenwechsel in der Automobilindustrie erheblich“, so Prof. Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach auf der ersten Veranstaltung in Einbeck, die die beiden Innungen Hildesheim-Süd und Osterrode gemeinsam veranstaltet haben.

Bis 2015 nimmt die Bedeutung der Triade-Märkte Europa, USA und Japan weiter ab: Ihr Anteil sinkt auf unter 50 Prozent. Damit verliert auch der deutsche Markt an Bedeutung. BMW hat auf seinem Heimatmarkt zur Jahrtausendwende noch 28 Prozent seiner Modelle abgesetzt, 2008 waren es lediglich noch 19 Prozent.

Nicht nur die Bedeutung der Märkte wandelt sich, auch bei den Kunden lassen sich klare Änderungen feststellen. Der Kunde werde älter, weiblicher – umweltorientierter und preisbewusster, so Bratzel. Ältere Fahrer zeichnen sich durch eine hohe Markentreue aus, zudem sind Komfort und Sicherheit von großer Bedeutung. Sie wollen persönlich angesprochen werden, so Bratzel, dies erfordere zwar mehr Zeit, zahle sich aber entsprechend aus, da die Kunden mehr Geld ausgeben.

Dagegen müssen die Jüngeren mehr aufs Geld achten: Sie kaufen preiswertere Modelle, da sie nicht an anderer Stelle auf Konsum verzichten wollen. Für Bratzel eine gefährliche Entwicklung: „Breitet sich dieses Verhalten aus, dann wird der Premiummarkt dichtmachen.“

Bedenkliche Entwicklung der Kaufkraft

Während Männer beim Pkw-Kauf Emotionen zeigen, agieren Frauen wesentlich rationaler. Für Frauen sei das Preis-Leistungsverhältnis sehr wichtig, so Bratzel. Zudem wollen junge Frauen ein ansprechendes Design und hohe Sicherheit.

Nach Ansicht des Autoexperten hat sich in Deutschland die Kaufkraft bedenklich entwickelt. Seit 2002 stagniere der private Konsum, so Bratzel. Verantwortlich dafür seien unter anderem Kurzarbeit, niedrige Reallöhne und unsichere Arbeitsplätze. Zudem sind die Mobilitätskosten in den vergangenen acht Jahren um 20 Prozent gestiegen. Mit steigenden Spritkosten sei weiter zu rechnen.

Bratzel geht nicht davon aus, dass sich an der Kaufzurückhaltung etwas ändert. Für das laufende Jahr rechne er mit 2,7 bis 2,8 Millionen Neufahrzeugen, ab 2011 könne der Markt auf drei Millionen Pkw steigen. Dabei bleibt es: Diese Zahl werde in den nächsten Jahren eher unter- als überschritten, so Bratzel.

Professionalisierung notwendig

Von Autohäusern fordert Bratzel mehr Professionalität. Eine kaufmännische Führung müsse den stetigen Überblick über die Zahlen haben, so der Autoexperte: „Das ist eine Überlebensbedingung.“

Die Rahmenbedingungen für den Handel werden nicht besser werden. Das Internet sorgt auch weiterhin für transparente Preise. Gleichwohl sieht er den Rückgang der Rabatte. Hersteller und Handel können nicht weiter subventionieren.

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